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120 Dollar beim Ölpreis stehen kurz bevor

Experten sehen den Ölpreis auf 120 Dollar steigen. Die Gründe für die Preishausse sind vielfältig, am häufigsten wird aber die Dollarschwäche genannt.

Von Nando Sommerfeldt
am 22.04.2008

«Diese Kurse sind fundamental durch nichts zu rechtfertigen. Es handelt sich nur um eine riesige Spekulationsblase.» Grosse Empörung machte vor einem halben Jahr an den Rohstoffmärkten die Runde. Grund: Der Ölpreis war über 80 Dollar gestiegen. Wer damals prophezeite, dass bereits sechs Monate später selbst die 100-Dollar-Marke schon lange Geschichte ist, wäre zum unseriösen Spekulanten abgestempelt worden.

Spekulative Gelder

Zu Unrecht, wie man heute weiss. Seit Mittwoch ist der Ölpreis auf mehr als 114 Dollar je Barrel gestiegen. Rohöl der US-Sorte WTI zur Lieferung im Mai wurde in der Spitze bei 114,53 Dollar gehandelt und war damit so teuer wie nie zuvor, seit der Terminhandel an der Warenterminbörse in New York im Jahr 1983 begann. Die in Europa gängige Sorte Nordseeöl namens Brent zur Lieferung im Juni wurde in London bei mehr als 112 Dollar je Barrel gehandelt. Allein in diesem Jahr hat sich der Rohstoff um knapp 20% verteuert.Die Gründe für die aktuelle Beschleunigung der Preisrally sind vielfältig. Das derzeit am häufigsten genannte Argument ist der fortgesetzte Wertverfall des Dollar zum Euro. Bei Kursen von bis zu 1,5966 Dollar je Euro hatte die US-Währung am Mittwoch den historisch tiefsten Stand seit Einführung des Euro markiert. Am Markt wurden deshalb weiterhin Devisenspekulationen mit Wetten auf einen steigenden Ölpreis abgesichert, was gerade in Zeiten lustloser Aktienmärkte als lohnende Investmentalternative gilt.

«Die Menge spekulativer Gelder, die in den Rohstoffmarkt fliessen, nimmt zu», sagte ein Händler in London. «Der dominierende Faktor beim Ölpreis wird weiter der Dollar sein, und das wird noch eine Weile so bleiben.»

«Wir beobachten derzeit einen aussergewöhnlich starken Zusammenhang zwischen Dollar-Schwäche und Ölpreisanstieg», bestätigt auch Frank Schallenberger, Rohstoffexperte bei der Landesbank Baden-Württemberg. Er hält letztlich jedoch andere Gründe für entscheidend für das aktuelle hohe Preisniveau. «Die jüngsten Daten zu den chinesischen Ölimporten sind extrem hoch ausgefallen und haben die meisten Marktteilnehmer überrascht.» Allein im März führten die Chinesen pro Tag 4,1 Mio Barrel ein, was gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung von satten 25% ist.

Diese Zahl hatte den Markt deshalb so sehr überrascht, da aufgrund der Rezessionsängste in den USA ein Abflauen der weltweiten Ölnachfrage erwartet wurde. Doch davon kann im Reich der Mitte keine Rede sein. Laut aktuellen statistischen Angaben des Landes ist die Wirtschaft im 1. Quartal dieses Jahres mit einer Rate von 10,6% rasant gewachsen.

Schallenberger hat für dieses Jahr grundsätzlich eine Durchschnittsprognose von 110 Dollar je Barrel ausgegeben. Inzwischen geht er jedoch davon aus, dass auch ein Niveau zwischen 120 und 130 Dollar realistisch ist. «Sollte die Opec, wie angekündigt, in den kommenden Monaten keine Erhöhung der Fördermenge beschliessen, werden wir weiter steigende Notierungen sehen.»

Das sehen die Analysten der Commerzbank ganz genauso: «Wir sehen einen intakten Aufwärtstrend und schliessen ein Erreichen von 120 Dollar in den nächsten Wochen nicht aus.»

Wahrscheinlicher wird dieses Szenario auch durch die Aussagen des russischen Energieministers Viktor Christenko, der neue Ängste über sich verknappende Fördermengen auf dem Weltmarkt für Rohöl schürte. So war der Ausstoss russischen Rohöls im März um 1,3% gegenüber dem Vorjahr gesunken. Die Regierung denke nun über Steuererleichterungen für Ölförderunternehmen nach, um die «Stagnation» bei der Produktion zu überwinden, sagte der Minister vor einigen Tagen. «Was derzeit in Russland passiert, ist der Ausdruck eines weltweiten Nachschubproblems», sagt Jonathan Kornafel von Hudson Capital Energy in Singapur. «Die Opec will die Förderung nicht erhöhen, und gleichzeitig geht die Produktion ausserhalb der Opec zusehends zurück. Bei der Förderung gibt es derzeit einen Rückschlag nach dem anderen.»

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