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Onlinehandel
Amazon und Alibaba – von einem Hoch zum nächsten

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Onlinehändler wie Amazon sorgen für reichlich Arbeit bei Post und Paketzustellern.Quelle: Keystone

Der Sektor der Online-Händler ist im Höhenflug. Aber die Aktien sind teils sehr hoch bewertet. Die Perspektiven und welche Titel noch Potenzial besitzen.

Von Georg Pröbstl*
am 08.06.2018

Anleger scheinen verrückt geworden zu sein: Amazon steigt von einem Hoch zum nächsten und die Aktie des Online-Händlers hat sich in den letzten zwei Jahren verdreifacht. Steil nach oben geht es auch mit anderen Firmen aus dem Bereich des Online-Business. Alibaba und Tencent bringen seit Juni 2016 ein Kursplus von jeweils rund 150 Prozent und bei Baidu liegt das Kursplus der letzten 24 Monate immerhin auch noch bei 50 Prozent. 


Wer glaubt, das lässt sich nicht mehr toppen, sollte einen Blick auf Weibo werfen: Die Aktie des Kurznachrichtendienstes hat sich in den letzten beiden Jahren sogar vervierfacht. Dabei ist auch dieser, im Verhältnis zu den vier erstgenannte Werten relativ kleine Titel, mit einer Börsenbewertung von rund 20 Milliarden Dollar in Wirklichkeit alles andere als klein. 
 

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Hohe Kursgewinne aber auch hohe Bewertungen


Nach dem steilen Kursanstieg sind die Aktien aber nicht mehr günstig. Oder vielmehr: Zumindest auf den ersten Blick teils extrem hoch bewertet. So rechnet der Konsens der Analysten bei Amazon in diesem Jahr mit einem Gewinn je Aktie von 12,43 Dollar. Bei einem aktuellen Kurs der Aktie des Nasdaq-Titels von 1700 Dollar ein KGV von 135! 


Deutlich günstiger sind da immerhin noch Alibaba und Tencent. Die beiden chinesischen Online-Giganten kommen laut Konsensschätzung der Experten nur auf 2018er-KGVs von 31 und 38. Mit einem erwarteten 24er-Gewinnmultiple in diesem Jahr ist Baidu im Vergleich dazu sogar fast schon billig. 


Die Zahl der Internet-Nutzer steigt


Vor allem mit Blick auf die drei Grossen fragen sich Anleger: Lohnt da der Einstieg noch? Der Online-Business-Sektor profitiert von zwei Dingen: Einer steigenden Zahl an Nutzern und immer mehr Anwendungen mit dem Ausbau der Geschäftsfelder. So stieg die Zahl der Internetnutzer in den letzten 20 Jahren Jahr für Jahr fast immer mit zweistelligen Prozentraten und war 2017 mit geschätzt rund 3,6 Milliarden Menschen 30 Mal so hoch wie 1997. 


Der chinesische Markt macht da keine Ausnahme. So hat sich die Zahl der Internetnutzer im Reich der Mitte in den letzten zehn Jahren von 210 Millionen auf 772 Millionen Menschen fast vervierfacht und die Verbreitung in der Bevölkerung liegt mit rund 56 Prozent sogar noch über dem weltweiten Durchschnitt von 53 Prozent. Noch mehr Menschen nutzen allerdings Mobiltelefone und Smartphones. Weltweit gibt es 5,1 Milliarden Nutzer. Damit besitzen 68 Prozent der Menschen auf dem Globus ein mobiles Telefongerät. Und auch damit lassen sich die Online-Angebote nutzen.


Die Player des Sektors setzen auf weitere Standbeine


Zum Wachstum der Nutzerzahlen kommt der Ausbau des Angebots von Amazon & Co. Lag der Fokus von Amazon lange auf dem Online-Handel von Büchern oder CDs, so hat Firmenchef Jeff Bezos inzwischen eine Vielzahl anderer Dinge im Visier. Auf den Online-Plattformen des Konzerns aus Seattle werden inzwischen beispielsweise auch zahlreiche weitere Produkte wie Kosmetikartikel, Geräte für den Haushalt, Bekleidung oder Autos verkauft. 


