Herr Thurnherr, was kennzeichnet eine wirklich innovative Versicherung Ihrer Meinung nach?
Wenn sie einem effektiven Bedürfnis entspricht und dem Versicherten einen echten Nutzwert bringt – zum Beispiel in Form einer neuen oder besseren oder günstigeren Leistung.

Haben sich in den letzten Jahren Anforderungen, Merkmale oder das Verständnis von Innovation in der Assekuranz verändert?
In den über 20 Jahren als Mitglied der Jury des Innovationspreises der Schweizer Assekuranz habe ich verschiedene «Innovationswellen» erlebt. Es gab regelrechte Innovations-Hypes. Und dann auch wieder sehr ruhige Phasen, in denen die Industrie stark mit sich selbst beschäftigt war. Am Anfang waren echte Innovationen bei den Produkten möglich. Zwischenzeitlich waren es mehrheitlich Prozessinnovationen. Und in den letzten Jahren dominierte das Thema Digitalisierung. Aus Sicht der Branche fällt mir dabei auf, dass das Verständnis von Innovation sehr nach innen orientiert ist – selbst wenn in den PR-Dokumenten die Nähe zu den Kundinnen und Kunden hervorgehoben wird.

Innovationspreis der Schweizer Assekuranz:

HZ Insurance, das Institut für Versicherungswirtschaft der Universität St. Gallen, der Schweizerische Brokerverband SIBA, die Swiss Association of Insurance and Risk Managers SIRM und das Prüfungs- und Beratungsunternehmen EY Schweiz sowie erstmalig Microsoft Schweiz, verleihen am 12. November 2020 den 22. Innovationspreis der Schweizer Assekuranz.

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Machen Sie Beispiele!
Die Branche feiert sich zum Beispiel, wenn die AVB nicht mehr 20 Seiten umfassen, sondern auf zwei Seiten Platz haben. Oder wenn sie eine App lanciert. Aus Sicht der Konsumenten muss eine Versicherungslösung vor allem einfach und verständlich sein – und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis aufweisen. Letztlich bleibt der Kern einer Versicherung, existenzbedrohende Risiken abzuwälzen. Ob beispielweise eine Hochzeitsversicherung dazu gehört, darüber kann man diskutieren – ja, man muss sogar darüber diskutieren. Das Beispiel zeigt eher die Hilflosigkeit der Branche und wie gefangen sie im eigenen System war. 

Die praktische Umsetzung von Innovationen ist oft nicht leicht. Mit welchen Hürden und Problemen muss man rechnen?
Bei der Grösse der Schweizer Versicherer und der relativen Geschlossenheit des Marktes haben es Innovationen bei uns schwer. So sind die Hürden des Markteintritts für neue Anbieter hoch. Damit bleiben ein richtiger Konkurrenzkampf und der Druck für echte Veränderungen, also Innovationen, gering. Die Digitalisierungswelle und damit die Disruption klassischer Wertschöpfungsketten wirken nachhaltig.

Welche konkreten Handlungsempfehlungen zur Lösung dieser Hürden können Sie der Branche aufzeigen?
Nach meiner Erfahrung bringen oftmals kleine, agile Teams gute Resultate. Einige Versicherer haben das realisiert und bringen rasch kleinere Innovationsschritte zur Marktreife – und damit eine Lösung, die tatsächlich einem echten Kundenbedürfnis entspricht. 

Wo sehen Sie im Zusammenhang mit Innovation weitere Herausforderungen auf die Assekuranz zukommen?
Die Assekuranz als glaubwürdiger und robuster Träger von existenzbedrohenden Risiken befindet sich in einem Lernprozess, um neue Modelle des Mutualismus zu erproben. Entscheidend ist, die richtigen Kooperationen und dabei die Balance zu finden. Die Finanzierung und Förderung von Insurtech-Unternehmen weist in diese Richtung.

Stefan Thurnherr, Partner beim VZ VermögensZentrum
Quelle: ZVG

Stefan Thurnherr ist Partner beim VZ VermögensZentrum, Stefan.Thurnherr@vzch.com, LinkedIn