Die geplatzte Immobilienblase in England, ein Dämpfer für Spaniens Boomwirtschaft, die steigende Inflation in der Schweiz – die Wirtschaft des «alten» Kontinents lässt zurzeit an Frische vermissen. Die Investoren reagieren prompt. Von London bis Zürich überwiegen die Verkäufe, der EuroStoxx 50 Index hat seit Jahresbeginn 15% eingebüsst. Dabei werden den jeweiligen Länderindizes auch kaum Aufstiegschancen zugesprochen. Gerade hat etwa die Credit Suisse ihr 12-Monats-Ziel für den Swiss Market Index (SMI) von 9400 auf 8400 Punkte gesenkt.

Klaffende Bewertungslücke

Anders die USA: Noch vor Monaten im Auge des Subprime-Orkans, macht das Land der unbegrenzten Möglichkeiten seinem Namen alle Ehre. So überraschen die jüngsten Konjunkturdaten aus Übersee zumeist positiv, und zwei Drittel der kotierten US-Unternehmen konnten im 1. Quartal die Erwartungen der Analysten übertreffen. Selbst dem Dollar, der gegenüber europäischen Währungen auf ein Rekordtief gesunken ist, werden von den Finanzmarktteilnehmern wieder Erholungschancen eingeräumt. All dies gibt den Aktienkursen in Übersee Auftrieb; im Jahr 2008 liegt der Dow Jones Index bisher «nur» 6% im Minus.

Die Gewinne führen dazu, dass die traditionelle Bewertungslücke zwischen Aktien der neuen und der alten Welt so weit klafft wie seit Jahren nicht mehr. So handeln US-Aktien mittlerweile zu einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 16. In Europa sind die Dividendenpapiere bei einem durchschnittlichen KGV von 12 somit deutlich günstiger. «Ein grosser Unterschied», sagt dazu Anastassios Frangulidis, Anlagestratege bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Sollten Investoren also zugreifen, solange Europa-Papiere noch zu solch tiefen Bewertungen zu haben sind?

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Nein, findet Frangulidis. Und hat mit diesem Urteil auch Roger Kunz, Professor der Wirtschaftswissenschaften und Chefstratege bei der Privatbank Clariden Leu, auf seiner Seite. «Wir bevorzugen derzeit den US-Aktienmarkt gegenüber Europa», so Kunz. Denn die Wall Street hat den Börsen Europas heute einiges voraus. Angefangen mit der Flexibilität. So hat die US-Notenbank (Fed), konfrontiert mit den globalen Auswirkungen der Subprime-Krise, den Leitzins von 5,25% im letzten Herbst auf nunmehr 2% gesenkt. Und damit massig Liquidität auf die lahmen Mühlen der Märkte geleitet. Die Europäische Zentralbank (EZB) hingegen hat sich kein einziges Mal zu einer Zinssenkung bewegen lassen; eine Politik, die sich gemäss Marktkonsens auch in den kommenden Monaten nicht ändern wird.

Rasch und unzimperlich auf die Krise reagiert hat auch «Corporate America»: Bereits haben die US-Unternehmen ihre Lohnstückkosten landesweit drücken können. In Europa wäre das Gleiche angesichts gut organisierter Gewerkschaften und gesetzlicher Mindestlöhne nicht möglich gewesen.

«In den USA ist das Schlimmste bald vorbei», sagt Kunz von Clariden Leu. «In Europa beginnt die Wirtschaftsabschwächung erst richtig.» Anders gesagt: Während in Übersee der Tiefpunkt im 2. Quartal 2008 erreicht sein sollte, steht er den europäischen Märkten im 1. Quartal 2009 erst bevor.

Weshalb sich die Anlageexperten jetzt nach Einstiegsgelegenheiten in den USA umsehen. Nicht zuletzt wegen der Unabwägbarkeiten der Kreditkrise – so die erneut aufgetauchten Sorgen um Abschreiber bei US-Investmentbanken – empfiehlt es sich jedoch, bei den Engagements eine klare Auswahl zu treffen.

Sektor-Allokation: Obwohl wegen der bisher guten Performance auch Dellen zu erwarten sind, bleiben US-Titel in den Bereichen Grundstoffe und Energie chancenreich. Sie profitieren von der hohen Nachfrage nach Rohstoffen. Im Fokus sind vernünftig bewertete Erdöl-Konzerne wie Exxon Mobile, Conocophillips oder Chevron. Nach langer Durststrecke haben Pharmawerte ebenfalls Aufstiegspotenzial. So ist der Konzern Merck gemäss Credit Suisse kaufenswert.

Diversifikation: Sinnvoll anlegen lässt sich im weitläufigen US-Markt für europäische Anleger über Anlagefonds. Das Problem: Die Performance lässt oft sehr zu wünschen übrig (siehe Tabelle). Weshalb es sich empfiehlt, entweder auf Sektor-Vehikel zu setzen, oder sich auf Passivprodukte wie ETF zu beschränken.

• Währungsrisiko: Bisher hat Schweizer Anlegern die Outperformance des US-Aktienmarkts wenig genützt 10% betragen ihre Verluste auf Dollar-Aktien 2008. Allenfalls lohnen sich hier Options-Strategien zur Absicherung, oder aber die Investition in währungsgesicherte Fonds.