Dann bietet Bezos Technologien wie Video-on-Demand und Streaming-Dienste, hat ein Spracherkennungssystem oder eine Plattform für Cloud-Anwendungen. Die Expansion schlägt sich in den Zahlen nieder. Lag der Umsatz des Konzerns 2013 bei 74,5 Milliarden Dollar, so waren es im vergangenen Jahr bereits 177,9 Milliarden Dollar. Der Jahresüberschuss hat sich dadurch in dem Zeitraum auf 3,0 Milliarden Dollar oder 6,15 Dollar je Aktie verzehnfacht. 


Amazon – da sind möglicherweise schon bald 2000 Dollar drin


Betrachtet man die Schätzungen der Analysten – diese erwarten in 2018 eine Gewinnverdopplung und im nächsten Jahr ein weiteres Plus von rund 50 Prozent auf dann 19,71 Dollar je Aktie – kann man den Höhenflug des Titels nachvollziehen. Zwar ist Amazon mit einem 80er-KGV auf Basis 2019 hoch bewertet und entsprechend riskant. Doch nachdem die Aktie im Mai den Widerstand bei 1600 Dollar knacken konnte und seither noch höher fliegt, sind vielleicht bald sogar 2000 Dollar drin.


Mit einem Börsenwert von rund 500 Milliarden Dollar ist Alibaba Anlegern zwar annähernd ähnlich viel wert wie Amazon mit einer Marktkapitalisierung von 820 Milliarden Dollar, aber die Chinesen arbeiten deutlich profitabler. Alibaba wuchs in den letzten Jahren auch viel schneller als Amazon und ist wie der US-Konzern in vielen Bereichen aktiv. So gibt es hohe Zuwächse im Segment der Cloud von 100 Prozent im abgelaufenen Quartal und auch die Zahl der Kunden, die bei Alibaba Online shoppen gehen, wächst nach wie vor rasant. Im vergangenen Jahr gab es dort einen Anstieg um rund 25 Prozent auf 552 Millionen Menschen. 


Alibaba – rasantes und besonders profitables Wachstum


Zudem kauft Alibaba-Chef Jack Ma zu und hat dabei nicht nur den Handel im Visier, sondern auch die Filmbranche. Hat sich der Umsatz des Konzerns aus Hanghzou zwischen den Geschäftsjahren 2013/14 und 2017/18 bereits auf 37,8 Milliarden Dollar vervierfacht, will Ma die Erlöse im laufenden Jahr nochmals um über 60 Prozent steigen. 


Analysten erwarten im Durchschnitt einen Gewinnanstieg von 3,70 Dollar je Aktie im per Ende März abgelaufenen Geschäftsjahr auf 6,45 Dollar in 2018/19 und dann 8,45 Dollar in 2019/2020. Mit 24er-KGV im nächsten Jahr ist Alibaba angesichts der hohen Wachstumsraten bei Umsatz und Gewinn moderat bewertet. 


Tencent – stark bei Online-Spielen und Social Media


Im Bereich Online-Handel unterwegs ist auch Tencent. Zwar ist Social Media ein wichtiges Standbein für das Unternehmen – Tencent betreibt ähnliche Angebote wie Facebook – aber auch das Geschäft mit mobilem Bezahlen hat Ma Huateng alias Pony Ma im Visier und zählt 600 Millionen Menschen zu den Nutzern seiner Bezahl-Lösung «WeChat Pay». 


Daneben setzt Pony Ma auf die Industrie der Online-Spiele und ist dort der grösste Anbieter weltweit. Darüber hinaus ist Tencent auch als Venture Capitalist aktiv. Analysten erwarten in diesem Jahr einen Gewinn von 11,16 Dollar je Aktie und im nächsten einen Anstieg auf 14,01 Dollar je Anteil. Mit 29er-KGV ist auch die Bewertung von Tencent noch überschaubar. 


Baidu und Weibo – relativ günstig


Starke Zuwächse zeigen auch die Baidu und Weibo. Während die Suchmaschine den Umsatz in den vier Jahren seit 2013 auf 12,6 Milliarden Dollar fast verdreifachen konnte, schaffte Tencent-Tochter Weibo das in nur drei Jahren. Mit einem KGV um 35 in diesem Jahr ist der Kurznachrichtendienst aber deutlich teurer als Baidu mit 24er-Gewinnbewertung. Geht es nach den Analysten, soll Baidu im nächsten Jahr gar nur noch mit 20er-KGV bewertet sein. Fazit: Amazon ist fundamental gesehen hoch bewertet, Alibaba scheint mit seinen Zuwächsen bei Umsatz und Gewinn in diesem und nächsten Jahr deutlich günstiger.