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Anleger müssen für deutsche Anleihen jetzt draufzahlen

Deutschland: Den Finanzminister freut die negative Rendite. Keystone

Grosskäufe der EZB und ein möglicher Brexit verunsichern die Märkte. Bundesanleihen gelten als sicher, aber wenig rentabel. Für die zehnjährige Bundesanleihe in Deutschland fiel der Zins ins Negative.

Veröffentlicht am 14.06.2016

Es ist ein Novum in der Geschichte Deutschlands: Erstmals müssen Investoren Geld dafür bezahlen, dass sie die zehnjährige deutsche Staatsanleihe in ihr Depot legen dürfen. Die Rendite des Papiers, das seit Anfang der 1960er Jahre regelmässig ausgegeben wird, fiel am Dienstag unter die Null-Prozent-Marke.

Versicherungen und Pensionsfonds, für die die zehnjährige Bundesanleihe weltweit eines der wichtigsten Finanzinstrument ist, leiden unter dem Minus-Zins, während Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sich die Hände reibt. Mit den Papieren finanziert er den gut eine Billion Euro schweren Kreditberg des Bundes. Nun verdient Schäuble mit dem Schuldenmachen sogar noch Geld.

Heiss begehrt

An der Börse fiel die Rendite für die richtungsweisenden zehnjährigen Bundesanleihen zeitweise auf minus 0,034 Prozent. Angetrieben wurde die Entwicklung von der Europäischen Zentralbank (EZB), die seit einiger Zeit in grossem Stil Staatsanleihen am Markt aufkauft.

Zudem flüchten Anleger seit Wochen aus Furcht vor einem Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union (EU) in «sichere Häfen». Bundesanleihen sind deshalb heiss begehrt, sie gelten bei Experten als ein nahezu risikoloses Investment. «Anleger versuchen derzeit jegliches Risiko zu vermeiden», sagt Chefvolkswirt Cyrus de la Rubia von der HSH Nordbank. «Es geht offenbar gerade nur noch um Verlustminimierung, nicht mehr um Gewinnmaximierung.»

Brexit als Fluchtfaktor

Bei Anleihen mit kürzeren Laufzeiten sind negative Zinsen bereits Alltag: Die Investition in zweijährige Bundesanleihen ist seit Mitte 2014 ein Verlustgeschäft. Deutschland ist das zweite Land aus der Riege der sieben führenden Industrienationen (G7), dessen zehnjährige Titel unter null Prozent rentieren. Die vergleichbaren japanischen Anleihen befinden sich seit Anfang März in negativem Terrain.

Geschürt wird die Flucht der Investoren in Bundesanleihen vom drohenden Brexit. Die Briten stimmen am 23. Juni darüber ab, ob sie in der EU bleiben. Experten rechnen bei einem «Nein» zur EU mit einem weltweiten Börsenbeben. Aktuelle Umfragen sehen die EU-Gegner vorn. Zudem wirbt die auflagenstarke britische Zeitung «The Sun» für einen Brexit. «Wenn die Ängste um den Brexit eskalieren, kann es mit der Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe noch weiter nach unten gehen», sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

Emotionale Gründe

Sein Kollege Folker Hellmeyer von der Bremer Landesbank rechnet aber nicht damit, dass die Renditen lange im negativen Bereich bleiben. «Im Moment kauft man aus politischen Risiken die Bundesanleihen, dahinter steckt kein rationales Handeln sondern eine hohe Emotionalität.»

Den Startschuss für den aktuellen Renditeverfall gab Experten zufolge allerdings das Wertpapier-Ankaufprogramm der EZB. Sie pumpt inzwischen 80 Milliarden Euro monatlich in die Finanzmärkte. Seit Anfang Juni sammeln die Währungshüter zudem Anleihen von Grosskonzernen am Kapitalmarkt auf. Damit treiben sie die Kurse der Bonds und drücken im Gegenzug die Renditen.

Versicherungen als Leidtragende

Dank der geringeren Finanzierungskosten können sich Staaten und Firmen leichter Geld für Investitionen beschaffen. Mit diesen Massnahmen will Notenbank-Chef Mario Draghi die drohende Deflation, eine Spirale fallender Preise und rückläufiger Investitionen, abwenden.

Unter der lockeren Geldpolitik der EZB leiden vor allem die Versicherer. Sie haben Schwierigkeiten, wegen der niedrigen Leitzinsen an den Finanzmärkten, genügend Rendite für ihre Kunden zu erwirtschaften. «Der Rückgang der Rendite zehnjähriger Bundesanleihen unter die Nulllinie markiert ein neues trauriges Kapitel in einem von der Geldpolitik verzerrten europäischen Anleihemarkt», erklärte der Chefvolkswirt des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Klaus Wiener.

Enormes Handelsvolumen

Der Markt für Bundesanleihen ist riesig: An einem durchschnittlichen Handelstag wechseln Papiere im Volumen von rund 20 Milliarden Euro den Besitzer. Die derzeit im Umlauf befindlichen zehnjährigen Titel haben einen Wert von fast 500 Milliarden Euro. Am Sekundärmarkt, also an europäischen Wertpapierbörsen, elektronischen Handelsplattformen oder ausserbörslich, werden pro Jahr etwa 2,5 Billionen Euro gehandelt.

Nur der Markt für US-Staatsanleihen ist noch liquider. Das bedeutet, das Besitzer ihre Anleihen praktisch jederzeit zu Geld machen können. Das ist auch für Banken wichtig, die Bundesanleihen als Puffer für schlechte Zeiten in ihren Portfolios halten müssen.

(reuters/jfr/ama)

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