Macht es überhaupt noch Spass, Bankier zu sein?
Eric Syz:
Das hängt davon ab, ob Sie das Glas halb voll oder halb leer sehen. Ich bin Optimist, also sehe ich es halb voll.

Warum soll es halb voll sein?
Zwei Sachen stimmen mich optimistisch. Erstens, die Schweiz hat als Finanzplatz eine Daseinsberechtigung, die man im Inland unterschätzt, welche im Ausland jedoch weiterhin unbestritten ist. Zweitens ist die Marke Schweiz in puncto Stabilität, Qualität, politische Sicherheit und Umfeld grösser und stärker, je weiter man sich von unserem Land entfernt.

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Auf den Schweizer Banken und dem Finanzplatz lastet doch ein riesiger Druck.
An den Beweggründen, weshalb die Kunden ihr Geld in die Schweiz bringen, hat sich allerdings nichts geändert.

Nämlich?
Dank der politischen Stabilität und dem Rechtssystem haben die Kunden die Garantie, dass sie jederzeit auf ihr Vermögen zugreifen können. Gleichzeitig werden sie professionell beraten, und die Schweiz ist eines der wenigen Länder, welches seit über einem halben Jahrhundert Erfahrung mit internationalen Anlagen hat. Kunden müssen im Notfall, wenn sie die Schule der Kinder bezahlen, ihr Hausdach reparieren wollen oder die Fabrik sanieren, Zugriff auf ihr Vermögen haben. Ein Schweizer Konto gewährt ihnen das.

Warum bringen solche Menschen denn ihr Geld ausser Land?
Weil sie kein oder nur ein beschränktes Vertrauen in die Behörden ihres Landes haben. Das ist eine globale Entwicklung, die sich seit der Krise verstärkt hat.

Weil sie kein Vertrauen haben?
Ja, viele Personen haben das Vertrauen in die Rechtsgültigkeit ihres Staates verloren. Es besteht die Furcht vor Zwangsanleihen bis hin zur Enteignung. Daher verlagern manche Leute einen Teil ihres Vermögens in die Schweiz. Unser Land geniesst weiterhin einen hervorragenden Ruf für Qualität und besitzt dazu das Know-how, Vermögen global und kompetent zu verwalten.

Der lange Arm der Amerikaner reicht doch mittlerweile überall hin.
Das würde ich so nicht behaupten. Zugegeben, die Amerikaner können das Dollar-Clearing einer Bank blockieren, was sie beispielsweise der St. Galler Privatbank Wegelin angedroht haben und was eine Bank operationsunfähig machen würde. Doch ich glaube nicht, dass die Amerikaner US-Vermögen bei Schweizer Banken blockieren würden, ohne den Rechtsweg einzuhalten.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vernahmen, dass Wegelin am Ende ist?
Ich war schon erstaunt, dass die Bank undeklarierte, von der UBS kommende US-Kunden aufgenommen hat und dies erst noch öffentlich propagierte, wohl wissend, wie die Amerikaner agieren.

Wie erklären Sie sich das?
Die Wegelin-Verantwortlichen haben entweder unbedacht oder fahrlässig gehandelt. Sie haben die Situation unterschätzt oder nicht berücksichtigt, welche Mittel die USA in der Hinterhand haben – oder vielleicht beides. Mir ist es bis heute rätselhaft, wie das geschehen konnte.

War nicht einfach die Versuchung sehr gross, mit diesen ehemaligen UBS-Kunden noch etwas Ertrag zu erzielen?
Wir haben das nie gemacht.

Sie hatten klare Direktiven?
Ja. Es war mir auch stets bewusst, wie aggressiv die USA sein können, insbesondere im Zusammenhang mit undeklarierten Kunden.

Sie haben also keine US-Kunden?
Doch, aber nur deklarierte, die wir über eine spezielle Rechtseinheit betreuen, die bei der Securities Exchange Commission (SEC), also der amerikanischen Börsenaufsicht, registriert ist. Wir haben dieses Geschäft vor etwas weniger als zwei Jahren gestartet und verwalten mittlerweile etwa 250 Millionen Franken. Unsere Kundenberater reisen problemlos und so oft sie wollen in die USA. Ich war schon immer ein grosser Anhänger der Amerikaner. Man muss sich dort einfach an die Spielregeln halten. Dann bekommen Sie überhaupt keine Probleme. Das haben manche Schweizer Bankleute offenbar nicht begriffen.

Wie erleben Sie den US-Steuerstreit?
Staatssekretär Michael Ambühl hat einen unbefriedigenden Job gemacht. Er hat schlecht verhandelt und besass auch noch die Arroganz, sich ohne Beizug von amerikanischen Anwälten an den Verhandlungstisch zu setzen. In einem Land, in dem das Rechtssystem so komplex ist, will der Schweizer Chefunterhändler keine US-Rechtsexperten an seiner Seite.

Sie übertreiben.
Nein. Etliche Bankenvertreter haben es ihm nahegelegt, doch Herr Ambühl wollte dies im Alleingang machen. Das war fahrlässig.

Inwieweit ist die Bank Syz von der aktuellen Pattsituation im Steuerstreit mit den USA betroffen?
Überhaupt nicht, höchstens vom Imageverlust des Bankenplatzes.

