Herrscht an den Aktienmärkten Ausverkaufsstimmung, verpuffen positive Meldungen bei den Anlegern nahezu ungehört. Jüngste Beispiele sind die drastische Leitzinssenkung der US- Notenbank oder die starken Microsoft-Resultate, die nur kurzzeitig Entspannung an die Börsen brachten.

Dieses Phänomen ist nicht neu, sorgt aber jedes Mal wieder für Erstaunen. Die Erklärung dafür ist eigentlich einfach: «Die Investoren haben sich ihre Meinung gebildet. Daran halten sie fest und lassen sich auch durch einen Fed-Entscheid nicht davon abbringen», ist Alfons Cortes, Advisor to the Board der LGT Capital Management AG, überzeugt, der sich im Rahmen der «Behavioral Finance» mit den Verhaltensweisen der Anleger auseinandersetzt. Ähnlich sieht dies Wirtschaftspsychologe Hans-Rudolf Metzger: «In den letzten Monaten ist es zu einem grundlegenden Stimmungsumschwung gekommen, der durch Einzelentscheide nicht rückgängig gemacht werden kann.»

Der Neandertaler-Effekt

Zurzeit ist die Stimmung vor allem durch eine grosse Verunsicherung geprägt. «Die Kleinanleger sind extrem verunsichert und wissen nicht mehr, wem sie noch trauen beziehungsweise was sie noch glauben können», beschreibt Börsenpsychologe Rüdiger von Nitzsch die Marktstimmung gegenüber der Zeitung «Euro am Sonntag». Dass unter diesen Voraussetzungen die Stimmung schnell in Panik umschlagen kann, ist ein seit längerem beobachtetes Muster. «Insbesondere in einer anhaltenden Schwächephase führt ein Kursrückgang zu einer Überreaktion bei den Anlegern», hat Cortes in den vergangenen Jahren festgestellt. In diesem Fall spiele ein Neandertaler-Effekt, wo der Verstand ausgeschaltet und nur noch blindlings der Masse gefolgt werde, beschreibt Metzger das Verhalten, welches in emotional geprägte Kurzschlussreaktionen mündet und zu hohen Verlusten führen kann.

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Kühlen Kopf bewahren

«Wer an der Börse investiert, sollte sich aber so wenig wie möglich von den Emotionen treiben lassen», empfiehlt der Wirtschaftspsychologe.Schliesslich würde die Wahrnehmung der Anleger durch starke Gemütsbewegungen verzerrt, wodurch möglicherweise entscheidende Informationen beim Investmententscheid ausgeblendet werden.Wer dagegen einen kühlen Kopf bewahrt, der kann von solchen emotional geprägten Kursrückgängen profitieren – obwohl viele Kleinanleger nach wie vor davon überzeugt sind, dass man nur bei steigenden Aktienkursen an der Börse Geld verdienen kann. «Langfristige Investoren haben die Möglichkeit, sich günstig an interessanten Titeln zu beteiligen», sagt Cortes. Dass Warren Buffett just vergangene Woche bei Swiss Re eingestiegen ist, stützt diese These. Sowohl Metzger als auch Cortes betonen aber, dass man, um in einer Abwärtsphase Profite erzielen zu können, ständig am Ball bleiben muss. «Es braucht einerseits ein genau definiertes Szenario und die Möglichkeit, dieses jeden Tag auf seine Gültigkeit zu überprüfen», ist Cortes überzeugt.

Talsohle noch nicht erreicht

Das Szenario von Cortes beinhaltet, dass die Talsohle auch nach den jüngsten Markteinbrüchen nicht erreicht wurde und dass die Baisse noch während einiger Monate andauern wird. Ebenfalls zurückhaltend gibt sich Metzger: Er erwartet noch einen weiteren Taucher der Aktienmärkte und warnt davor, wegen vermeintlich günstiger Kurse vorschnell in gefallene Titel zu investieren. «Aus reiner Gier werden wohl viele Investoren bald wieder auf den Aktienzug aufspringen», vermutet er. Dafür sei es jedoch noch zu früh.

 

Unternehmen halten an  geplanten Börsengängen fest

Die Beteiligungsgesellschaft HBM Bioventures mit Sitz in Baar ZG will den Gang an die Schweizer Börse (SWX) trotz des schwierigen Marktumfeldes wagen. Sie hat dafür ein zweistufiges Verfahren gewählt: Das Listing kommt mit Sicherheit. Ob gleichzeitig auch das Aktienkapital erhöht wird, muss die anstehende Roadshow erst noch zeigen. Die Chance dafür sei aber «grösser als 50%», lässt Finanzchef Joachim Rudolf durchblicken. HBM Bioventures will mit der Kotierung an der SWX primär den Kreis der Investoren vergrössern. Finanzielle Mittel braucht die Gesellschaft kurzfristig nicht.

Ursprünglich hatte auch die in Zug beheimatete Pharmafirma Amvac vor, im 1. Quartal 2008 den Gang an die SWX zu wagen. CEO und Gründerin Melinda-Kinga Karpati wollte diesen Zeitplan auf Anfrage jetzt aber «weder bestätigen noch dementieren».

Für die Pharma- und Biotechexperten, die sich letzte Woche in Genf an der Fachveranstaltung Biodata trafen, war klar, dass das IPO-Zeitfenster für die Branche längerfristig geöffnet bleibe. So gilt etwa das Basler Biotechunternehmen Mondobiotech seit längerer Zeit als Börsenkandidat. CEO Fabio Cavalli meinte aber unlängst, dass dies erst ab dem 2. Halbjahr 2008 aktuell sei. Jack Barbut wiederum, CEO des Genfer Biotechunternehmens Novimmune, kann sich einen Börsengang ab 2009 vorstellen.

Auch Anders Härfstrand, CEO des Basler Pharmaunternehmens Nitec, will einen Börsengang zu einem späteren Zeitpunkt nicht grundsätzlich ausschliessen. Auch das in Singapur beheimatete Pharmaunternehmen Merlion denkt über einen Börsengang ab 2009 nach. «Die SWX ist einer der Börsenplätze, die wir dafür in Betracht ziehen», sagt CEO Tony Buss.