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InsurTechs
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Gute Ideen zu kopieren, ist nie falsch. Das gilt auch für die Assekuranz.Quelle: Mixmike

Die grossen schweizerischen Versicherungen kaufen von InsurTechs vielmehr Kundenbestände denn Technologie. Auf den europäischen Märkten gibt es indes bemerkenswerte Konzepte, die auch für die Schweiz interessant wären.

Von Matthias Niklowitz
am 25.09.2018

Anfang Juli kaufte die Mobiliar den Online-KMU-Hersteller Bexio für einen kolportierten Betrag um die 115 Millionen Franken. Kurz darauf beteiligte sich Helvetia via Venture-Arm am Unternehmen BlueID, das Systeme für die mobile Zugangskontrolle herstellt. Baloise wiederum beteiligt sich an Carhelper, einem Autoreparatur-Vergleichsdienst. Und die Cover-More-Group mit Sitz in Sydney, die zum Zurich-Konzern gehört, kündigte Ende Juli die Übernahme der irischen Blue Insurance an. Blue Insurance gilt als eine der innovativsten, über digitale Kanäle verkaufende Reiseversicherungen.

Laut Analysten ist damit wenigstens beim Zurich-Cover-More-Deal eine industrielle Logik sichtbar: Zurich bietet auf der Easyjet-Plattform zum Beispiel jetzt schon Reise-Zusatzversicherungen an, die via Easyjet hinzugebucht werden können. Dabei macht man sich die «Anker»-Funktion der Fluggesellschaft zunutze: Reisen ist ein Bedürfnis, für das Kunden freiwillig und gerne eine Webseite aufsuchen. Bei den anderen Abschlüssen klingen die Formulierungen der Käufer jeweils einigermassen gewunden: Mobiliar wird seine Position im KMU-Markt «auch digital ausbauen», belässt Bexio aber die volle unternehmerische Freiheit und den Start-up-Groove. «Beim aktiven Management von Risiken ist die Zutrittssteuerung zu Anlagen und Objekten von grosser Bedeutung», heisst es von Helvetia. «BlueID bietet hier neue Möglichkeiten und somit werden für Versicherungen neue Geschäftsmodelle und Versicherungslösungen möglich.» Und gemäss Baloise gehe es bei Versicherungen zunehmend weniger um Produkte, sondern «um Dienstleistungen, die über eine kundenfreundliche digitale Plattform in ein Ökosystem integriert sind».

Solche Transaktionen sollen das Fernziel, eigene digitale Ökosysteme aufzubauen, unterstützen und natürlich zusätzliche Einnahmenströme generieren. Allerdings müssen laut den Analysten von CB Insights, einem auf FinTechs spezialisierten Marktforschungsunternehmen, die einzelnen Komponenten digitaler Ökosysteme im Rahmen einer Firmen-Gesamtstrategie sauber integriert werden. Und schweizerische InsurTechs bzw. die Preise, die schweizerische Incumbents für Beteiligungen an InsurTechs zu zahlen bereit sind, sind weltweit Spitze, wenn man auf das hiesige Marktvolumen und -potenzial abstellt. Typische Dealgrössen lagen weltweit im ersten Halbjahr bei 10 bis 20 Millionen US-Dollar. Allein die Bexio/Mobiliar-Transaktion wird der Statistik einen Schub nach oben geben – ähnlich wie Ende 2016 die Moneypark/Helvetia-Beteiligung.

Teure Kunden

Bemerkenswert sind die Unterschiede zwischen schweizerischen und nichtschweizerischen Versicherungen hinsichtlich ihrer FinTech-Strategien: Hiesige Versicherer kaufen via InsurTech-Start-ups oft Marktanteile bzw. bestehende Kundenportfolios. Nichtschweizerische Versicherungen kaufen vielversprechende Technologien – die Kunden bringen sie bei ihrer Argumentation ja gleich mit, «sie müss(t)en nicht doppelt bezahlt werden», wie sich ein auf die Branche spezialisierter VC-Berater ausdrückt. Die Strategie schweizerischer Versicherungen erscheint auf den ersten Blick deshalb konservativer, weil die Übernahmeziele oft schon erste Umsätze generieren und es sich gezeigt hat, dass die neuen Technologien auch einem tatsächlichen Kundenbedürfnis entsprechen. Eingerechnet werden die oft hohen Kosten der Kundenakquisition – auch wenn das nur selten auch so kommuniziert wird. Auf den zweiten Blick ist diese Strategie laut den Experten riskant: Technologien lassen sich vergleichsweise leicht kopieren; der Schlüssel zum Erfolg liegt deshalb eher an einer besseren Bewirtschaftung der eigenen Kundenbasis und dem Aufbau eigener Plattformen, wie das Pax mit seiner Creadi-Plattform im Mai unternommen hatte. Es ist indes kein Kinderspiel, von Null aus eine Kundenbasis aufzubauen, wie die gemischte Erfolgsbilanz vieler InsurTechs gezeigt hat.

