Zum Vorweihnachsstress kommt bei Investoren noch eine zusätzliche Anspannung hinzu: Bald nämlich flattern ihnen die Jahresauszüge ihrer Anlagedepots in den Briefkasten.

Und mit den gewaltigen Börsenbewegungen der letzten Monate dürfte heuer einiges an Überraschungen zu erwarten sein. Weshalb es die Zeugnisse über die Arbeit der Vermögensverwalter dieses Jahr doppelt genau zu prüfen gilt. Denn wer bei überschrittenen Anlagerichtlinien und falsch eingebuchten Titeln nicht rechtzeitig reklamiert, tappt in eine nur wenig bekannte Falle - das juristische Schlagwort heisst hier «Stillschweigende Genehmigung».

Späte Erkenntnis

Diese ist meist in den allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) enthalten - dem «Kleingedruckten» im Vertrag mit der Bank. Die Klausel sieht in der Regel vor, dass die Beanstandung seitens des Kunden unverzüglich erfolgen muss. Bleibt eine solche aus, darf die Bank davon ausgehen, dass die Transaktion genehmigt wurde. Stillschweigend eben.

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Die Fristen für Einsprachen sind dabei meist abhängig von den Geschäftsbedingungen, bei Zahlungsaufträgen ist eine Frist von einem Monat üblich. Doch oft genug werden die Einsprachetermine verpasst und die Kunden vernehmen erst im Nachhinein, welche Handlungen sie damit autorisiert haben.

Aber auch, wenn der Kunde rechtzeitig reagiert, ist längst nicht sicher, dass die Bank auch den entstandenen Schaden auf sich nimmt. Viele AGB sehen vor, dass das Unternehmen nur bei grobfahrlässigen Verstössen gegen die Sorgfaltspflicht die Haftung übernimmt, etwa bei Transaktionen gegen den expliziten Willen des Kunden. Versehentliche Fehler bei Transaktionen gelten dagegen als leichtes Vergehen und gehen auf die Kappe des Kunden.

Entscheidung vor Gericht

Diese Praxis sorgt zunehmend für Zündstoff. «Die aufgrund der Börsenbaisse gesunkenen Depotwerte geben gegenwärtig vermehrt Anlass zu Streitigkeiten über Anlagegeschäfte und deren stillschweigende Genehmigung», sagt Thierry Spaniol, Rechtsanwalt und Partner bei der Kanzlei Zulauf Bürgi Partner in Zürich. Die Fälle, die vor Gericht gezogen würden, hätten klar zugenommen.

Die Banken sind dabei offensichtlich wenig zimperlich: «Dem Kunden, der eine entsprechende Sorgfaltspflichtverletzung nachweisen kann, halten die Banken regelmässig eine stillschweigende Genehmigung der fraglichen Transaktionen entgegen, sofern diese nicht gemäss AGB beanstandet wurden», so Spaniol.

Demgegenüber kontert Martin Somogyi, Sprecher bei der Privatbank Julius Bär: «Bei Handelsaufträgen werden Auftrag und Ausführung jeweils genau dokumentiert, damit entfällt grundsätzlich die Notwendigkeit für eine Stillschweigende Genehmigung.» Im Falle einer Reklamation werde seitens der Bank jeder Fall einzeln betrachtet und beurteilt, sagt Somogyi.

Keine Klagen im Boom

Hanspeter Häni, Schweizerischer Bankenombudsmann, stellt seinerseits ein Zunahme von Streitigkeiten über Anlagegeschäfte fest. Das sei jedoch in jeder Krise so, wenn die hohen Renditeerwartungen in Risiken umschlügen. «In Boomzeiten reklamiert niemand», sagt Häni. Konflikte über die Stillschweigende Genehmigung seien jedoch Tatsache - und die Beweisführung aus dem Briefverkehr und Gesprächen zwischen Kunde und Bank sei dann schwierig. Deshalb empfiehlt es sich, Vorkehrungen zu treffen (siehe Kasten).

Einzelne Banken haben inzwischen die AGB mehr zugunsten der Kunden gestaltet. So kennen UBS und Credit Suisse die Regelung, dass sich die Haftung nach der geschäftsüblichen Sorgfalt richtet. Also das, was der Kunde erwarten darf.