Zwei Wochen lang konnten sich die Chinesen an den genau 100 Medaillen berauschen, die ihre Sportler bei den Olympischen Spielen zu Dutzenden errangen. Doch jetzt herrscht wieder Alltag. Und so wird mancher Chinese wieder auf sein Depot schauen – und vom Jubel in Depression verfallen.

Denn die Kurse an Chinas Börsen sind in den letzten Tagen drastisch gefallen. Innert Wochenfrist sackte der Shanghai Composite Index um 4% in die Tiefe und notiert nun knapp über der 2400-Punkte-Marke. Auch an der Hongkonger Börse, wo ausländische Anleger investieren, geht die Angst um.

Abschwächung, keine Krise

Der Grund für den jüngsten Rückgang sind Befürchtungen, dass Chinas Konjunktur nach den Olympischen Spielen einbrechen könnte. In der Tat erwarten viele Experten in den kommenden Monaten eine Abschwächung des Wachstums. Doch anderseits erwartet niemand eine Krise. Vielmehr bleibt China noch auf Jahre die Boomregion schlechthin. Und dadurch haben die Kursrückgänge für die Anleger sogar ihr Gutes: Es bieten sich Einstiegschancen.

Die Olympischen Spiele hatten im Vorfeld zu einem gigantischen Bauboom in Peking geführt. Daher befürchtet mancher Beobachter, dass die Investitionstätigkeit nun abrupt zum Stillstand kommen könnte. Gleichzeitig mussten viele Unternehmen in der Region Peking in den vergangenen Wochen vorübergehend schliessen. Dadurch wurde zwar die Luft etwas reiner, doch dies wurde mit Umsatzverlusten bezahlt.

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Einkommen treiben Konsum

Aber selbst wenn in der Hauptstadt der Bauboom ein Ende haben sollte, so wird im Rest des Landes weiter investiert – und konsumiert. Der private Verbrauch ist inzwischen neben den Investitionen die wichtigste Stütze der chinesischen Konjunktur.

Trotz Naturkatastrophen und hoher Inflation konnte der Detailhandel in den vergangenen Monaten kräftige Zuwächse verzeichnen. «Hinter dieser soliden Konsumkonjunktur dürfte das kontinuierliche Wachstum der Arbeitseinkommen stehen, das im vergangenen Jahr auf ein Zwölfjahreshoch geklettert ist», stellt Monika Boven, Volkswirtin bei der DZ Bank, fest.

Chinas Bevölkerung hat also Anteil am Wachstum der Wirtschaft, zumal die Preissteigerung zuletzt deutlich zurückgegangen ist, auch wegen sinkender Rohstoffpreise. Doch dies hat für China nicht nur positive Konsequenzen. Denn die sinkenden Preise für Rohöl und andere Rohstoffe haben ihre Ursache in der Verlangsamung der Weltkonjunktur. Und Chinas Wirtschaft hängt immer noch zu einem grossen Teil vom Export ab.

Aus diesem Grund rechnen auch fast alle Experten mit einem deutlichen Rückgang der Wachstumsrate. Lag sie im vergangenen Jahr noch bei 11,9%, so dürfte sie nach Meinung von Monika Boven in diesem Jahr «nur» noch 10% betragen und 2009 möglicherweise auf 9% sinken.

Ausbau der Infrastruktur

Doch könnte es auch schlimmer kommen? Könnte nicht ein tiefer Einbruch drohen, wie 1997 in den Ländern Südostasiens, den «Tigerstaaten»? Experten halten das für sehr unwahrscheinlich, denn die wirtschaftlichen Daten Chinas sehen völlig anders aus als am Vorabend der Asienkrise. China hat kaum kurzfristige Verschuldung, weist Leistungsbilanzüberschüsse auf, verzeichnet Zuflüsse von Investitionskapital, und vor allem verfügt der Staat über Währungsreserven von rund 1,8 Billionen Dollar. Dies gibt dem Staat die Möglichkeit, auf Probleme jederzeit zu reagieren. Die Regierung kann durch Investitionen in die Infrastruktur gegensteuern, wenn das Wirtschaftswachstum zu stark abzuflachen droht. Vor allem der Eisenbahnbau ist ein Bereich, in den Investitionen fliessen dürften. Daher war auch der Börsengang des Eisenbahnbauers China Southern Locomotive in der vergangenen Woche ein Erfolg: Die Aktie legte über 50% zu.

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Blase wurde bereinigt

Doch auch in anderen Sektoren besteht in China grosser Investitionsbedarf. Dazu zählen nach Ansicht von Hua He, Leiter der Aktien- und Rentenstrategie für Asien bei Lehman Brothers, neben dem Eisenbahnbau die Stromproduktion, insbesondere auch im Bereich der erneuerbaren Energien, die Gas- und Wasserversorgung, das Geschäft mit Breitbandinternetanschlüssen, die Fleischproduktion, der Kohleabbau sowie die Zementherstellung. He schätzt, dass China in den kommenden zwei Jahren 540 Mio Dollar in die Infrastruktur investieren wird – pro Tag. Und es gibt keinen Grund, warum die Investitionen aufgeschoben werden sollten, das Geld ist vorhanden.

Allein deshalb erscheinen Befürchtungen einer tieferen Krise fehl am Platze. Die Kursrückgänge am Aktienmarkt sind daher auch viel eher als Bereinigung einer Blase zu sehen, die sich bis Oktober 2007 aufgebaut hatte. Bis dahin hatte sich der Shanghai Composite Index innerhalb zweier Jahre versechsfacht, und entsprechend absurd waren die Bewertungen. Inzwischen sind die jedoch wieder auf einem angemessenen Niveau. Chinesische Aktien kosten derzeit im Schnitt das 14-Fache des jährlichen Gewinns. Der liegt leicht über dem langjährigen Mittel von 12,3. Kleinere Rückschläge sind daher durchaus noch möglich. Für langfristig orientierte Investoren ist das aber ein Niveau, auf dem sich ein Einstieg nun wieder lohnt.

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