Thomas Kaplan hat alles auf eine Karte gesetzt: Gold. «Ich bin an dem Punkt angelangt, wo Gold die einzige Anlageklasse ist, der ich vertraue», sagt der 42-Jährige. Kaplan ist kein Kleinanleger. Mit einem Vermögen von 2 Mrd Dollar besitzt der New Yorker mehr Gold als beispielsweise die brasilianische Zentralbank. Der Grossinvestor hat sich vom klassischen Kapitalmarkt mit seinem Hauptinstrument, der Aktie, verabschiedet.

Amerikanische Kleinanleger empfinden genau dasselbe: Sie vertrauen der Börse nicht mehr. Obwohl der Dow Jones seit einem Jahr wieder im Steigen begriffen ist, ziehen sie reihenweise Geld ab. Sie fühlten sich in der vergangenen Dekade zu grossen Kursschwankungen ausgesetzt, als dass sie ihre Ersparnisse aufs Neue riskieren wollen. Rund 150 Jahre nach dem grossen Boom der Eisenbahngesellschaften und deren Herausgabe von Anteilsscheinen ist in der Heimat der breiten Aktienkultur das Vertrauen in die Beteiligung verschwunden.

Verlorene Generation

«Die Anleger streiken», sagt Axel Merk, der Präsident und Chefanleger der US-Kapitalanlagegesellschaft Merk Mutual Funds. «Die verlorene Generation kommt nicht zurück», fürchtet auch Michael Panzner, der den Blog Financial Armageddon schreibt. Selbst die Grossbank Citigroup Global Markets befürchtet «das Ende eines 40-jährigen Kults»: «Die Liebesaffäre mit Aktien ist seit dem Ende der 90er-Jahre stark abgekühlt», so schreibt Analyst Robert Buckland. 2008 haben US-Anleger nach Angaben des Branchenverbandes Investment Company Institute 151,4 Mrd Dollar aus Aktienfonds abgezogen. Damals kein Wunder, denn die Märkte stürzten ab.

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Erschreckender ist, dass sie den folgenden Aufschwung für weitere Verkäufe nutzen: Im Juli zogen Anleger erneut 14,7 Mrd Dollar aus Aktienfonds ab - der dritte Monat in Folge von Mittelabflüssen. Gewinner sind Anleihenfonds, die sich allein seit Jahresbeginn an Mittelzuflüssen von 185,3 Mrd Dollar erfreuten. Auch die Mittel in den amerikanischen Sparplänen für die Altersvorsorge werden auf risikoärmere Anlagen umgeschichtet. Die Beratungsfirma Hewitt Associates berechnete, dass der Anteil in Aktienfonds von 70% vor der Krise auf 49% Anfang 2009 fiel. Dass der Anteil sich aktuell auf 57% erholt hat, ist allein auf Kursgewinne in den Portefeuilles zurückzuführen, nicht auf eine neue Ausrichtung der Sparer. Doch die Kleinanleger fühlen sich zunehmend ausgebootet durch anonyme Profifirmen, die mit Computerprogrammen handeln. Diese Ernüchterung lässt das Vertrauen zu Banken, Unternehmen und anderen Institutionen sinken: «Ich fühle mich wie der Schwanz eines Hundes, der von institutionellen Anlegern gewedelt wird», sagt Simeon Thibeaux, ein Geschäftsmann aus Alexandria in Louisiana. «Die gehen eine Menge Risiko ein, spielen eine Menge Spiele und platzieren computerisierte Orders, die die Kurse für mich bestimmen.»

Dass die Wirtschaft nicht gerade in eine deutliche Expansionsphase übergeht, macht die Sache nicht leichter. Vielerorts in Amerika ist das Gefühl, dass es wieder besser läuft, einfach noch nicht angekommen - noch immer wächst die Zahl der Arbeitslosen, auch die Hauspreise haben sich nicht erholt. Dass die Unternehmenszahlen besser sind, überzeugt die wenigsten: «Normalerweise würden an diesem Punkt im Wirtschaftszyklus 10 bis 20 Mrd Dollar in Aktienfonds fliessen. Was wir erleben, ist extrem ungewöhnlich», sagt Brian Reid, Chefökonom des Investment Institute. «Für viele fühlt sich die Erholung nicht echt an», kontert Loren Fox von der New Yorker Researchfirma Strategic Insight.

Gold ist bei Schweizern beliebt

Ähnliche Tendenzen lassen sich auch in der Schweiz feststellen. Dies zeigt sich etwa daran, dass die Nachfrage nach physisch unterlegten Gold-ETF zuletzt stark gestiegen ist. Die in der Schweiz gehandelten und mit Gold hinterlegten ETF erreichten Ende 2009 ein Volumen von 8,9 Mrd Fr. Damit machen die ETF zwar erst rund 7% des Gesamtmarktes aus, doch die Gold-ETF legen derzeit den grössten Boom hin.