Für Nicola Fioravanti, Chef des Versicherers Intesa Sanpaolo Vita und Verantwortlicher der Assekuranzsparte der Mailänder Grossbank Intesa Sanpaolo, liegt ein Engagement im Schweizer Versicherungsmarkt im Bereich des Möglichen. Intesa Sanpaolo habe in der Schweiz bereits beim Asset Management mit ihren Eurizon-Produkten und im Private Banking mit Intesa Sanpaolo Private Bank (Suisse) Morval Fuss gefasst. Zwar liege derzeit kein Dossier für eine Beteiligung in der Schweizer Versicherungssparte auf dem Schreibtisch, er schliesse ­jedoch ein Engagement nicht aus, sollte sich eine Gelegenheit bieten.

Die Mailänder wollen im Assekuranzbereich im In- und Ausland zulegen und ihren zwölf Millionen Bankkunden auch ein Engagement im Versicherungssektor schmackhaft ­machen. Dies sieht der Geschäftsplan 2018 bis 2021 vor. Im Lebensektor hält die Bank bereits eine Spitzen­position am italienischen Markt. In der Schadensparte will sie bis 2021 vom bisherigen 13. Rang (2017) auf den 4. Platz aufsteigen. Und im ­Nicht-MF-Schadensektor soll sogar der Platz Numero uno erreicht werden. Die Brutto-Beitragszahlungen in der Schadensparte sollen bis 2021 von 431 Millionen Euro (2017) auf ins­gesamt 2,5 Milliarden zunehmen. Wachstumsmotor soll dabei der ­Nicht-MF-Sektor sein. Das Prämienaufkommen in dieser Sparte soll bis 2021 von 88 Millionen (2017) auf 1,2 Milliarden Euro aufgestockt werden. Die Wachstumsambitionen basieren nicht nur auf der positiven Entwicklung in den Jahren 2014 bis 2017, als Intesa Sanpaolo Assicura (mit Sitz in Turin), der Schadenversicherer der Bank, am italienischen Markt vom 24. Rang auf Platz 13 vorrückte.

Italien im Rückstand

Basis für das avisierte Wachstum ist die geringe Versicherungsquote des Landes. «Die Versicherungskultur in Italien hinkt jener anderer europäischer Länder hinterher», bestätigt ­Nicola Fioravanti. Nur 23 Prozent ­aller Italiener haben laut der Marktforschungsgesellschaft Ipsos eine ­Lebensversicherung. Der Anteil der Inhaber von Gesundheitspolicen liegt bei 21 Prozent der Bevölkerung. Und nur 6 Prozent aller Italiener haben eine Police für Risiken am Arbeitsplatz. Trotz dieser «Unterversicherung» zeigt eine Umfrage, dass sich 56 Prozent aller Italiener «arbeits­mässig» keineswegs beschützt fühlen. Und 40 Prozent der Bevölkerung bestätigen laut der Ipsos-Umfrage, keinerlei ­Garantien für Krankheitsfälle zu haben. Sie bezweifeln, sich allfällige ­nötige ärztliche Hilfeleistungen oder klinische Kuren leisten zu können. Der geringe Schutz bei Krankheits­risiken belastet vor allem die Jugend­lichen. Drastisch unter­versichert sind auch die Wohnungen: 78 Prozent aller italienischen Wohnungen und Immobilien unterliegen überdurchschnittlich hohen Risiken im Fall von Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Erdrutschen oder Erdbeben. Nur 2 Prozent aller Wohnungen sind laut den Experten von ­Ipsos versichert.

Die Italiener ziehen es vor, ihre Ersparnisse liquide zu halten, um im Notfall eingreifen zu können. Drei Viertel aller Italiener halten über die Hälfte ihrer Ersparnisse für entsprechende Notfälle disponibel. Fioravanti: «Die Herausforderung für die kommenden Jahre besteht darin, die Kunden von der Notwendigkeit und der Gültigkeit von Versicherungspolicen zu überzeugen. Wir müssen vor ­allem ihr Bewusstsein stärken, dass es eine Risikodeckung gibt. Wichtig ist, dass die Kunden auch für unvorher­gesehene Risiken gerüstet sind.» Laut Fioravanti würde eine höhere Versicherungsquote auch der Wirtschaft neue Impulse verleihen.

