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Aktienmarkt: Wie geht es weiter an den Börsen?

Jubelnde Börsenhändler: So klappts mit der Rendite.
Jubel oder Trauerspiel: Es ist Bewegung an den Finanzmärkten. Quelle: Keystone

Börsendämpfer oder Bärenmarkt? Experten sagen, warum das einzig wahre Problem die US-Steuerreform ist und warum Schweizer Aktien attraktiv sind.

Von Carla Palm und Peter Manhart
am 08.02.2018

Die Rekordrally an den Börsen bekam diese Woche einen Dämpfer. Am Montag brachen zuerst die Kurse am US-Aktienmarkt ein, am Dienstagmorgen zog es auch die Aktienkurse in Europa in die Tiefe. In der Schweiz gaben Titel wie EMS-Chemie, Kühne + Nagel oder Straumann zu Handelsbeginn bis rund 10 Prozent nach, erholten sich dann aber rasch (siehe Grafiken). Der SMI rutschte bis Handelsschluss 2,9 Prozent ins Minus. Erinnerungen an 1987 werden wach: Auch damals war das globale Wachstum intakt, die US-Notenbank Fed war dabei, die Zinsen stufenweise anzuheben und die Aktienbewertungen waren hoch. Doch zum Glück gibt es heute einige entscheidende Unterschiede zu damals, wie die von der «Handelszeitung» befragten Experten erklären.

Was genau ist an den Börsen passiert?

Die Märkte waren nach beinahe neun Jahren Hausse reif für eine Korrektur. Anzeichen dafür gab es am vergangenen Freitag in Form von Inflationsängsten. Bereits die gesamte Vorwoche waren die Anleger Risk-off. Die Ängste geschürt hat der stärkste Anstieg der Stundenlöhne in den USA seit der Finanzkrise. Die Stundenlöhne gelten auf allen Trading-Fluren der Welt als richtungsweisender Indikator. «Die Sorge war, dass mit steigenden Inflationsgefahren auch die Renditen für langjährige Staatsanleihen steigen würden, was sich am Freitag dann auch abzeichnete», erklärt Martina Müller-Kamp, Leiterin Investment Center der Graubündner Kantonalbank.

Nach dem Wochenende kam es zu Gewinnmitnahmen auf der Aktienseite. Das führte zu einem deutlichen Anstieg der Volatilität und als weitere Folge übernahmen Algorithmen das Kommando. Sie dürften grösstenteils für die kurzen, aber heftigen Bewegungen an den Aktienmärkten verantwortlich gewesen sein. «Denn viele Portfolios hatten optisch zu viel Risiko», erklärt Martin Lück, Kapitalmarktstratege für Deutschland, Schweiz, Österreich und Osteuropa bei Blackrock. Die Algorithmen haben dieses Risiko automatisch abverkauft, was den Marktverfall weiter beschleunigte. Börsianer sprechen in solchen Fällen von einem sogenannten Flash-Crash. Zudem haben viele Hedgefonds gerüchteweise auf Short-Strategien gesetzt. Das zahlte sich jetzt für sie aus.

Was mache ich jetzt mit meinen Aktien?

«Ruhe bewahren und nicht das Portfolio ausverkaufen», meint Müller-Kamp. «So eine Korrektur, wie wir sie gerade gesehen haben, tut weh. Doch möglicherweise sehen wir noch weitere und längere Phasen, in denen die Märkte sogar 10 bis 15 Prozent nachgeben können», sagt Lück. Das wäre nichts Ungewöhnliches.

Thomas Heller von der Schwyzer Kantonalbank ist ebenfalls besonnen: «Angesichts der tieferen Bewertungen nach den jüngsten Verlusten schätzen wir die Anlageklasse Aktien wieder als etwas attraktiver ein. Denn die Gewinnaussichten sind weiterhin gut.» Entsprechend hat er die Aktienquote in den Vermögensverwaltungsmandaten und Strategiefonds von «untergewichtet» auf «neutral» erhöht.

Sollen Anleger jetzt nachkaufen?

Ja, vor allem am Schweizer Aktienmarkt, der über grösseres Aufholpotenzial als etwa die amerikanischen oder europäischen Märkte verfügen sollte, gibt es gute Gelegenheiten, sagt Lück. «Zum einen, weil der Schweizer Aktienmarkt sehr verhalten in das Jahr gestartet ist. Und zum anderen, weil das Bruttoinlandprodukt im vergangenen Jahr nicht recht vorankam und die Schweiz auch diesbezüglich über einiges Aufholpotenzial verfügt», erklärt er.

Müller-Kamp ist vorsichtiger. «Wir sehen noch kein Buy-the-Dip-Szenario, da es in den USA noch einmal 3 bis 4 Prozent runter gehen kann», sagt sie. Stattdessen setzt die Graubündner Kantonalbank jetzt auf strukturierte Produkte, die von der hohen Volatilität profitieren, sprich im Fall der beliebten Barriere-Produkte höhere Coupons und tiefere Barrieren aufweisen als noch vor wenigen Wochen.

Wie wird es an den Börsen weitergehen?

Die Märkte dürften kurzfristig volatil bleiben. Ein weiterer Kursrutsch könnte den Verkaufsdruck erneut erhöhen, da sich einige Investoren, je nach Anlagestrategie, gezwungen sehen, Positionen verkaufen zu müssen, etwa um Margin Calls zu bedienen. Institutionelle Anleger werden aber wohl bei weiteren Korrekturen zukaufen und so zu einem Ausgleich des Markts beitragen. Martin Lück von Blackrock glaubt nicht an den Beginn eines längeren Bärenmarktes. Im Gegenteil: «Die Börsen dürften sich wieder komplett beruhigen.» Ted Dimig, CIO der JP Morgan Private Bank, sagt: «Im Technologie- und im Bankensektor bieten sich jetzt gute Gelegenheiten zu investieren.»

Welche Risiken bleiben bestehen?

«Die einzige echte Gefahr geht von der anstehenden Steuerreform in den USA aus», ist Lück überzeugt. Sie könnte ökonomisch verheerend sein und unnötigerweise das gegenwärtige Gleichgewicht stören. Martina Müller-Kamp sieht das grösste Risiko weiterhin im starken Inflationsdruck. Dann würden sich die Notenbanken gezwungen sehen, wieder fester auf die geldpolitische Bremse zu treten respektive die Zinsen rascher als erwartet anzuheben, was nicht zur Normalisierung an den Märkten beitragen würde. «Das ist allerdings nicht unser Basisszenario. Wir erwarten derzeit eine positive Aktienmarktentwicklung und sind auch so positioniert», so Müller-Kamp.

Wie geht es weiter mit Bitcoin und Co.?

Viele Kryptowährungen haben zuletzt stark an Wert gewonnen, diese Währungen wurden zudem in letzter Zeit als vom Finanzmarkt dekorrelierte Anlagen angepriesen. Nun hat sich aber gezeigt, dass sich diese dem Abwärtssog der Aktienmärkte nicht entziehen können, geschweige denn in Zeiten einer Korrektur als sicherer Hafen angesteuert werden. Das erinnert an die Finanzkrise 2008: Auch damals korrelierten plötzlich sämtliche Anlageklassen eng miteinander, als die Liquidität zu versiegen begann. Aktuell erholen sich die Kryptowährungen wieder. Doch die Rebounds führen nicht zu neuen Hochs. Kryptos bleiben im Abwärtstrend gefangen.

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