Die Hoffnung ist an den Aktienbörsen ein zartes Pflänzchen. Nach einem Run von mehreren Wochen haben die Indizes nun zeitweise wieder ins Minus gedreht. Und die Anleger müssen erneut von Tag zu Tag planen, mit der Frage: Wann hat die Erholung wirklich Bestand?

Wer indessen über das Tagesgeschehen hinausschaut, findet darauf eine unangenehme Antwort: Wahrscheinlich noch lange nicht. Für viele Experten sind nämlich die Kursverluste seit 2007 nur die Fortsetzung einer grossen Korrektur, die mit der Tech-Blase der Jahrtausendwende eingesetzt habe. Seit dem Jahr 2000 sei der Schweizer Aktienmarkt im Krebsgang, urteilt Alfred Roelli, Leiter Finanzanalyse bei der Privatbank Pictet. «Mit Blick auf die kommenden ein bis zwei Jahre ist zu befürchten, dass die Situation ähnlich ausfallen könnte wie in den 1970er-Jahren, als die Aktienmärkte jahrelange Stagnation und zahlreiche Fehlstarts erlebten.»

Verlorenes Jahrzehnt

Die Einteilung der Kursbewegungen in langjährige Zyklen die Rede ist oft von 25 Jahren oder einer Generation von Anlegern (siehe Kasten) ist zwar umstritten. Die Anhänger dieser Sichtweise finden im heutigen Umfeld aber zunehmend Bestätigung.

So ist das Kurs-Buchwert-Verhältnis am US-Aktienmarkt auf 1 gefallen, einen Tieftstwert, der zuletzt 1985 erreicht wurde. Erst danach begannen die Kurse wieder zu steigen, und dies heftiger denn je zuvor in den letzten 100 Jahren. Angetrieben von der neoliberalen Politik eines Ronald Reagan oder einer Margaret Thatcher, dem Ende des Kalten Kriegs sowie dem Hype ums Internet, vervielfachten sich die Gewinne der Aktionäre. 1997 etwa legte der Schweizer Aktienmarkt um 55% zu.

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Im Jahr 2000 hatten Anleger, die seit 1990 Jahre in hiesige Aktien investiert waren, eine Rendite von fast 15% erzielt (siehe Grafik). Nun die grosse Ernüchterung: In den letzten zehn Jahren resultierte ein Minus von über 2%. Die heutigen Investoren haben auf den falschen Zyklus gesetzt.

Besserung ist vorerst nicht in Sicht: Gemäss den Analysten von JP Morgan Asset Management könnte der Abwärtstrend «noch Jahre» andauern. Dafür spricht leider nicht nur die Zyklustheorie, sondern auch einige fundamentale Veränderungen am Aktienmarkt und dessen Umfeld.

Deleveraging: Die hohen Kapitalrenditen der letzten Jahre wurden vielfach mit geliehenem Geld erzielt. Jetzt wird dieser Fremdkapitalhebel abgebaut, und damit sinken vorläufig auch die Renditechancen von Aktienpapieren.

Rezession: Die Wirtschaftskrise dauert an, eine erste Erholung wird frühestens 2010 erwartet. Die Aktienkurse können sich aber erst langfristig erholen, wenn wieder feste Werte greifbar sind, urteilen Marktkenner. Also erst, wenn die Unternehmensgewinne wieder ansteigen.

Inflation: Das Gros der Ökonomen rechnet damit, dass ab 2010 wieder inflationäre Tendenzen vorherrschen werden. Das ist für gewöhnlich Gift für Aktien, die damit an Realwert verlieren. Vieles wird daher davon abhängen, wie schnell die Notenbanken dem Markt die in Massen zugeführte Liquidität wieder entziehen können.

Demografie: Die westliche Gesellschaft wird immer älter - mit Folgen auch für die Börsen. «Die Generation der Babyboomer geht zunehmend in Pension, und dies drückt auf die Aktienkurse, da für Pensionäre das Aktienrisiko schlicht zu hoch geworden ist», sagt Roelli. Obligationen sind dagegen wegen der gesicherten Ausschüttungen voll im Trend.

Störfaktoren erwünscht

Entscheidend für die Kurse dürfte am Ende aber sein, wie die Investoren die Anlageklasse Aktien beurteilen. Denn heute steht fest: Die anfallende Rendite entschädigt die extrem hohe Volatilität und das Verlustrisiko nur ungenügend. «Es muss ein Umdenken bei der Anlageklasse Aktie einsetzen - zu viele Anleger sind schwer enttäuscht», so Roelli. In Zukunft dürfte deshalb die Dividende als Komponente der Aktie stark an Bedeutung gewinnen. Allerdings wird diese heute eher gekürzt als aufgestockt.Aber es gibt auch Lichtblicke, das zeigen gerade vergangene Zyklen. So ist es Ende der 1960er-Jahren wiederholt zu Rallys gekommen, obwohl der Trend bereits nach unten zeigte. Roelli bringt es auf den Punkt: «Es gibt zu viele externe Störfaktoren, die auf eine moderne Volkswirtschaft einwirken, um Zyklen für die Aktienmärkte eindeutig zu beweisen.»

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