Mit den Rettungspaketen und besseren Konjunkturdaten ist etwas Zuversicht an die Börsen zurückgekehrt. Werden die Anleger schon bald wieder enttäuscht?

Nouriel Roubini: Die Rally an den Aktienmärkten steht zwar auf schwachen Beinen, sie könnte aber noch eine Weile andauern. Denn die Regierungen und Notenbanken greifen auf ein ganzes Arsenal an Waffen zurück, um die Wirtschaft vor einem tiefen Fall zu bewahren. Mit verschiedenen Massnahmen wird versucht, den Rückgang der Wirtschaft in den nächsten zwei Quartalen abzubremsen.

Wie stehen die Chancen, dass dies gelingt?

Roubini: Der Konsens der Ökonomen rechnet im 2. Halbjahr 2009 wieder mit einem Wachstum der US-Wirtschaft. Ich erwarte aber, dass das Wachstum auch in den verbleibenden Quartalen 2009 deutlich negativ bleibt. Aus meiner Sicht ist die Mehrheit der Konjunkturdaten noch immer extrem schwach. So dürften sich die Konsumausgaben in den nächsten zwölf Monaten nicht erholen, die US-Häuserpreise werden weitere 15 bis 20% fallen.

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Dann müssen sich Investoren an der Börse auf neue Verluste gefasst machen? Roubini: Die Investoren sehen eine Stabilisierung, doch das ist nicht der Fall. Sie werden in den nächsten Monaten wieder enttäuscht werden. Die Konjunkturdaten und die Unternehmensergebnisse werden schlechter als erwartet ausfallen, weitere Banken werden Konkurs gehen, einige Emerging Markets werden in Schwierigkeiten geraten und verschiedene Hedge-Fonds werden gezwungen sein, Notverkäufe zu tätigen. Ich sehe noch kein Licht am Ende des Tunnels. Damit bleiben die Abwärtsrisiken für die Börsen bestehen.

Wie lange und wie tief wird die Rezession ausfallen? Besteht die Gefahr einer Depression?

Roubini: Wir befinden uns bereits seit Monaten in einer Rezession. Ich rechne damit, dass der Aufschwung noch nicht sehr bald kommt. Das Risiko einer Depression wurde allerdings reduziert, weil die Notenbanken und Regierungen mit aggressiven Mitteln eingreifen.

Wann rechnen Sie mit einer Besserung?

Roubini: 2010 wird die Wachstumsrate in den USA unter 1% liegen, in der Eurozone und in Japan wird das Wirtschaftswachstum noch schwächer sein. Wir befinden uns dann immer noch in einer Rezession, die Arbeitslosenraten werden weiter ansteigen. Irgendwann im Jahr 2010 wird der Boden dann aber wohl gefunden sein.

Wie stark wird Europa und besonders die Schweiz leiden?

Roubini: Zunächst wurde die USA stärker getroffen als Europa. Doch heute ist die Lage in Europa ebenso schwierig wie in den USA. Im 4. Quartal schrumpfte die Wirtschaft in der Eurozone rund 6%, gleich viel wie in den USA. Es findet also eher eine Rückkopplung als eine Abkopplung von den USA statt. Denn die geldpolitischen Massnahmen und die Fiskalpolitik sind in Europa schwächer als in den USA. Damit kann sich die europäische Wirtschaft nicht schnell genug erholen.

Wie hart trifft es die Schweiz?

Roubini: Alle Länder leiden unter der globalen Rezession, auch die Schweizer Wirtschaft ist sehr schwach. Bei der Schweiz kommt hinzu, dass die Bilanzsumme von UBS und Credit Suisse zehnmal grösser ist als das Bruttoinlandprodukt. Das Problem ist, dass die beiden Grossbanken zu gewichtig sind, um fallen gelassen zu werden. Sie sind aber gleichzeitig auch zu gross, um gerettet zu werden. In diesem Fall wäre die einzige relevante Frage: Sind die internationalen Steuerzahler fähig und gewillt, der Schweiz unter die Arme zu greifen.

Was halten Sie vom UBS-Rettungsplan?

