1. Home
  2. Invest
  3. Auf der Suche nach Disruption im Technologiesektor

Technologie
Auf der Suche nach Disruption im Technologiesektor

Netflix
Der Streaminganbieter Netflix ist ein gutes Beispiel für einen First Mover mit einem hohen Markenbewusstsein.Quelle: Getty Images

Der Technologiesektor profitiert von der «First Mover»-Stellung. Diese erlaubt es Anlegern, viel Geld zu gewinnen.

Von David Older*
am 07.06.2018

Neben dem Phänomen einer immer schnelleren Verbreitung von Technologie, erleben Anleger auch das Aufkommen einer völlig neuen Dynamik: Dominante Akteure können sich dank ihrer «First Mover»-Stellung und ihrer Fähigkeit, mächtige Netzwerke aufzubauen, den Löwenanteil der Erträge sichern, und für die Mitbewerber bleibt nur noch wenig übrig. Das US-Entertainment-Unternehmen Netflix ist ein ideales Beispiel für diese Dynamik. Netflix profitiert vom First-Mover-Vorteil, der für das höchste Markenbewusstsein im Sektor sorgt.

Hierdurch kann das Unternehmen seinen Nutzerstamm schnell ausbauen und bessere Renditen verbuchen. Diese Dynamik des «Alles oder nichts» unterstreicht die Bedeutung der Auswahl der richtigen Aktien in diesem disruptiven Universum. Doch der Technologiesektor bietet nicht nur Chancen. In diesem Segment gibt es zahlreiche Subsegmente (von Plattformen bis hin zu Robotik, Software, Künstliche Intelligenz usw.), und nicht alle Unternehmen werden erfolgreich sein.

«Nifty Fifty» das heutige «FAANG»

Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre waren Anleger von den Blue-Chip-Aktien mit grosser Marktkapitalisierung fasziniert, die den Spitznamen «Nifty Fifty» trugen. Zu ihnen gehörten US-amerikanische Vorzeigeunternehmen wie Polaroid, Xerox, Coca-Cola, General Electric, Sears und Texas Instruments. Zu ihren Spitzenzeiten wurden die Nifty Fifty mit dem 42-fachen ihrer Gewinne gehandelt – mehr als das Doppelte des Durchschnitts des S&P 500 – und standen für nahezu die gesamten Gewinne des S&P 500. Wenn einem das heute auf unheimliche Weise bekannt vorkommt, liegt das daran, dass die «Nifty Fifty» von heute die «FAANG»-Aktien sind, nämlich Facebook, Apple, Amazon, Netflix und Googles Muttergesellschaft Alphabet.

Trends mit einem universellen Muster, die sich problemlos auf Regionen und Unternehmen übertragen lassen, sind vielversprechend. Kriterien zur Einschätzung sind vielfältig: Hierzu gehören grosse adressierbare Märkte und die Fähigkeit, ein starkes Netzwerk aufzubauen, um hohe Markteintrittsbarrieren zu errichten, oder das Vorhandensein eines «proof of concept», d.h. eines Geschäftsmodells, das sich bereits in einem Sektor oder in einem Teil der Welt erfolgreich bewährt hat. Interessant sind etwa MercadoLibre, eine E-Commerce-Plattform in Lateinamerika. MercadoLibre entwickelt zurzeit sein Zahlungsgeschäft in einem schwach abgedeckten Segment in der Region nach demselben erfolgreichen Muster, das PayPal und eBay vor einigen Jahren angewandt haben. Interessant sind insbesondere Werte, deren Wachstumspotential vom Konsens übersehen wird. 

Die Technologieblase ein Déja-vu? 

Bevor man die derzeitige Outperformance von Technologie als eine Neuauflage der Tech-Blase von 1999 betrachtet, sollte man sich die deutlichen Unterschiede vor Augen führen, die der Sektor heute aufweist. Denn damals waren die Unternehmen an vorderster Front der Technologieblase weitgehend auf die Unternehmenswelt fokussiert. Die Technologieunternehmen von heute sind verbraucherorientiert, schaffen wesentlich mehr Raum für Disruption, sowohl auf geografischer wie auch auf Sektorebene, und nehmen dem Technologieuniversum ein gewisses Mass an Zyklizität.

Die Bewertung sollte immer einen Bezug zu den Wachstumsniveaus haben. Von diesen Unternehmen erwartet man wesentlich stärkeres Wachstum als vom Gesamtmarkt, starke Bilanzen und das Generieren von Cashflow. Daher haben sie nur wenig mit den grossen Technologienamen von 1999/2000 gemein, von denen viele lediglich ungewisse Wachstumsperspektiven zu bieten hatten, die nicht von Bewertungen gestützt wurden.

Google, Facebook und Co. werden robustere Systeme einrichten müssen

Zurzeit wirft die Nutzung der von den FAANG-Unternehmen gesammelten Daten eine Reihe von Fragen auf, insbesondere der Verkauf von personenbezogenen Daten für gezielte Werbung. Facebook und Google, beide mit einem grossen Werbegeschäft, stehen auf dem Prüfstand. In diesem Bereich sieht es ganz so aus, als würden wir auf eine strengere Regulierung zusteuern. Die Unternehmen werden zweifellos robustere Systeme einrichten müssen, um die Nutzung und Transparenz von Daten und Kontrollen besser in den Griff zu bekommen. Erst mit der Zeit wird sich herausstellen, ob Änderungen der Selbstregulierung oder aufsichtsrechtliche Entscheidungen das Potenzial ihres Gewinnwachstums beeinträchtigen werden. Wenngleich wir wachsam bleiben, halten wir einen erheblichen negativen Einfluss zum gegenwärtigen Zeitpunkt für unwahrscheinlich. Trotz der jüngsten negativen Schlagzeilen zu Facebook ist nicht davon auszugehen, dass sich das Engagement der Nutzer verändern wird. Die Dynamik der Werbeeinnahmen wird vom Marktkonsens immer noch unterschätzt. Nach dem Kurssturz wird Facebook mit einem Bewertungsabschlag zum Markt gehandelt.

Jüngst wurde der gesamte Technologiesektor mit Facebook und Amazon in einen Topf geworfen, obwohl viele kleinere Unternehmen ganz andere Geschäftsmodelle haben. Das bedeutet, dass jede Korrektur der Kurse von Technologiewerten wahrscheinlich langfristige Kaufgelegenheiten für Anleger bietet, die in der Lage sind, tiefgehende Analysen der leistungsfähigen und dennoch diversifizierten Geschäftsmodelle durchzuführen.

* David Older ist Head Equities bei Carmignac.

 

Anzeige