Wie Mitbewerber Novartis hat Roche für das abgelaufene Geschäftsjahr erfreuliche Zahlen präsentiert. Einen nicht unbedeutenden Teil ihrer Mehrerträge aus dem Jahr 2009 verdanken beide Schweizer Pharmakonzerne der H1N1-Hysterie. Besonders profitiert hat Roche. Ihr Grippemittel Tamiflu hat 2009 fast 3 Mrd Fr. umgesetzt, was etwa 5% des Umsatzes ausmacht.

Doch selbst ohne den positiven Beitrag von Tamiflu für Stefan Schneider, Pharma-Analyst der UBS, gehört Roche in ein Aktienportefeuille wie die Butter aufs Brot. Für die Kaufempfehlung, die auch die meisten anderen Analysten teilen, führt Schneider die mit Abstand führende Marktposition bei der Krebsbekämpfung sowie die solide Bilanz von Roche an.

In der Tat: Rund 50% ihres Umsatzes erwirtschaftet Roche mit ihrer Onkologiesparte. Mit dem Blockbuster Avastin, das unter anderem gegen Darm-, Lungen-, Nieren- und Brustkrebs eingesetzt werden kann, aber auch Herceptin, Mabthera, Tarceva bietet Roche eine breite Palette an Krebsmedikamenten an. Diese Medikamente gelten als «best in class» und werden von Ärzten als «first in line» verwendet: Bei einer neudiagnostizierten Krebserkrankung stellen sie die lukrative erste Behandlungswahl dar.

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Patentverfall kein Thema

Um die Zukunft braucht sich Roche vorerst keine Sorgen zu machen. Die Produktepipeline ist gefüllt. Roche arbeitet an der Entwicklung von über 60 neuen Wirkstoffen. Nach Angaben des CEO Severin Schwan befinden sich zehn von ihnen bereits in einer fortgeschrittenen Phase. Hinzu kommt das profitable Geschäft mit neuen Indikationen: Bestehende Medikamente können nach zusätzlichen klinischen Studien auch für andere Erkrankungen zugelassen werden. Auch in einem anderen Bereich hat Roche anderen führenden Pharmafirmen etwas voraus: Auf keinem ihrer Hauptprodukte läuft in den nächsten Jahren das Patent aus. Anders steht es beispielsweise um die amerikanische Pfizer: Im Jahr 2013 endet ihr Patent auf das Potenzmittel Viagra, eines der bekanntesten und umsatzstärksten Medikamente weltweit.

Auch Novartis bereitet der ablaufende Patentschutz Sorgen. Ab 2012 ist der Blutdrucksenker Diovan nicht mehr geschützt. Es verwundert daher nicht, dass Novartis verstärkt nach neuen grünen Weiden Ausschau hält. Mit der Übernahme des amerikanischen Augenheilspezialisten Alcon schwingt sich Novartis zum Branchenprimus in der Augenheilkunde auf. Zudem grast Novartis mit neuen Onkologie-Wirkstoffen vermehrt im Revier von Roche (siehe Kasten).

Hohe Marktdurchdringung

Die neusten Vorstösse von Novartis dürften Roche allerdings keine schlaflosen Nächte bereiten vorerst jedenfalls. Im begehrten Krebssegment mit Behandlungskosten zwischen 50 000 und 60 000 Dollar pro Fall erreicht Roche nach Angaben der UBS eine Marktdurchdringungsrate von 60 bis 70%. Eine Position, von der Mitbewerber nur träumen können.

«Doch Roche darf sich auf den Lorbeeren nicht ausruhen», sagt Stefan Schneider. Bei einer dermassen hohen Penetrationsrate sei überdurchschnittliches Wachstum auf Dauer nicht zu halten, sagt der Analyst. Roche müsse ihre Position ausserhalb der Onkologie festigen, um den Ansprüchen ans eigene Wachstum gerecht zu werden. Taspoglutide beispielsweise, ein vielversprechender Wirkstoff zur Behandlung von Diabetes, den Roche in Zusammenarbeit mit Ipsen testet, ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Geschäftsmodell mit Zukunft

«Langfristig setzt das Geschäftsmodell von Roche auf Synergien zwischen den beiden Sparten Pharma und Diagnostik», sagt Schneider. Gelingt die enge Zusammenarbeit, wird Roche Produkte aus einer Hand anbieten können: Von Prävention über Prädiktion und Diagnostik bis hin zu Wirkstoffen. Analysten trauen es Roche zu. Für die kommenden Jahre rechnen sie mit steigenden Dividenden.