Roubini: In jedem Land gibt es Banken mit schlechten Assets. Solange die Bank solvent ist, sollen die Staaten diese übernehmen. Eine «Bad Bank» wie in der Schweiz ist nur eine von verschiedenen Möglichkeiten. Der Staat kann zum Beispiel eine Garantie aussprechen oder eine Auktion machen. Alle Lösungen haben Vor- und Nachteile, doch in jedem Fall müssen die guten von den schlechten Papieren getrennt werden.

Ist der US-Plan von Finanzminister Geithner erfolg versprechend?

Roubini: Dieser Plan macht Sinn für solvente Banken, die einen Stresstest bestehen. Die anderen Banken sollten vorübergehend vom Staat übernommen werden, von schlechten Vermögenswerten entledigt und danach privatisiert werden . Denn es dürfen keine «Zombie-Banken» am Leben erhalten werden, die eigentlich pleite sind. Sonst führt dies zur gleichen Situation wie in Japan. Die Banken haben den Kredithahn zugedreht, was das Land in eine lange Stagnation stürzte.

Was wäre die beste Lösung?

Roubini: Es gibt zwei Modelle, die funktionieren. In Grossbritannien wurden Garantien für schlechte Assets ausgesprochen. Die andere Möglichkeit ist, wie beim amerikanischen Plan von Finanzminister Geithner, private Investoren dazuzuziehen.

Sie sagen, das gesamte US-Finanzsystem sei insolvent.

Roubini: Ich rechne mit Verlusten im Bankensektor in der Höhe von über 3 Billionen Dollar. Das ist viel mehr als das gesamte Eigenkapital der Banken vor der Krise. Auch nach den Wertberichtigungen und den Kapitalspritzen der Regierungen gibt es noch immer ein grosses Loch im Bankensystem, das mit neuem Kapital gefüllt werden muss. Wenn der private Sektor nicht gewillt ist, die Banken mit frischem Kapital zu versorgen, muss der Staat den Bankensektor übernehmen.

Reichen die Mittel, um die Banken zu retten?

Roubini: Das ist von Land zu Land unterschiedlich. In den meisten Ländern sind die Defizite angestiegen. Ein bedeutendes Risiko besteht in Osteuropa.

Gibt es weitere Ausfälle von Staaten?

Roubini: Auch in der Eurozone steigen die Risikoprämien für die Länder. Wegen der Sorge um osteuropäische Staaten hat der Internationale Währungsfonds IMF jetzt aggressive Pakete geschnürt. Es ist sehr schwierig zu sagen, ob diese Mass- nahmen ausreichen. Der IMF eilt zu Hilfe, weil ganz Europa darunter leiden wird.

Am G20-Gipfel werden die Europäer neue Regulierungen und Massnahmen gegen Steuerparadiese fordern und die Amerikaner mehr Konjunkturmassnahmen.

Roubini: Der G20-Gipfel will die Krise lösen und verhindern, dass eine solche wiederkehrt. Am dringendsten ist das erste Ziel. Die Weltwirtschaft gleicht einem Patienten im Koma auf einer Notfallabteilung. Selbst wenn dessen Krankheit auf ein ungesundes Verhalten zurückgeht, bringt es im Moment wenig, ihn zu mehr Sport, gesünderem Essen oder weniger Rauchen zu ermuntern. Zuerst geht es darum, sein Überleben zu sichern. Erst wenn das gelingt, gilt es, einen gesünde-ren Alltag zu organisieren. Daher müssen wir uns auf fiskal- und geldpolitische Rettungsaktionen konzentrieren.

Welche Erfolge versprechen Sie sich vom G20-Gipfel?

Roubini: Es wird wohl einige Erfolge geben. So werden wohl die Mittel des IMF mindestens verdoppelt, um den Schwellenländern zu helfen. Sogar wenn es eine Einigung zu den Fiskalpaketen zwischen den USA und Teilen Europas geben wird, braucht es ein starkes Signal, dass alle anderen wichtigen Regionen der Welt die nötigen fiskal- und geldpolitischen Massnahmen ergreifen. Wenn der Gipfel ein deutliches Signal sendet, dass Einigkeit besteht, und wenn konkrete Massnahmen beschlossen werden, wäre das zumindest eine vertrauensbildende Massnahme für die Märkte.