Bemerkenswert viele Transaktionen gab es in der ersten Jahreshälfte im Bereich Lebensversicherungs-InsurTechs. Junge Firmen wie Ladder, Ethis, Fabric und Bestow sammelten zwischen 10 und 40 Millionen US-Dollar ein, um ihre Aktivitäten rund um Lebensversicherungen zu verstärken. Munich Re und Hannover Rück sind bei drei dieser Firmen die tragenden Partner. Swiss Re wiederum treibt zusammen mit einem Dutzend weiterer grosser Versicherungen das weltweite Blockchain-Projekt aus Zürich im Rahmen der Blockchain Insurance Industry Initiative (B3i) voran.

Kopierbare Konzepte

«Gute Ideen sind nicht Mangelware – gute Umsetzungen dagegen schon», fasst ein Versicherungsmanager seine Sichtweise zusammen. Aus den europäischen Märkten kommt eine Reihe von bemerkenswerten Ideen und Konzepten, die sich mit vertretbarem Aufwand für den schweizerischen Markt übernehmen lassen. Dazu gehören:

·    SaveUp: Ein von Munich Re Life Financial Solution vorangetriebenes neues Lebensversicherungskonzept. Es beinhaltet nicht nur innovative Produktfeatures (Partizipationsmöglichkeiten an Anlagemärkten plus Garantien) sowie eine Vereinfachung der bisherigen Komplexität, sondern auch digitale Informations- und Verkaufsmöglichkeiten. Hier kommt das zusammen, was in einer HSG-Studie gefordert wurde: «Richtige» Innovationen erfordern weit mehr als nur neue Technologien. SaveUp ist ein neu konzipiertes Lebensversicherungsprodukt mit Wahl- und Handlungsoptionen für die Policenkäufer, die über das hinausgehen, was viele weitere Lebensversicherungen anbieten.

·    Abracar: Dahinter verbirgt sich ein Auto-Broker: Konsumenten können ihr Auto zum höchstmöglichen Preis weiterverkaufen. Abracar erleichtert den Prozess mit simplen Schritten für das Hochladen von Informationen, Fotos usw., ergänzt dies um einen professionellen Expertenbericht, unterstützt den Verkaufsprozess bei der Preisfindung und bereitet den Kaufvertrag vor. Beide Seiten profitieren von der Expertise von Drittparteien (zum Auto selber), die dieses Projekt finanzierende Allianz profitiert von dazu verkauften Versicherungspolicen, Finanzierungsmöglichkeiten und Garantien.

·    Qover: Dieses «Versicherung-als-Service»-Angebot von Lloyd‘s of London ist für Nichtversicherungen (wie Autofirmen, Versorger, grosse Immobiliengesellschaften, E-Commerce-Plattformen) gedacht, die ihren Kunden Versicherungsleistungen anbieten möchten. Die Anbindung erfolgt via Open-API-Schnittstellen. Im Hintergrund werden White-Label-Versicherungen angeboten.

·    Sentiance/Sureify Labs: Das Start-up Sentiance aus Antwerpen nutzt Sensor-Daten, um damit das Verhalten der Kunden in Echtzeit analysieren zu können. Daraus lässt sich erkennen, ob und zu welchen Zeitpunkten Menschen überhaupt eine Police benötigen – und wenn ja, welche. Ergänzt wird diese Momentaufnahme um den Service von Sureify Labs aus den USA. Dieses hat sich auf die Kundenkommunikation über längere Lebensabschnitte spezialisiert. Beide Firmen arbeiten zusammen, um sowohl kurz- als auch langfristige Kundenbeziehungen aufzubauen und zu vertiefen. Kommuniziert werden kann über alle Kanäle. Die Combo wird Drittparteien (wie beispielsweise konventionellen P&C-Versicherungen) als Service angeboten.

 

Laut Analysten sind solche Modelle kopierbar. Sie erfüllen zudem die wichtigsten Erfolgskriterien für InsurTechs: Die Lösungen entsprechen den Elementen der «digitalen Lebensstile» ihrer Kunden – und damit sind sie automatisch gefragt. Zudem passen sie in grössere digitale Ökosysteme (und werden tatsächlich auch in diese integriert). Schliesslich erfolgen die Interaktionen nahtlos und die Reaktionen der Systeme sind so voraussehbar, wie es dem gesunden menschlichen Verstand entsprechen.