Das Potenzial des italienischen Versicherungsmarkts wird übrigens auch im Ausland wahrgenommen. Crédit Agricole Assurance ist kürzlich mit der norditalienischen Bank Creval eine langfristige Kooperation für den Vertrieb von Policen in der Lebensparte eingegangen und hat sich zu 5 Prozent an Creval beteiligt. Die ­italienische Tochtergesellschaft der Münchner Allianz hat 2018 die beste Bilanz aller ausländischen Tochter­gesellschaften ausgewiesen.

Neue Spezialisten

Um ihr Ziel zu erreichen, will die Intesa Sanpaolo ihren Assekuranz­vertrieb ausbauen und 220 Spezialisten für den Verkauf von Policen einsetzen. «Auch die Direktoren in unseren 30 000 Filialen werden für den Assekuranzbereich geschult beziehungsweise neu ausgebildet», betont Fioravanti. Insgesamt würden bis 2021 rund 300 Millionen Euro in neue Technologien, Digitalisierung und künstliche Intelligenz investiert. «Wir arbeiten auch an der Erstellung einer digitalen Plattform, um neue Nicht-Bankkunden für den Versicherungsbereich zu akquirieren.» Der Fokus werde auch auf den Kundenservice gelegt, der mittels 500 Spezialisten ausgebaut wird.

Wachsende Zukunftschancen sieht der Versicherungschef auch bei der künstlichen Intelligenz. In diesem ­Bereich hat die Bank bereits bei MF-Versicherern innovative Technologien eingesetzt, die etwa bei der Schätzung von Schäden eingesetzt werden. Um ihr Engagement im Versicherungs­bereich zu unterstreichen, heissen ­inzwischen alle Filialen «Intesa Sanpaolo – Banca Assicurazione». «Assicuarzione» wurde neuerdings hinzugefügt.

In jüngster Zeit wurden Gerüchte laut, dass sich Intesa Sanpaolo möglicherweise an der Vittoria Assicurazioni beteiligen oder aber mit der Poste Italiane in der Schadensparte kooperieren werde. Fioravanti meint dies­bezüglich lediglich, dass er Gerüchte grundsätzlich nicht kommentiere. Das Wachstum werde sich vorerst auf den «inneren» Bereich konzentrieren, aber er schliesse Beteiligungen im In- und Ausland nicht aus. Im Ausland soll im Versicherungsbereich vor allem dort expandiert werden, wo die Banca ­Intesa Sanpaolo Filialen unterhält.
«Die Bank- und Versicherungsgruppe soll zu einem Marktführer im Bereich Wealth Management and Protection in Italien avancieren», fasst Versicherungschef Nicola Fioravanti die Strategie zusammen. Priorität habe für den Mailänder Versicherer das Wachstum im Inland, betont er. Auf die Frage, ob er denn auch 2019 eine Fortsetzung des Preisschwunds in der Schadensparte vorsehe, meint Fioravanti nur: «Unser Anliegen ist, den besten Service zum richtigen Preis anzubieten.»

Bereit für den Aufschwung

Im Gegensatz zum italienischen Bankenbereich, in dem derzeit ein Konsoli­dierungsprozess stattfindet, erwartet Fioravanti bei Versicherern keine weitere Konsolidierung. Doch die sich anbahnende Rezession der italienischen Wirtschaft, das Zunehmen des Spread (Zinsdifferenz zwischen deutschen und italienischen Staatsanleihen), droht Schatten auf die Branche zu werfen. «Wir müssen bereits 2019 die Wege für ein beschleunigtes Wachstum 2020 öffnen», erklärt der Versicherungschef. «Dabei müssen wir uns auf unsere Vorteile konzentrieren. Italiens verarbeitende Industrie ist ein Aushängeschild für Europa. In den vergangenen Jahren konnten sich zahlreiche Klein- und mittlere Betriebe sanieren.»

Des Weiteren übertreffe das private Sparvermögen in Italien jenes der meisten übrigen europäischen Länder. «Es handelt sich um 10,5 Billiarden Euro, wovon aber nur ein kleiner Anteil dem verwalteten Sparvermögen zuzuzählen ist. Der Rest wurde grösstenteils in Immobilien investiert, welche bislang kaum von der Spekulation betroffen sind.» Die Bedingungen, um der Wirtschaft neuen Schwung zu geben, seien vorhanden.