Carsten Schloter ist gerne als erster im Ziel. Dazu quält sich der Swisscom-Chef schon in aller Frühe auf dem Hometrainer, bei den härtesten Marathonläufen tut er jeweils vorne mit. Da muss ihn der jüngste Milliarden-Abschreiber auf dem Goodwill von Fastweb doppelt schmerzen. Einmal, weil die Übernahme der italienischen Netzbetreiberin im Jahr 2007 unter seiner Ägide geschah, und er jetzt gar Rücktrittsforderungen kontern muss. Hinzu kommt die Peinlichkeit, beim Einkauf wohl zu wenig hart verhandelt zu haben. Das Rennen, so scheint es, hat die Gegenseite gemacht, die den Schweizern das Unternehmen mit allen Altlasten teuer verkaufen konnte.

Dafür erntet Schloter nun viel Häme. Doch schon bald könnten weitere Chefs von Schweizer Firmen zu ähnlichen Schritten gezwungen sein. Denn in den letzten Jahren hat sich in ihren Büchern massiv Goodwill angestaut. Dieser fällt etwa bei Übernahmen an und bewertet immaterielle Werte wie Patente oder Marktmacht. Weil jene Positionen wegen einer Änderung der Buchhaltungsregeln nicht mehr innert weniger Jahren abgeschrieben werden, stieg der Goodwill in den vergangenen Jahre kontinuierlich an.

AWD im Visier

Allein seit 2004 nahm der Goodwill bei den im Leitindex SMI enthaltenen Konzernen von 67 auf 121 Milliarden Franken zu. Das errechnete Peter Leibfried, Professor für Buchhaltung an der Universität St. Gallen. Er warnt, dass wegen der schlechteren Wirtschaftsprognosen das Management die Cashflow-Erwartungen anpassen müsse. Die Folge: «In nächster Zeit werden wir vermehrt Goodwill-Abschreiber sehen.» Das ist keine gute Nachricht für Aktionäre. Denn die Wertberichtigungen schlagen direkt auf den Gewinn durch − und gefährden Kurs und Dividenden.

Bei der Swisscom hielten sich die Kursverluste nach Bekanntwerden des 1,3-Milliarden-Franken-Abschreibers in Grenzen, da die Anleger seit gut einem Jahr damit rechneten. Schlimmer traf es dagegen Anfang letzten November Meyer Burger. Als der Thuner Solarzulieferer einen Goodwill-Abschreiber von 40 bis 60 Mil­lionen Euro bei der deutschen Tochter Roth & Rau in Aussicht stellte, stürzte die Aktie um 8 Prozent ab.

Auch Swiss Life käme ein zusätzlicher Druck auf den Aktienkurs ungelegen. Die Titel des grössten Schweizer Lebensversicherers handeln bereits unter ihrem Buchwert. Da ist es keine Hilfe, dass die Finanzdienstleistungstochter AWD mit einem garstigen Umfeld kämpft und zudem mit Klagen Schlagzeilen macht. Am Markt wird daher die Kritik immer lauter, Swiss Life habe beim Kauf von AWD Ende 2007 zuviel bezahlt. Entsprechend steigt die Furcht vor einer Wertberichtigung. «Es ist nicht ganz auszuschliessen, dass Swiss Life auf dieser Akquisition Goodwill abschreiben muss», sagt Helvea-Analyst Tim Dawson diplomatisch. Bisher umging Swiss Life eine Korrektur, indem sie die Gewinnziele für AWD auf der Zeitachse nach hinten verschob.

Mit raueren Märkten haben auch Industriefirmen zu kämpfen. Kommt es zu einem nachhaltigen Abschwung, müsste die Branche ihre Erwartungen ans Geschäft rasch korrigieren. Mit Folgen für die durch Übernahmen aufgebauten Goodwill-Positionen. Stattliche Zukäufe geleistet haben sich jüngst ABB mit Baldor und Sulzer mit Cardo. Gerade die Akquisition des amerikanischen Industriemotorenherstellers Baldor für 4,2 Milliarden Dollar gilt als teuer. Umso mehr sieht sich ABB genötigt, schnell Synergieeffekte herauszuarbeiten.

Der Goodwill häuft sich jedoch nicht nur auf Seiten der Zykliker. Beim Nahrungsmittelriesen Nestlé etwa machte er Ende 2010 rund 27 Milliarden Franken aus. Allerdings erwarten Analysten aufgrund der enormen immateriellen Werte, die gar nie in der Bilanz auftauchen – die Marken Nestlé und Nespresso etwa – keine bösen Überraschungen. Und im Zweifelsfall wissen die schlauen Buchhalter in Vevey ein Goodwill-Impairment geschickt zu kaschieren. So geschehen im Jahresabschluss 2010, als vor lauter Freude über den Sondergewinn aus dem Alcon-Verkauf kaum jemand den erklecklichen Goodwill-Abschreiber von 337 Millionen Franken bemerkte.

Sorgen um Patente

Bei Novartis sind die Goodwill-Positionen mit knapp 28 Milliarden Franken En­de 2010 noch grösser als bei Nestlé. Es sind dabei vorab die Patente für Medikamente, die den Aktionären des Basler Pharmamultis Sorgen bereiten. Beobachtern zufolge laufen jedoch ab 2012 weniger Patente aus als in den Jahren zuvor. Die Pipeline füllt sich wieder. Das wiederum lässt auf eine steigende Gewinnkraft hoffen, welche die Gefahr plötzlicher Korrekturen dämpft.

Derweil hält Swisscom trotz Fastweb-Abschreiber an den langfristigen Ertragszielen fest – und erhöht gar seine Dividende auf 22 Franken. Bleibt zu hoffen, dass Marathon-Mann Schloter nicht unterwegs die Puste ausgeht.

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