Der Goldpreis hat einen neuen Rekordstand erreicht. In der Spitze kletterte der gehandelte Preis für eine Feinunze (31,1 g) Anfang der Woche bis auf 875.80 Dollar. Damit wurde die im Handelsverlauf am 21. Januar 1980 erreichte alte Höchstmarke von 871 Dollar übertroffen. Und dabei dürfte es nicht bleiben.

«Gold ist immer dann attraktiv, wenn alles andere unattraktiv ist», fasst Bernhard Schnellmann die 2008er Aussichten für das gelbe Edelmetall zusammen. «Es ist ein Fluchtinvestment, wenn die Verunsicherung gross ist», fügt der Goldexperte von der Edelmetallraffinerie Argor-Heraeus hinzu. Wie sehr die Investorennerven angespannt sind, konnte kurz nach dem Mord an der pakistanischen Oppositionspolitikerin Benazir Bhutto beobachtet werden: Der Goldpreis schoss auf den höchsten Wert seit 28 Jahren.

Verschiebungen der Nachfrage

Dass Gold in der gegenwärtigen Verunsicherung ein Fluchtinvestment ist, zeigt sich in der Statistik. Gemäss dem World Gold Council vereinnahmte noch im 2. Quartal 2007 die Schmuckindustrie fast drei Viertel der gesamten Goldnachfrage – immerhin 661,5 t. Für Investitionszwecke wurden nur knapp 14% verwendet. Aber im 3. Quartal 2007 sank die Goldnachfrage der Schmuckindustrie auf rund 62%, während Investoren ein Viertel nachfragten. Mehr als die Hälfte davon wurde allein über Exchange Traded Funds auf Gold aufgekauft.

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Diese Verschiebung auf dem Goldmarkt kann Bernhard Schnellmann von Argor-Heraeus bestätigen. «Im Fernen und Mittleren Osten wird heute aufgrund des hohen Goldpreises sehr viel Altgold verkauft», sagt der Goldexperte. Die rückläufige Produktion der Goldminen hat laut Schnellmann hingegen nur einen begrenzten Einfluss auf das Angebot. Umgekehrt wirken sich auch die Verkäufe der Zentralbanken und der Goldverbrauch der Industrie nur bedingt auf den Markt aus.

Trotz der erhöhten Nachfrage zu Investitionszwecken würden Marktengpässe aber nicht eintreten. «Es ist genug Gold im Umlauf», zeigt sich Schnellmann überzeugt. Ähnlich die Analysten der DekaBank. Die Deutschen Banker sehen im laufenden Jahr gemäss ihrem aktuellen Makro-Research für Rohstoffe keine nennenswerte Verschärfung der Knappheitsverhältnisse am Goldmarkt.

Als weit herum zuverlässiger Gradmesser für die Attraktivität von Gold gilt auch der Dollar, oft wird auch die Inflation genannt. Analytiker von Credit Suisse und des Marktforschers Global Insight behaupten gar, dass sie anhand von Regressionsmodellen genau berechnen können, um wie viel der Goldpreis steigt, falls der Greenback etwa gegenüber dem Euro sinkt und umgekehrt. Andere Experten vertreten zwar die Meinung, dass die langfristige negative Korrelation zwischen Dollar und dem Goldpreis heute nicht mehr existiert. Die vergangenen Wochen scheinen aber zumindest kurz- bis mittelfristig die These der Credit-Suisse- und der Global-Insight-Analytiker zu untermauern. Denn der Dollar befand sich jüngst auf Talfahrt, während gleichzeitig der Goldpreis kletterte. Der Grossteil der Analystenwelt zeigt sich davon überzeugt, dass die US-Währung im Laufe dieses Jahres wieder erstarkt, was gemäss der Korrelations-Theorie eigentlich für einen fallenden Goldpreis sprechen müsste. Nicht in den Augen von Bernhard Schnellmann von Argor-Heraeus. Denn solange die US-Währung steigt, weil der Euro sinkt, sei das noch kein Zeichen für eine Dollar-Stärke. Ein Zusammenhang zwischen der Inflation und dem Goldpreis ist laut Schnellmann hingegen statistisch nicht bewiesen. Die Teuerung würde aber ebenfalls zur Verunsicherung der Anleger beitragen und dem Goldpreis Auftrieb geben.

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Noch kein Ende der Goldhausse

Bernhard Schnellmann von Argor-Heraeus will sich nicht festlegen. Er würde sich aber nicht wundern, falls der Preis für eine Feinunze Gold von gegenwärtig rund 850 in zwölf Monaten auf über 1000 Dollar steigen würde. «Der Goldpreis wird 2008 gerade wegen der Unsicherheiten auch selber sehr volatil sein, ein zwischenzeitlicher Einbruch unter 700 Dollar würde mich daher auch nicht überraschen», fügt der Goldexperte hinzu. Tendenziell sei 2008 aber eher mit höheren Durchschnittspreisen zu rechnen. Mit dem positiven Szenario befindet er sich in guter Gesellschaft, denn die Mehrzahl der Marktbeobachter sieht aufgrund der Verunsicherung der Anleger das Ende der Goldhausse noch lange nicht erreicht.

Ausnahmen gibt es: Die Analysten der DekaBank rechnen mit einer Entspannung der konjunkturellen und der Finanzmarkt-Situation. «Zudem erwarten wir eine leichte Festigung des Dollar, sodass der Goldpreis auf Sicht von zwölf Monaten merklich nachgeben dürfte», schreiben die DekaBank-Analysten. Und Jim O'Neill, Chefökonom von Goldman Sachs, hält 2008 einen Preisrückgang von 15 bis 20% für fällig, da Gold «sehr, sehr gut» gelaufen sei. Es ist nicht das erste Mal, dass sich die US-Bank mit abweichenden und extremen Ansichten in das Rampenlicht der Öffentlichkeit drängt. Manchmal bewiesen die Analysten von Goldman Sachs allerdings eine gute Spürnase.

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Eldorado für Spekulanten

Die verzwickte Situation auf den Finanzmärkten lässt auch für den Goldpreis kaum verlässliche Prognosen zu, wenngleich sich eine Tendenz nach oben etwas aufdrängt. Nur eines ist sicher: Der Goldpreis wird 2008 sehr volatil sein – ein Eldorado für Spekulanten.