Unweit des Sihlsees, eingebettet zwischen voralpinen Hügelzügen, steht eines der jüngsten Vorzeigebeispiele der Nationale Suisse. Das Basler Unternehmen hat in Trachslau SZ eine Biogasanlage versichert, die rund 250 Haushalte mit Strom versorgt.

Das Infrastrukturobjekt hat einen Wert von rund 2 Millionen Franken – aus der Sicht des Versicherers «nur» 2 Millionen Franken, denn die lukrativen Multimillionenprojekte sind rarer geworden. Das drückt aufs Geschäft. Der Konzern sah sich deshalb genötigt, noch vor der im September anstehenden offiziellen Publikation der Halbjahreszahlen eine Umsatzwarnung auszusprechen. Das sollte übertriebene Erwartungen dämpfen. Denn der Titel gilt an der Börse als «Apple-Aktie des Versicherungssektors», verbunden mit hohen Phantasien bezüglich Wachstum und Profitabilität. Doch wie die US-Kultaktie scheinen auch die Basler an Wachstumsgrenzen zu stossen.

Flaute bei staatlichen Grossprojekten

Die Grundlage für die Wachstumsstrategie legte Hans Künzle, als er 2003 neuer Konzernchef wurde. Er fand einen Versicherer vor, der geografisch und spartenmässig verzettelt war. Künzle stellte den Konzern neu auf zwei Beine. Seither pflegt Nationale Suisse zum einen in der Schweiz das hochprofitable, aber stagnierende Privatkundengeschäft, und zwar vor allem im gehobenen Segment. Zum anderen schrumpft das Auslandgeschäft zugunsten von einem halben Dutzend Spezialversicherungssparten. Das sind Kunst-, Direkt- und Reiseversicherungen, Absicherung von Hypotheken gegen Tod und Invalidität sowie Transport- und technische Versicherungen. Diese sechs sogenannten Specialty Lines generierten letztes Jahr einen Drittel der konzernweiten Prämieneinnahmen. Mittelfristig sollen es 35 bis 40 Prozent sein.

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Anfangs stellte Künzle in den Specialty Lines ein Wachstum von über 10 Prozent in Aussicht. Aber diesen März korrigierte er das Ziel auf 5 bis 10 Prozent. «Angesichts der schwierigen konjunkturellen Lage in Europa sind die Prognosen betreffend Wachstum im Specialty-Lines-Geschäft generell eher vorsichtig», doppelte Künzle an der Generalversammlung im Mai nach. Tatsächlich wurde in der Folge selbst das neue, tiefere Ziel klar verfehlt – im ersten Semester sanken die Prämien in diesem Bereich um 7,2 Prozent. Nationale Suisse scheint derzeit im Formtief zu stecken, wie der von ihr gesponserte Tennisstar Roger Federer.

Sorgen bereitet Nationale Suisse die Absicherung von Hypotheken gegen Tod und Invalidität. Nachdem diese Aktivitäten schon letztes Jahr wegen Europas Immobilienflaute um einen Drittel eingebrochen waren, war das Geschäft im ersten Halbjahr – wenig überraschend – weiter rückläufig. Trotzdem soll dieses Segment weiter betrieben werden. Überraschender war, dass auch die mit Abstand grösste Specialty-Line-Sparte lahmt – nämlich jene der technischen Versicherungen oder neudeutsch Engineering-Versicherungen.

Eine zentrale Rolle spielen hier Infrastrukturprojekte – und zwar nicht nur Kleinobjekte wie die eingangs erwähnte Biogasanlage, sondern vor allem Grossprojekte, wie sie viele Staaten 2008 und 2009 in der Finanzkrise zur Wirtschaftsankurbelung lancierten. Die Versicherung solcher Grossprojekte generierte 2010 bis 2012 beträchtliche Prämieneinnahmen. «Aber seit 2010 sind alle kontinentaleuropäischen Staaten sehr restriktiv bei neuen Infrastrukturprojekten, denn die Staatshaushalte sind unter Druck», erklärt Christina Hartmann. Die Mediensprecherin von Nationale Suisse erwartet grösseres Projektgeschäft im Engineering erst wieder, wenn die Staaten nach einer konjunkturellen Erholung erneut investieren. Das kann noch länger dauern – speziell in Europa, das den Löwenanteil zu den Specialty Lines beisteuert. Letztes Jahr entfielen rund 170 der rund 500 Millionen Franken Prämieneinnahmen auf den Alten Kontinent. Den Volumenverlust in Europa könnten die im Aufbau stehenden Aktivitäten in Südamerika und Asien nicht vollständig kompensieren.

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Verschärfter Wettbewerb

Zudem sind in den Boomjahren neue Anbieter ins Specialty-Lines-Geschäft eingestiegen. «Einzelne Konkurrenten wie in Deutschland agieren mit Dumping-Preisen», beobachtet Nationale Suisse. Vor diesem Hintergrund sei Nationale Suisse zurückhaltend mit dem Zeichnen von Neugeschäft. Offen bleibt, ob das gedrosselte Wachstum der Grund war, weshalb Stefan Zemp im Mai, nach nicht einmal drei Jahren, die Führung des Bereichs Specialty Lines & Foreign Countries abgab und das Unternehmen verliess. Weder von ihm noch von der Nationale Suisse war dazu ein Kommentar erhältlich.

Klar signalisiert Nationale Suisse aber, dass sie derzeit andere Kennziffern höher gewichtet als Wachstum. Letztes Jahr erreichte der Konzern eine stolze Eigenmittelrendite von 12 Prozent – und das auf der Basis eines grosszügig dotierten Eigenkapitals, das knapp 260 Prozent des aufsichtsrechtlichen Erfordernisses beträgt. «Nationale Suisse hält bewusst finanzielle Reserven, um allfällige gezielte Zukäufe zu tätigen», sagt Fabrizio Croce, Analyst bei Kepler Capital Markets. Seit Jahren schon, so heisst es in der Branche, versuche Nationale Suisse zum Beispiel, die renommierte Axa-Kunstversicherungssparte zu kaufen – bisher vergeblich. Künzle erklärte mehrmals, dass Zukäufe einzelner Portfolios oder das Abwerben von Teams eine Option sei, um die Dynamik der Specialty Lines hoch zu halten.

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Bis auf Weiteres hält Künzle in diesem Geschäft an der Wachstumsvorgabe von 5 bis 10 Prozent fest. Sie gilt sowieso nur noch bis Ende 2015 – nächsten März präsentiert Künzle das Ziel für die Folgejahre.