Seit Jahresbeginn haben die Aktien der Emerging Markets gegenüber den globalen Indizes outperformt. Während der MSCI World Index seit Anfang Januar 6,3% verloren hat, machte der MSCI Emerging Markets mit Plus 12,2% Boden gut. «2008 war ein sehr schlechtes Jahr, aber jetzt fliesst das Kapital der Anleger wieder zurück», erklärt Stefan Hofer, Stratege Emerging Markets Research bei der Bank Julius Bär. Der Risikoappetit der Investoren habe, teilweise durch die steigenden Rohstoffpreise, wieder zugenommen, so der Experte weiter.

Insbesondere aus China sind jüngst wieder positive Nachrichten zu vernehmen. So plant die Regierung, gemäss einem Zeitungsbericht im «China Securities Journal», ein weiteres Konjunkturstützungsprogramm. Wie hoch das Volumen des neuen Programms ausfallen werde, wurde nicht erwähnt. Zuvor hatte der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabo gesagt, die wirtschaftliche Lage seines Landes sei besser als erwartet. Nach Angaben Wens hat sich die Industrieproduktion in China im März um 8,3% gesteigert. Im Januar und Februar war der Zuwachs deutlich tiefer ausgefallen.

Debatte um Entkopplung zu früh

Bereits ist wieder die Rede von einer Entkopplung der Wirtschaftsentwicklung Chinas und jener der restlichen Welt. Nachdem 2008 der chinesische Leitindex Hang Seng mit 48,8% rasant eingebrochen war, verstummten die Stimmen, welche glaubten, dass sich China dem globalen Abwärtssog entziehen könne. «Die Debatte einer Entkopplung von China ist jetzt wieder aufgekommen», bestätigt Hofer. Seiner Ansicht nach sei es jedoch verfrüht, von einer Entkopplung zu sprechen. «Die ökonomischen Indikatoren deuten darauf hin, dass weiterhin negative News aus den Emerging Markets zu vernehmen sein werden», so seine Erklärung.

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Dennoch steht China besser da als die meisten anderen Schwellenländer, sagt Arjun Divecha von GMO: «Die chinesische Regierung hat massiv Geld in die Wirtschaft gepumpt, und die Kreditvergabe von Banken nimmt eher noch zu.» Daher droht auch in Sachen Kreditklemme keine Gefahr. Die chinesische Regierung hat im Gegenteil versichert, dass Kreditkonditionen nicht verschärft würden. Ein weiteres deutliches Plus für Investoren: «Wirtschaftswachstum ist die klare Priorität von China», so Hofer.

China-Index: Plus 15 Prozent

Auch die Analysten von JP Morgan Chase sehen interessante Chancen für Investoren in China: In einer vor Kurzem publizierten Studie prognostizieren sie für den MSCI China Index bis Jahresende einen weiteren Anstieg von 15%. Die Analysten stellen gar eine neuerliche Heraufstufung der Indexprognose in Aussicht, falls sich die jüngste Belebung des Privatkonsums als nachhaltig erweise.

Nicht nur für China sind die Experten zuversichtlich. Auch Brasilien könnte einige Trümpfe ausspielen. Das hohe Zinsniveau lasse Spielraum für Massnahmen zur Konjunkturbelebung zu, so Divecha (siehe «Nachgefragt»). Ausserdem sei das Land stärker binnenmarktorientiert als viele andere Emerging Markets. Auch Hofer ist gegenüber dem grössten Land Südamerikas überaus positiv eingestellt: «Brasilien hat die Krise sehr gut gema-nagt. Den Umständen entsprechend geht es den Banken gut.»

Mittelfristig Schlimmstes vorbei

Wie gross ist die Gefahr, dass die Schwellenländer-Aktien nach der Überholfahrt der letzten Monate umso tiefer fallen werden? «Die Euphorie ist etwas übertrieben und es besteht das Risiko einer Konsolidierung», so Hofer. «Doch mittelfristig haben Emerging Markets das Schlimmste überstanden und sollten outperformen», fährt der Experte fort.

Eine einfache und günstige Möglichkeit, in Emerging Markets zu investieren, bieten Exchange Traded Funds (ETF). In der Schweiz stehen rund ein Dutzend der kotierten Index-Fonds auf Schwellen- und Entwicklungsländer zur Auswahl.


NACHGEFRAGT

Arjun Divecha, Stratege Emerging Markets bei GMO, Berkeley
«Märkte hängen stark von Politik ab»

Seit Jahresbeginn haben sich die Aktienindizes von Schwellenländern besser gehalten als jene der Industrienationen. Kommt jetzt der grosse Rückschlag?

Arjun Divecha: Was wir gesehen haben, war eine Gegenbewegung - 2008 sind Aktien in Schwellenländern stärker gefallen als in Industrieländern. Auf längere Sicht sehe ich die Entwicklung positiv. Denn viele dieser Länder haben nicht die strukturellen Probleme, welche die USA und Europa etwa im Finanzsektor haben. Für diese Nationen ist dies eher eine zyklische Krise. Die Abhängigkeit von fremdem Kapital hat abgenommen, sie können jetzt auf lange Frist aus eigener Kraft wachsen.

Trotzdem: Der Boden ist noch nicht erreicht?

Divecha: Wenn ich raten müsste, dann würde ich sagen: Es wird noch schlimmer. Wir sind nun auf komplett unbekanntem Territorium. Die Märkte hängen sehr stark von politischen Entscheiden ab.

Welche Schwellenländer werden sich als Erste erholen?

Divecha: Auf einen Horizont von fünf Jahre hinaus sehen wir in der Türkei, Brasilien, Korea und Thailand Potenzial. Und das nicht nur, weil die dortigen Aktienwerte sehr günstig bewertet sind. Brasilien etwa weist auch ein hohes Zinsniveau auf. Das lässt mehr Spielraum für Massnahmen zur Konjunkturbelebung. Kommt hinzu, dass die Exporte dort nur 12% des BIP ausmachen.

Wie positionieren sich Investoren am besten?

Divecha: Privatanleger wählen sinnvollerweise die Anlagekategorie in einem Fonds, oder sie setzen auf ETF und spielen die einzelnen Schwellenländer wie Aktien. Das setzt aber gute Marktkenntnisse voraus.