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Geldpolitik
Auch die Schweiz blickt auf Mario Draghi

Mario Draghi: Der EZB-Chef dürfte am Donnerstag noch abwarten. Keystone

In der Euro-Zone geht die Angst vor einer Deflationsspirale um. Erleichterung soll der EZB-Entscheid am Donnerstag bringen. Dieser könnte auch die Schweizerische Nationalbank unter Druck setzen.

Von Dominic Benz
am 02.09.2014

Die Wolken über der Eurozone sind düster und hängen tief. Die Krisen in der Ukraine und im Nahen Osten verderben die Stimmung der Unternehmen. Die Banken vergeben derzeit kaum noch Kredite. Zudem sind die jüngsten Konjunkturdaten katastrophal. Vor allem die seit Monaten sinkenden Preise bereiten Sorgen. Die Angst vor einer Deflationsspirale wird immer grösser.

Im August fiel die Teuerungsrate gegenüber dem Vormonat um 0,1 auf 0,3 Prozent – den niedrigsten Wert seit Oktober 2009. Die Zielmarke der Europäischen Zentralbank (EZB) liegt bei 2 Prozent. Fallen die Preise weiter, droht ein Horrorszenario: Eine Abwärtsspirale fallender Preise hemmt die Investitionen. In einem weiteren Schritt sinken die Löhne, der Konsum bricht ein.

«EZB dürfte noch keine konkreten Schritte einleiten»

Die desolate Konjunkturlage bremst auch die Schweizer Wirtschaft. Das Bruttoinlandsprodukt stagnierte von April bis Juni gegenüber dem Vorquartal. Experten hatten hingegen mit einem soliden Wachstum gerechnet.

Angesichts der desolaten Wirtschaftslage in der Eurozone wächst der Druck auf EZB-Chef Mario Draghi. Mit geldpolitischen Massnahmen soll er die Konjunktur wieder ankurbeln. Gespannt schauen Ökonomen und Anleger daher auf kommenden Donnerstag. Dann tagen die Währungshüter der EZB im Frankfurter Hauptquartier, um den künftigen Kurs der Geldpolitik zu bestimmen. Für den ZKB-Ökonomen Jörn Spillmann ist jedoch klar: «Am Donnerstag dürfte die EZB noch keine konkreten Schritte einleiten.»

Wenig Handlungsspielraum

Dass weitere Massnahmen in der Pipeline der EZB sind, machte Draghi beim Treffen der internationalen Notenbanker in Jackson Hole deutlich. Um eine drohende Spirale aus fallenden Preisen abzuwenden, sei die EZB bereit, alle zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen. Schon die Worte Draghis schlugen im Markt ein wie eine Bombe: Der Euro geriet unter Druck und notierte nur knapp über dem von der Schweizerischen Nationalbank festgelegten Mindestkurs von 1.20 Franken.

Dass Draghi bald mit schwerem Geschütz auffährt, ist wahrscheinlich. Viel Handlungsspielraum hat er jedoch nicht. Das Pulver ist mehrheitlich verschossen: Im Juni hatte die Zentralbank den Leitzins bereits auf das Rekordtief von 0,15 Prozent gesenkt. Zudem verlangt sie von den Banken für Einlagen auf EZB-Konten eine Strafgebühr. Die Wirkung der Massnahmen war jedoch bescheiden, die Banken blieben auf ihren Krediten sitzen.

Stichwort: Quantitative Lockerung

Draghi stehen daher noch drei Möglichkeiten zur Verfügung: Der Ankauf von Kreditverbriefungen, der Aufkauf von Staatsanleihen, so wie das die US-Notenbank Fed seit Monaten macht, oder eine weitere Senkung des Leitzins.

«Das Stichwort bei den EZB-Massnahmen wird 'Quantitative Easing' sein», sagt Jörn Spillmann. Darunter versteht man die konjunkturstützende Flutung der Märkte mit frischem Geld durch den Aufkauf von Anleihen im grossen Stil, so wie es die US-Notenbank gemacht hat. Auf diese Weise haben neben der Fed bereits die Zentralbanken in Grossbritannien und Japan die Märkte mit frischem Geld versorgt.

Letztes Ass im Ärmel

«Wahrscheinlich ist aber, dass Draghi in einem ersten Schritt den Aufkauf von Kreditverbriefungen ankündigen wird», sagt Spillmann. Dabei werden die Kredite von Banken an Unternehmen in Wertpapiere verbrieft. Mit dem Kauf dieser Titel, erwirbt die EZB die Kredite indirekt. «Dann dürfte die EZB die Wirkung des Programms zunächst abwarten», so Spillmann.

Erst wenn die Inflation immer noch sinke und eine Rezession in der Eurozone drohe, werde die EZB wahrscheinlich in einem zweiten Schritt den Aufkauf von Staatsanleihen beschliessen, sagt Spillmann. Unter Experten ist das jedoch eine höchst umstrittene Massnahme. Zeitgleich könnte sie jedoch das letzte Ass im Ärmel von Draghi sein.

SNB könnte unter Druck geraten

Dass die EZB die Zinsen nochmals senken werde, glaubt Spillmann nicht. Die Wahrscheinlichkeit sei zwar nicht bei Null. «Doch ein solcher Schritt wäre aber bloss ein symbolischer Akt.» Der Konjunktur würde dies nicht helfen, so der ZKB-Ökonom.

Je nach dem wie sich die EZB entscheiden wird, hat das auch Auswirkungen auf die Schweiz. «Der Aufkauf von Staatsanleihen im grossen Stil würde den Euro belasten und den Franken kurzfristig erstarken lassen.» Dadurch käme die Schweizerische Nationalbank (SNB) unter Handlungsdruck. Sie garantiert den Euro-Mindestkurs von 1,20 Franken. Seit rund zwei Jahren hat die Notenbank aber nicht mehr an den Devisenmärkten intervenieren müssen. Das könnte sich aber mit den allfälligen Aleihenkäufe durch die EZB rasch ändern. Erst mittel- und langfristig würde sich der Euro wieder vom Mindestkurs entfernen, so Spillmann.

Allfällige Gegenmassnahmen

Doch vorerst gehen die meisten Experten davon aus, dass Draghi am Donnerstag seine geldpolitischen Waffen noch zurückhalten wird. «Allerdings wäre es zu begrüssen, wenn die EZB konkrete Schritte ankündigen würde», sagt Spillmann. Die SNB würde somit Zeit erhalten, um allfällige Gegenmassnahmen zu erarbeiten. «Eine konkrete Umsetzung einer Massnahme am Donnerstag würde die Notenbanker möglicherweise auf dem falschen Fuss erwischen.»

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