Welche Rolle spielte das Bankgeheimnis bisher für Ihr Unternehmen?
Wir haben das Bankgeheimnis nie als Geschäftsmodell verkauft. Unser Geschäftsmodell beruhte stets darauf, im Asset Management einen Mehrwert für unsere Kunden zu erzielen. Wir verkaufen sozusagen ein Metier – die Vermögensverwaltung – und darüber hinaus haben wir noch eine Bank, bei der man sein Geld deponieren kann. Das Bankgeheimnis kam vom Staat. Es war so etwas wie eine Rahmenbedingung, die es einfach gab, und die es den Schweizer Banken ermöglichte, einen Vorteil gegenüber der ausländischen Konkurrenz zu haben. Uns war indessen immer bewusst, dass wir auch dann besser sein müssen, wenn es dieses Bankgeheimnis nicht mehr gibt. Selbst dann sollen die Kunden noch sagen: «Wir bleiben in der Schweiz, weil diese Bank uns einen Mehrwert liefert. Dafür sind wir auch bereit, etwas mehr zu bezahlen.»

Brauchen wir eine Weissgeldstrategie?
Ich weiss gar nicht, was das ist. Wer hat diese Strategie erfunden und was soll sie bezwecken? Hatten wir vorher etwa eine Schwarzgeldstrategie auf dem Finanzplatz? Nicht dass ich wüsste.

Weissgeldstrategie bedeutet wohl, dass man nur nachweislich deklarierte Vermögen entgegennimmt.
Schauen Sie, in manchen Ländern ist Steuerkonformität überhaupt kein Thema. Asiaten beispielsweise können so viel Geld im Ausland deponiert haben, wie sie wollen, ohne dabei unkonform zu sein. Das kümmert da niemanden. Das Wort Weissgeldstrategie scheint mir mehr verwirrend als etwas anderes; es ist ein politisch plakatives Schlagwort.

Manche Schweizer Banken expandieren nun nach Osten, beispielsweise nach Russland. Ist das für Sie auch eine Option?
Russland kann interessant sein, ist aber nicht unbedingt einer meiner Zielmärkte. Das juristische Umfeld dort ist heikel. Wir würden da eher das US-Geschäft vorziehen oder beispielsweise nach Belgien expandieren.

Die Konsolidierung in der Branche ist seit langem ein Thema. Doch findet sie auch tatsächlich statt?
Ja, zwangsläufig, denn viele Banken sind heute mit hohen Kosten konfrontiert. Wenn sie diese senken wollen, müssen sie Volumen schaffen, zumal die Margen sicher auch nicht grösser werden, sondern eher noch schrumpfen. So kommt es zu Übernahmen.

Was plant die Bank Syz?
Wir sind sehr gut kapitalisiert und haben auch genügend überschüssige Eigenmittel für eine Übernahme.

Wie viel Geld liegt dafür in Ihrer Kasse?
Wir könnten problemlos eine Übernahme im Wert von 200 bis 250 Millionen Franken tätigen. Wir suchen laufend, unser Radar ist immer an. Aber es ist nicht einfach, etwas Passendes zu finden.

Was suchen Sie denn?
Etwas Komplementäres zu dem, was wir schon machen. Eine Privatbank mit vielen französischen Kunden eher nicht. Da wären mir 80 Prozent deklarierte Schweizer Kunden schon viel sympathischer. Wir schauen uns trotzdem alles an, was eine industrielle Logik haben könnte.

Könnten Sie sich zwecks Kostensenkungen auch einen Personalabbau vorstellen?
Bei uns gibt es keine Tabus. Wir haben verschiedentlich da und dort Personal abgebaut. Aber nie im grossen Stil. Als wir in der Vergangenheit einige Stellen streichen mussten, fanden die betroffenen Leute rasch wieder einen neuen Job.

Einer Ihrer Söhne arbeitet bei der Bank Syz in Hongkong. Ist das der Beginn der Nachfolgeregelung?
Nein, so weit sind wir nicht. Ohnehin denke ich, dass ein 30-Jähriger heute vielleicht noch etwas anderes machen will, als in der Finanzbranche zu arbeiten. In Asien bieten sich viele andere interessante und aufregende Möglichkeiten ausserhalb der Finanzbranche.

Die Bank Syz gibt es seit 17 Jahren. Was waren die Erfolgsfaktoren dafür?
Sicherlich war das Timing gut, als wir begannen. Man braucht aber auch etwas Glück. Letztlich haben wir aber frühzeitig erkannt, dass wir mit dieser Asset-Management-Komponente einen Mehrwert anbieten können – also professionelle Vermögensverwaltung für Private und Institutionelle und nicht das Bankgeheimnis per se.

Wie kommt man eigentlich auf die Idee, eine eigene Bank zu gründen?
Bei meinem früheren Arbeitgeber hatte ich bereits Vorstellungen, wie eine zeitgemässe Vermögensverwaltung aussehen soll. Ich war damals in der Geschäftsleitung. Dort hat man über alles diskutiert, bloss über zwei Dinge nicht: Nämlich, wie man neue Kunden gewinnt und wie das Produkt beschaffen sein soll, das man der Klientel anbietet – aus meiner Sicht zentrale Aspekte. Da ich meine Vorstellungen nirgends umsetzen konnte, habe ich mich entschlossen, diese mit einer Neugründung und mit Partnern zu verwirklichen.