Wie kommentieren Sie das laufende Geschäftsjahr 2007/08?

Paul Van Iseghem: In den ersten neun Monaten sind wir gegenüber dem Vorjahr um 12% gewachsen. Für das Gesamtjahr erwarten wir ein Plus von 8%. Dies ist im Vergleich zum zweistelligen Wachstum der vergangenen Jahre zwar eher tief, doch ist die Herausforderung mittlerweile gross, die starken Vorjahreszahlen zu toppen. Insgesamt erwarten wir ein gutes Ergebnis nach einem sehr guten Resultat 06/07.

Wie wollen Sie zum zweistelligen Wachstum zurückfinden?

Van Iseghem: Wir entwickeln kontinuierlich unsere Märkte. Zu denken ist dabei an die Segmente Automotive, Traction oder Energy und Automation (E&A). In Letzterem erzielten wir, wenn auch auf tiefer Basis, eine Steigerung von 61%. Die einstellige Zunahme in diesem Jahr sehen wir im Rahmen eines langfristigen Aufwärtstrends: Über mehrere Jahre werden wir das zweistellige Wachstum halten können.

Wie sehr trifft Lem die US-Krise?

Van Iseghem: Die amerikanische Wirtschaft befindet sich meines Erachtens in einer milden Rezession. Andere nennen es eine Krise. Was wir feststellen ist, dass wir in den USA ein Plus von 5% erreicht haben, welches sich nur wegen der ungünstigen Wechselkurse in ein Minus von 5% gewandelt hat. Es ist also kein operatives Problem, sondern eines der Wechselkurse.

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Trotzdem, das letzte Quartal war schwächer als diejenigen zuvor.

Van Iseghem: Wir sind zuversichtlich bezüglich Amerika, weil das Geschäft profitabel ist. In den USA machen wir nicht nur Umsatz, sondern besetzen den Markt und verdienen Geld. Und dies in einem insgesamt eher schwachen Umfeld.

Sehen Sie optimistisch ins nächste Jahr?

Van Iseghem: Wir sind zuversichtlich, sowohl kurz- wie auch mittelfristig. Hierfür gibt es drei Gründe: Einerseits werden wir eine Reihe neuer Produkte einführen, die uns neue Märkte erschliessen werden. Zudem steigt der Bedarf nach mehr Energie, Energieeinsparungen und -zuverlässigkeit. Schliesslich werden in verschiedenen Funktionen im Auto, in hybriden und elektrischen Fahrzeugen, mehr elektronische Regelungen benötigt.

Werden Sie Ihre Prognosen aufgrund der US-Krise anpassen müssen?

Van Iseghem: Nein. Lem erzielt in Amerika nur einen Umsatzanteil von 15%. Wir sollten die Lage nicht dramatisieren. Ich erwarte zwar keine schnelle Erholung, aber auch keinen Absturz. Denn unser Markt verfügt noch über viel Potenzial.

Wo sehen Sie dieses?

Van Iseghem: In der Industrie erwarten wir ein Wachstum von 4 bis 5%, während in unserem Markt mit Energiekomponenten deutlich mehr drinliegt. Die Verfügbarkeit von Energie, Energieeffizienz und Mobilität wird weiter an Bedeutung gewinnen. Davon profitieren wir global.

Schon heute ist Lem Marktleader. Wie viel können Sie noch zulegen?

Van Iseghem: Wir haben einen Marktanteil von knapp 50% und rund zehn bis zwölf Mitbewerber mit einem Marktanteil von durchschnittlich 5%. Trotzdem lehnen wir uns nicht zurück. Unser Businessmodell lässt sich mit jenem von Intel vergleichen, wir nennen es auch «Lem-Inside». Die Anlehnung an Intel ist nicht zufällig, hat der Chip-Hersteller doch einen substanziell höheren Marktanteil als wir. Dies könnte eine gute Zielvorgabe für uns sein.

Planen Sie Akquisitionen?

Van Iseghem: Unser Fokus liegt auf organischem Wachstum, Akquisitionen haben keine Priorität. Den letzten grösseren Zukauf haben wir Ende 2000 in Japan getätigt. Wir wollen unsere heutigen Aktivitäten verbessern und mehr verkaufen.

Eine Akquisition könnte Ihnen zu neuen Technologien verhelfen.

Van Iseghem: Wir haben unsere Marktführerschaft dadurch erreicht, dass wir unseren Kunden innovative Produkte anbieten. Wenn Sie mir die Visitenkarte von demjenigen geben, der uns eine innovative Technologie verkauft, dann werden wir ihn besuchen.

Ist diesbezüglich nichts erhältlich?

Van Iseghem: Wir beobachten den Markt intensiv und investieren auch in Forschungsprojekte mit Universitäten. So sehen wir, wohin sich unser Markt in Zukunft bewegen sollte.

