Nach der Telekom kämpft nun auch der Finanzdienstleister AWD mit einem Datenskandal.

Dem Hörfunksender NDR Info (Norddeutscher Rundfunk) wurden 27 000 Datensätze von Kunden, des Unternehmens aus Hannover zugespielt. Diese enthalten nach Angaben des Senders Namen, Adressen, Geburtstage und Berufsbezeichnung. Besonders brisant: Auch Angaben zu Verträgen, die mit AWD-Beratern abgeschlossen wurden, stehen angeblich in der Excel-Tabelle. Daraus werde unter anderem deutlich, welche Kunden eine Lebensversicherung abgeschlossen und wie viel Geld sie angelegt haben. Ein grosser Teil der Verträge sei weiterhin gültig. Die Kundendaten stammten fast alle aus Nordrhein-Westfalen, einige auch aus Norddeutschland.

Zweifel an der Echtheit

Das zum Schweizer Versicherer Swiss Life gehörende Unternehmen bestätigte grundsätzlich die Panne. Allerdings seien zahlreiche der ihnen vom NDR vorgelegten Daten «veraltet oder nicht mehr existent», sagt ein Béla Anda, Sprecher der AWD. Der Hörfunksender habe ihnen eine Stichprobe mit Informationen zu 17 vermeintlichen Kunden übergeben.

Die jüngsten Daten stammten aus dem Jahr 2001, die Mehrzahl aus den 90er-Jahren. Die überwiegende Zahl der genannten Büros existiere nicht mehr. Zudem liessen die vor den Kundennamen stehenden achtstelligen Kennziffern an der Echtheit zweifeln. «Der Verdacht liegt nahe, dass die Daten manipuliert wurden», sagt Anda gegenüber der «Handelszeitung».

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Währenddessen wollte sich das Mutterhaus Swiss Life zu dem Vorfall nicht äussern. «Die Angelegenheit befindet sich derzeit bei AWD in Abklärung. Aus diesem Grund können wir dazu noch keine Stellung nehmen», sagt Swiss-Life-Mediensprecher Martin Läderach.

Keine sensiblen Daten

Das Unternehmen AWD mit seinen 6000 Finanzberatern und europaweit rund 2 Mio Kunden legte Wert auf die Feststellung, dass es um keine sensiblen Daten im Sinne des Datenschutzes gehe, insbesondere keine Konto- oder Bankverbindungen, keine Hinweise zum Gesundheitszustand der Kunden. Dies habe das Landesamt für Datenschutz bestätigt.

Dieser Darstellung widersprach allerdings ein Sprecher des Landesbeauftragten für Datenschutz. «Vieles deutet darauf hin, dass es sich um personenbezogene Daten von besonderer Qualität handelt.» Gerade Angaben zu Verträgen und ihren Laufzeiten seien schutzwürdige Informationen. Sie fielen damit automatisch unter das Datenschutzgesetz. «Wir sehen sie, wie die Betroffenen auch, als sensibel an», so der Sprecher weiter. Bislang lägen dem Landesbeauftragten die Daten allerdings nicht vor.

Leck im Management?

Der Finanzdienstleister AWD widersprach Spekulationen, dass nur hochrangige Mitarbeiter an eine so grosse Datenmenge kämen. «Das ist keine Frage der Position, sondern eine Frage des Zugriffs», sagt der Unternehmenssprecher. In den vergangenen fünf Jahren seien die Sicherheitsstandards stark verbessert worden. Die nun aufgetauchten Daten seien kein Widerspruch zu dieser Aussage, da sie augenscheinlich schon älter seien.

Der Norddeutsche Rundfunk zitiert im Internet den angeblichen Informanten mit den Worten: «Die Daten sind mir von einem AWD-Landesdirektor gegeben worden. Der Zweck war einfach, Kundenakquise daraus zu betreiben.» Wenn man wisse, dass ein Vertrag am so und sovielten September oder Dezember eines Jahres auslaufe, könne man gezielt dort anrufen und den Kunden fragen, was er mit dem frei werdenden Geld machen wolle.

AWD stellte am letzten Mittwoch eine Anzeige gegen Unbekannt bei der Staatsanwaltschaft Hannover. Zugleich sei der niedersächsische Datenschutzbeauftragte informiert worden. AWD habe ausserdem eine interne Aufklärungseinheit mit zehn Leuten eingesetzt.

«Wir wollen eine lückenlose Aufklärung und werden die Staatsanwaltschaft vollumfänglich bei ihren Ermittlungen gegen Unbekannt unterstützen», so der AWD-Sprecher. Man habe den NDR gebeten, zumindest der Staatsanwaltschaft vollumfänglich Einblick zu gewähren. «Die Täter müssen zwingend gefasst und bestraft werden», sagt Anda.

Vorsichtsmassnahmen

Um sich künftig vor solchen Missbräuchen zu schützen, plant AWD derzeit keine weitere Vorsichtsmassnahme. «Wir haben schon vor einigen Jahren im Betrieb die Sicherheit erhöht und ein neues Betriebssystem eingeführt», so Anda. Aber natürlich sei man dadurch nicht zu 100% vor einem Übergriff geschützt. «Besonders das Internet birgt grosse Gefahren», so der AWD-Unternehmenssprecher.