Noch vor drei Jahren jubelte man ihm zu und pries ihn als den «grössten Notenbanker aller Zeiten». Jetzt steht der ehemalige Fed-Chef Alan Greenspan im Kreuzfeuer der Kritik. Mit seiner Laissez-faire-Aufsicht über die Finanzmärkte und den niedrigen Zinsen, so die Vorwürfe, habe er in den letzten Jahren seiner Amtszeit den Samen für die heutige Finanzkrise gelegt. Eine Krise, die mit dem US-Häusermarkt begann und sich auf Banken, Aktienmärkte, Kreditnehmer und Konsumenten auf der ganzen Welt ausweitete.

Es erscheint paradox: Fast die gesamten 18 Jahre, die Greenspan an der Spitze der US-Notenbank stand, wurde er für sein interventionsfreies Management gepriesen. Jetzt wird er dafür angegriffen. «Ich wurde für Dinge gelobt, die ich nicht getan habe», sagte er kürzlich in einem Interview in seinem sonnigen Büro in Washington. «Und jetzt werde ich kritisiert für Dinge, die ich nicht getan habe.» Der 82-Jährige sorgt sich um seinen Ruf, das gibt er zu. Aber am wichtigsten sei ihm, dass aus der gegenwärtigen Krise die richtigen Schlüsse gezogen werden.

Greenspans Handlungen als Fed-Chef werden zu einem Zeitpunkt unter die Lupe genommen, da das Weisse Haus und die demokratischen Kongressabgeordneten über eine Reform der US-Finanzaufsicht debattieren. Setzen sich Greenspans Kritiker durch, werden Geldinstitute und die Finanzprodukte, die sie anbieten, in Zukunft stärker kontrolliert. Wenn nicht, bleibt es wohl bei der derzeitigen Selbstkontrolle der Branche.

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Abkehr von Greenspans Politik

Eine Abkehr von Greenspans Geldpolitik könnte die Fed dazu verleiten, die Zinsen nach der gegenwärtigen Krise relativ rasch wieder zu erhöhen und – viel mehr noch – künftigen Blasen durch höhere Zinsen von vornherein die Luft zu entziehen.Von den Kritikern des ehemaligen Fed-Chefs werden vor allem zwei Punkte ins Feld geführt: Erstens habe Greenspan zwischen 2001 und 2003 die Zinsen zu stark gesenkt, um die Auswirkungen der Dotcom-Blase abzuschwächen. Und dann habe es zu lange gedauert, bis sie wieder angehoben wurden. Zweitens sei die Aufsicht durch die Fed zu lax gewesen. Sie hätte strengere Regeln für die Ausgabe von Hypotheken an Schuldner mit geringer Bonität aufstellen sollen und überdies die finanzielle Absicherung der Banken gegen Kreditausfälle vernachlässigt.

Hier gesteht Greenspan einen Fehler ein. Er hätte nicht gedacht, dass Anleger sich so rasch nach dem Platzen der Tech-Blase wieder in einen Kaufrausch stürzen würden. Blasenbildungen seien aber in einer dynamischen Wirtschaft unvermeidlich.

Als Greenspan im Januar 2006 die Fed verliess, war die Konjunktur stark, die Inflation niedrig und Aktien- und Anleihenpreise hoch. Doch schon ein paar Monate später bekam das schöne Bild erste Risse. Im August vergangenen Jahres breitete sich die Krise auf Banken in Europa und den USA aus. Im September erschienen Greenspans Memoiren «The Age of Turbulence» («Mein Leben für die Wirtschaft»). Noch während die Autobiografie allüberall besprochen wurde, präsentierte sein Nachfolger Ben Bernanke die erste von sechs Zinssenkungen mit dem Ziel, die Krise zu stoppen.

Von Kritikern wird besonders Greenspans Entscheidung, 2003 die Zinsen auf 1% zu senken und sie erst 2004 zögerlich wieder zu erhöhen, in Frage gestellt. Das «Wall Street Journal» befragte 55 Ökonomen. 84% waren der Meinung, die Fed habe die Zinsen zu langsam wieder erhöht. Zwei damalige Mitglieder des Offenmarktausschusses, William Pole und Robert Parry, gaben erst vor kurzem zu, rückblickend seien die Zinsen zu lange zu niedrig gewesen.

Greenspan will den Blick nicht so sehr auf die Folgen seiner Zinspolitik lenken, sondern auf den vorausgegangenen Entscheidungsprozess: «Ich kann mich nicht erinnern, dass der einmal falsch gewesen wäre.» Die extrem niedrigen Zinsen waren eigentlich nicht mit seiner Abneigung gegen billiges Geld vereinbar. «Mir war damit nicht wohl», sagt er, und dass er immer darauf hingewiesen habe, dass diese Phase so schnell wie möglich beendet werden solle.

2003 waren die Sorgen gross

2003 seien die Zins-Sorgen von Experten angesichts einer ständig zurückgehenden Inflationsrate besonders hoch gewesen, gibt er zu bedenken. Ein, wenn auch kleines, Risiko einer Deflation habe bestanden, auch wenn er das bis dahin für unmöglich gehalten habe. Daher habe die Fed das Wachstum mit niedrigen Zinsen ankurbeln wollen. Und die Einzigen, die den Plan kritisiert hätten, seien diejenigen gewesen, die noch niedrigere Zinsen wollten. Anfangs seien die Zinsen dann nur ganz langsam wieder angehoben worden, damit sich Wirtschaft und Anleger darauf einstellen konnten. Erst in den Jahren 2004 und 2005 stiegen sie dann schneller als erwartet.

Neben der Zinspolitik wird auch Greenspans Regulierungsleistung von den Kritikern genau beleuchtet. Die Aufgabe der Fed ist es, Banken zu beaufsichtigen sowie die Einhaltung von Konsumentenschutzgesetzen wie dem Wohneigentumsgesetz oder dem Equity Protection Act sicherzustellen. Heute wird Greenspans Nichteinmischungspolitik wegen der laschen Standards kritisiert, die viele Kreditnehmer dazu verleitet haben, sich zu übernehmen.

Greenspan sagt, regulatorische Aufgaben habe er dem Mitarbeiterstab oder dem für Verbraucherangelegenheiten zuständigen Gouverneur übergeben. Doch die betonen, die Führungskräfte bei der Fed hätten Greenspans Abneigung gegen Regulierung übernommen. Ohne Anstoss von ihm habe die Fed den Konsumentenschutz nur zögerlich ausgeweitet.

Greenspan weist allerdings die Behauptung zurück, er hätte andere dazu genötigt, seiner Linie zu folgen. «Ich finde es amüsant, dass die Geschichte jetzt umgeschrieben wird und ich als derjenige hingestellt werde, der alle diese hochgebildeten und sehr intelligenten Menschen dazu gebracht hat, mir zu folgen. Das ist purer Unsinn und eine hässliche Geschichtsklitterung.»