Was sehen Sie?

Van Iseghem: Erneuerbare Energien sind ein grosses Thema. Insbesondere im Solarbereich verfügen wir über einzigartige Applikationen. Ein anderer Trend zielt in Richtung E&A, wo wir mit Wi-Lem die drahtlose Kommunikation in die Stromüberwachung eingeführt haben.

Welchen Marktanteil streben Sie an?

Van Iseghem: Heute dürfte unser Markt bei rund 400 Mio Fr. liegen. Dieser kann über neue Applikationen, neue Kunden oder gar neue Märkte auf 800 Mio Fr. ausgebaut werden. Unser Ziel ist es, unseren Markt zu erweitern und alle Lösungen im Bereich der Messung elektrischer Parameter zu liefern.

Sind dazu Partnerschaften geplant? Zum Beispiel mit OC Oerlikon?

Van Iseghem: Es bestehen keine Kontakte und wir suchen auch keine.

Wäre die Kombination nicht interessant?

Van Iseghem: Sie entspricht nicht unserer Strategie. Wir wollen weder unsere Kunden konkurrieren noch Gesamtsysteme anbieten. Lem ist ein reiner Komponentenhersteller.

Im Automotive-Bereich fiel der Ebit im 3. Quartal negativ aus. Weshalb?

Van Iseghem: Wir haben das AutomotiveGeschäft in den USA aufgebaut, in jenem Markt, der heute aus zwei Gründen für uns weniger gut läuft: Einerseits sind wir im Bereich der Sport Utility Vehicle (SUV) gross geworden, der in Amerika unter Druck steht. Andererseits belastet der schwache Dollar unser Ergebnis. Wir erwarten aber wieder einen Aufschwung, ausgehend von Asien und Europa. Unsere Produkte werden zukünftig verstärkt in Hybrid-Fahrzeugen zum Einsatz kommen, wobei sich die Hersteller noch in der Design-Phase befinden. Deshalb müssen wir uns in diesem Segment noch etwas gedulden. Eine substanzielle Verbesserung erwarte ich im Jahr 2010. Wir glauben an die Zukunft dieses Geschäftes und wollen deshalb nicht aussteigen.

Lem-Komponenten werden im Automotive-Bereich unter anderem für das Batterien-Management eingesetzt.

Van Iseghem: Damit verringert man den Verbrauch eines Autos. Dies zahlt sich schon heute bei den SUV aus, denn die Amerikaner müssen Strafen auf den Verbrauch der SUV bezahlen. Noch ausgeklügelter ist das Batterien-Management bei Hybrid-Fahrzeugen. Bei den ersten japanischen Lösungen waren wir nicht mit dabei, aber wir werden zurückkommen.

Wie soll Ihnen dies gelingen?

Van Iseghem: Dank unserer Position in Japan. Die Hybrid-Technologie ist attraktiv, wie Toyota gezeigt hat. Die Firma arbeitet aber bereits an anderen Lösungen.

Wie kommen Sie mit der Preiserosion im Komponentengeschäft zurecht?

Van Iseghem: Dies ist ein altbekanntes Phänomen und wird uns auch zukünftig beschäftigen. Doch solange man die Kosten senken kann, hat man auch die Preiserosion im Griff.

Können Sie die Steigerung der Rohmaterialkosten an den Markt weitergeben?

Van Iseghem: Nein, normalerweise nicht. Wir müssen Effizienzgewinne erzielen. Dabei hat uns geholfen, dass wir einen Grossteil der Produktion und des Einkaufs nach Asien verlagert haben.

Sichern Sie die Kursrisiken finanziell ab?

Van Iseghem: Entscheidend ist für uns das natürliche Hedging. Umsatz und Kosten sollen so weit wie möglich in denselben Währungen anfallen. Daneben sichern wir uns zu einem geringen Teil finanziell ab.

Letztes Jahr hat die Lem-Aktie mehr als 100% zugelegt. Seither geht es abwärts.

Van Iseghem: Das letzte Jahr ist ausgezeichnet gelaufen, unsere Titel waren zeitweise mit einem KGV von über 20 bewertet. Seit dem Jahreshöchst hatten wir einen Einbruch um fast einen Drittel, was jedoch auf die allgemeine Marktsituation zurückzuführen ist.

Hatten Sie Kontakt mit Investoren?

Van Iseghem: Unsere Schweizer und englischen Investoren sind sehr stabil.

Ein hohes KGV schützt Lem auch vor Übernahmen.

Van Iseghem: Wir sind davon überzeugt, als selbstständiger Komponentenhersteller unseren Kunden und Aktionären den besten Mehrwert bieten zu können. Aber es stimmt schon, dass es angenehm ist, eine hohe Bewertung zu erhalten.