Anleger fällen ihre Entscheide derzeit im Blindflug: In der Flut von Hiobsbotschaften und Gerüchten sind eben noch gültige Daten und Kennzahlen innert kürzester Zeit Makulatur. Und mit ihnen die darauf gründenden Rückschlüsse auf den weiteren Kursverlauf.

Bodenbildung und Volatilität

Damit schlägt die Stunde der Chart-Analysten denn diese arbeiten vorab mit der sichtbaren Kursentwicklung, dem Chart. Ihm entziehen sie mittels Berechnungen und Modellen die benötigte Information über die Zukunft. Das geht, weil Haussen und Baissen an den Börsen bestimmten Mustern folgen. Jeder vergangene Trend trägt Hinweise auf den nächsten in sich. Und jede zusätzliche Bewegung schärft das Bild. «Je volatiler der Markt, desto klarer sind die Korrelationen ersichtlich», sagt Rolf Bertschi, Managing Director Technical Strategy für die Aktienmärkte bei Credit Suisse.Im Gegensatz zu den Fundamentalanalysten, die sich derzeit zu immer neuen Krisenszenarien veranlasst sehen, sind die Chart-Techniker nun zunehmend optimistisch. «Mittelfristig erwarten wir an den weltweiten Aktienmärkten eine Erholung, die bis im Juni Kursgewinne von 5 bis 10% bringen könnte», so der Befund von Bertschi (siehe Grafik). Beim Investment Banking der UBS kommt Michael Riesner, Leiter technische Analyse, zu ähnlichen Schlüssen: «Wir schätzen, dass die Aktienmärkte bereit sind für eine Bodenbildung, auch wenn der Handel noch sehr volatil bleibt.»

Ab 2010 gehts abwärts

Anzeichen für eine Erholung ist etwa die Investorenstimmung: Sie hat in den letzten Wochen Paniklevels erreicht. Ironischerweise ist das ein gutes Zeichen. Denn auf Panik folgt meist Zuversicht, überverkaufte Indizes legen wieder zu. Ebenso für eine Erholung spricht den Chartisten zufolge die Tatsache, dass wichtige Aktienindizes mittlerweile auf historisch bedeutsame Stände gefallen sind. Diese «Unterstützungsmarken» geben gemäss der Chart-Analyse Halt. Sie bergen aber auch ein Risiko: Brechen sie, geraten die Indizes erst recht ins Rutschen (siehe Kasten).

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So könnte gemäss der UBS der Swiss Market Index (SMI) von der heutigen Unterstützung bei rund 7200 Punkten auf nurmehr 6600 Punkte abrutschen. «Für ein solches Szenario müsste sich aber die Nachrichtenlage noch einmal sehr stark verschlechtern», beschwichtigt Riesner von der UBS. Ein weiterer Kurssturz ist trotzdem schon in Sicht: «Im September erwarten wir eine erneute Korrektur», sagt Bertschi. Je grösser die Erholung, desto glimpflicher dürfte die Korrektur aber ausfallen, so der Credit-Suisse-Analytiker.Finsterer könnte es dagegen in der weiter entfernten Zukunft werden. Anhand von Vergleichen mit vergangenen Trends erwartet Chart-Spezialist Bertschi eine grössere Baisse; sie könnte schon ab 2010 auf einen längeren Aufwärtstrend folgen. Als Auslöser dafür kommen gerade die Folgen jener Aktionen in Frage, welche die US-Notenbank heute zur Rettung der Finanzmärkte unternimmt nämlich grosszügige Zinserleichterungen und massive Liquiditätsspritzen. «Die Baisse könnte etwa durch ein Zusammenspiel von US-Inflation und Dollarschwäche ausgelöst werden», prophezeit Bertschi von der Credit Suisse.

Anzeichen für beides – Preisanstieg und Dollarschwäche – sind heute bereits vorhanden.