Massenhafte Verkäufe beim Pfund Sterling haben in der Nacht zum Freitag zu einem dramatischen Einbruch von knapp zehn Prozent bei der britischen Währung geführt. Börsianer sprechen von einem «Flash Crash», einem durch den automatischen Computerhandel ausgelösten Absturz. Ein Sprecher der Bank of England kündigte an, die Kursbewegung überprüfen zu wollen. Die Angst vor einem sogenannten harten Brexit, also ein EU-Austritt ohne freien Zugang zum europäischen Binnenmarkt, könnte Experten zufolge das Pfund in nächster Zeit weiter drücken.

Kurz nach Beginn des asiatischen Geschäftes rauschte der Kurs innerhalb weniger Minuten auf einigen Handelsplattformen um mehr zehn Prozent von 1,2600 Dollar auf knapp unter 1,14 Dollar. Die über Nacht erfolgte Bewegung des Pfund hatte sich rasch zu einem Flash-Crash ausgewachsen. Einige Grossaufträge unbekannter Herkunft haben eine Sturz-Kaskade des Pfund in Bewegung gesetzt, weil Stopp-Loss-Aufträge in einem – bedingt durch die Tageszeit – dünnen Markt ausgelöst wurden, schreibt John Hardy, Währungsexperte der Saxo Bank. Das trieb den Wechselkurs zu dem Punkt, wo es während einiger Zeit keine Gebote mehr gab, bevor dann eine deutliche Erholung einsetzte.

Algos sind moderne Versionen eines George Soros

Wenig später hatte die Währung den Verlust zur Hälfte wieder wettgemacht und erholte sich im Handelsverlauf weiter. Doch die Stimmung blieb angespannt. Gegen Mittag lag das Pfund 2,5 Prozent im Minus bei 1,2300 Dollar.

«Es gab gar keinen unmittelbaren Grund für das Pfund Sterling, eine solch dramatische Bewegung zu machen», sagte ein Händler. «Das war sogar grösser als das, was wir unmittelbar nach dem Brexit gesehen haben.»

Als das Pfund nach unten wegbrach, könnten weitere technische Algotrader mitgezogen haben, was zu dem schnellen und scharfen Kursverfall geführt hat, sagten Analysten. «Das Pfund ist ein Opfer unserer digitalen, von Schlagzeilen beherrschten Welt geworden», sagte Kathleen Brooks von Forex.Com. «Für das Pfund sind die Algotrades die moderne Version eines George Soros geworden.» Der Milliardär Soros wurde in den 90er Jahren mit millionenschweren Wetten gegen die britische Währung bekannt.

Von Computern gesteuerte Handelsprogramme gewinnen an den Märkten immer mehr an Einfluss. Die so genannten Algotrades reagieren mit atemberaubender Geschwindigkeit auf Schlagzeilen und Daten und bringen mit ihren Orders die Kurse von Unternehmen, Branchen und Märkten ins Rollen. Basierend auf einer oft sehr komplexen Anlagestrategie entscheiden die Programme quasi per Autopilot über den Verkauf und Kauf von Aktien.

Börsenhändler haben Angst vor hartem Brexit

Ohnehin ist das das Pfund Sterling angeschlagen: Seit Juni, als die Briten für den Ausstieg aus der Europäischen Union (EU) gestimmt hatten, steht die Devise stark unter Druck. Die Angst vor verhärteten Fronten zwischen den Verhandlungspartnern über die Ausgestaltung des Brexit schürte die britische Premierministerin Theresa May vergangenes Wochenende mit ihrer Ankündigung, den Brexit-Antrag bis spätestens Ende März zu stellen. «Ich glaube, wir haben unterschätzt, wie viele Marktteilnehmer sich für einen weichen Brexit positioniert hatten oder gar keinen», sagte Stratege Sean Callow von Westpac. «May könnte die Marktbereinigung gerade erst gestartet haben.» Die Analysten von HSBC sehen das Pfund bis Ende 2017 auf 1,10 Dollar fallen und auf Parität zum Euro.

Hollande-Rede als Grund?

Für Unruhe sorgten am Donnerstagabend Kommentare des französischen Präsidenten Francois Hollande, der ebenfalls für einen harten Kurs der EU in den Verhandlungen mit den Briten warb. «Die Briten wollen raus, aber sie wollen nicht zahlen. Das ist nicht möglich», sagte Hollande in einer Rede in Paris. Die Briten hätten sich für den Austritt entschieden, «tatsächlich - wie ich glaube - einen harten Brexit.» Die EU müsse nun hart bleiben, um ihre Prinzipien nicht infrage zu stellen. Hollandes Rede wird als Erklärung für den Sturz des Pfundes angeführt. John Hardy von der Saxo Bank meint allerdings: «Das ist eine unzureichende Entschuldigung dafür, dass schlicht kein Mechanismus vorhanden war, der die grossen elektronischen Orderströme und damit die Volatilität begrenzt hätte.»

Gespenst der Rezession

Viele Experten fürchten ein Abgleiten der britischen Wirtschaft in eine Rezession. Die britische Industrie hatte nach dem ersten Brexit-Schock dank des schwächeren Pfunds zuletzt aber viel Boden gutgemacht. Um die Folgen für die britische Wirtschaft abzufedern, müsste das Pfund noch weiter deutlich abwerten, sagte Devisen-Analyst Jeffrey Halley vom Broker Oanda.

(reuters/chb)

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