Gemeinsam lassen wir etwas Gutes wachsen», so der Werbeslogan von Whole Foods und ihrem neuen Eigentümer Amazon. Ende August hatte der Internethändler die schwächelnde US-Bio-Supermarktkette übernommen. Die meisten Aktienanalysten waren wenig glücklich über den Deal. Kein Wunder, dass der Amazon-Aktienkurs in den Wochen darauf erst einmal seitwärts lief.

Andere Titel des US-Detailhandels wie 
Sprouts Farmers Market, Kroger, Costco sowie Target und Walmart erhielten derweil viel Aufmerksamkeit der Investoren. Nicht nur Amazon-Anleger fragen sich, ob der Kauf von Whole Foods eine gute Entscheidung war. Auch unter den Kunden herrschte nach anfänglicher Euphorie viel Rat­losigkeit darüber, wo die Vorteile der ungewöhnlichen Verbindung der beiden Firmen liegen.

Amazon ist offenbar dabei, die eigenen Stärken auszuspielen und die Lieferwege für die teuren Nahrungsmittel zu optimieren. Whole Foods soll in ein Distributionszentrum verwandelt werden.

Graue Plastikschränke

So haben Kunden seit kurzem die Möglichkeit, ihre Lebensmittel online zu bestellen und in einem Whole-Foods-Geschäft abzuholen. Amazon hat die ersten Filialen mit Amazon-Schränken ausgestattet. Dort warten die bestellten Lebensmittel maximal drei Tage auf ihre Abholung. Der Kunde erhält eine Geheimnummer, mit der er seine Fächer öffnen und die Ware verpackt herausnehmen kann.

Doch die Euphorie der Amerikaner über die neuen tresorähnlichen Anlagen hält sich in Grenzen: «Für mich ist das nichts. Ich gehe lieber traditionell durch die Gänge und kaufe ein», meint Carol, treue Whole-Foods-Kundin im kalifornischen Küstenort San Diego. «Komisches Ding», meint ein anderer Kunde im Vorbeieilen zu den grauen Plastikschränken. Obwohl die Mitarbeiter vor Ort fleissig für die Amazon-Schränke werben, werden sie erst zögerlich genutzt.

Näher am Ziel

Gemäss einer Analyse von Morgan Stanley sind diese vor allem für Kunden interessant, die in dörflichen Gemeinden, weit ausserhalb der grossen Agglomera­tionen leben. Wenn Amazon sie dazu brachte, ihre Ware über weite Distanzen selbst abzuholen, hätte das Unternehmen seine Distributionswege clever optimiert. Denn möglich wäre auch, dass Amazon-Shopper nicht nur typische Whole-Foods-Ware in den Lockern deponieren lassen, sondern bald auch Bücher oder Kleidung. So gesehen ist Amazon seinem langfristigen Ziel, ein Einzelhandelsanbieter für jeden Bedarf zu werden, mit der Whole-Foods-Übernahme ein gutes Stück nähergekommen.

Gut 38 Prozent der Whole-Foods-Kunden seien zudem keine Nutzer von Amazon-Angeboten wie Amazon 
Prime. Auch hier liegen also Möglichkeiten für den Internethändler, seine Haushaltsreichweite zu vergrössern, folgern die Analysten von Morgan Stanley.

Preissenkungen enttäuschten

Für die traditionellen Whole-Foods-Kunden dürfte der neue Eigentümer dagegen kaum etwas verbessern. Das Geschäft mit den Bio-Lebensmitteln ist in den USA hart umkämpft. Selbst Grosshändler wie Walmart und Kroger verkaufen erfolgreich Bio-Eigenmarken, die deutlich preisgünstiger sind als das Repertoire von Whole Foods. Das liegt daran, dass der Bio-Pionier aus Austin deutlich höhere Margen benötigt, um Gewinne zu erwirtschaften, wie Analysten der Investmentbank Barclays ausgerechnet haben.

Der Spielraum für Preissenkungen ist daher sehr klein, was viele Kunden enttäuschte: Als Amazon gleich am Tag der Übernahme massive Preissenkungen in allen Whole-Foods-Filialen ankündigte, schoss der Kundenzustrom zunächst in die Höhe. Doch die Ernüchterung folgte rasch, als klar wurde, dass nur wenige Nahrungsmittel günstiger wurden (wie Eier und Bananen) und dies auch nur um magere 1,9 Prozent. Die enttäuschten Kunden kamen schon am nächsten Tag nicht mehr in die Geschäfte zurück.

Für Anleger, die sich im US-Einzelhandel positionieren möchten, bieten sich neben den sehr teuren Aktien von Amazon viele Alternativen. Whole-Foods-Konkurrentin Sprouts etwa gilt ebenfalls als Übernahmekandidatin. Anleger müssen allerdings mit den Titeln vorerst geduldig sein. Walmart und Costco wiederum sind im Billigsegment positioniert und in der Lage, sich an die Veränderungen im Einzelhandel rasch anzupassen. Beide Titel sind zwar mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von je über 20 teuer bewertet, doch die Mehrheit der von Bloomberg befragten Analysten empfiehlt die Titel zum Kauf.

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