Pira was? Das indische Pharmaunternehmen Piramal dürfte selbst wohlinformierten Börsianern kein Begriff sein. Trotzdem schaffte der Name es diese Woche bis in die Meldungsspalten der internationalen Finanzzeitungen: Mit Pfizer und Sanofi sollen gleich zwei der grössten Pharmakonzerne an einer Mehrheitsbeteiligung interessiert sein.

Die Inder dementierten sie hätten keine Absicht, zu verkaufen. Eine kleine Börsenepisode, die beispielhaft ist für die Umwälzungen auf dem Gesundheitsmarkt. «Im globalen Pharmamarkt vollzieht sich seit einigen Jahren ein gravierender Wandel. Das Wachstum verlagert sich von den grossen Industrieländern hin zu einer Gruppe sogenannter aufstrebender Pharmamärkte», sagt David Campbell, Senior Director des Brancheninformationsdiensts IMS Health. 17 dieser «Pharmerging»-Märkte (von Pharma und Emerging), allen voran China, Indien, Brasilien und Russland, trugen im vergangenen Jahr bereits 37% zum globalen Pharmawachstum bei. 2013 könnte der Anteil bereits bei 48% liegen.

Mehr Alte in den Bric-Staaten

Für diese radikale Verschiebung gibt es mehrere Gründe. Einer davon ist die demografische Entwicklung. Dass Nationen wie Deutschland, die USA und Japan mitten in der Entwicklung zu einer überalterten Gesellschaft stecken, ist allgemein bekannt. In Ländern wie Brasilien, China und Indien fällt die Zunahme der über 60-Jährigen jedoch wesentlich stärker aus als in den Industrienationen. Während sich der Anteil der Älteren an der Gesamtbevölkerung in Deutschland bis 2050 noch um 50% vergrössern wird, erwarten die Vereinten Nationen in Indien, China und Brasilien eine Verdreifachung.

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Nicht nur in Sachen Überalterung befinden sich die Schwellenländer, vor allem im asiatischen Raum, auf Aufholjagd. Galt es früher als gegeben, dass Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern vor allem an Krankheiten wie Malaria, Tuberkulose oder Cholera starben, so sind heute längst Krebs, Herz-Kreislauf-Beschwerden und Diabetesfolgeerkrankungen die häufigsten Todesursachen. Die Multimorbidität die Tatsache, dass ältere Leute vermehrt an mehreren chronischen Krankheiten leiden nimmt auch in den Schwellenländern zu.

Bisher sind Patienten in den Emerging Markets in erster Linie Selbstzahler. Doch jetzt gibt es vermehrt Bestrebungen, staatliche Krankenversicherungssysteme zu etablieren. Das Beispiel von China zeigt dies eindrücklich: «Während früher höchstens 15% der Chinesen Mitglied einer öffentlichen Krankenkasse waren, soll die laufende Gesundheitsreform eine Basisversorgung für 95% der Bevölkerung sicherstellen», sagt Katja Kirch vom Managementteam des Lacuna-Adamant-Asia-Pacific-Health-Fonds.

All das sorgt für eine erhebliche Verbreiterung der Nachfrage. «Der Gesundheitsmarkt in den Industrienationen wächst mit weniger als 5%, auf den asiatischen Märkten sehen wir zweistellige Wachstumsraten», sagt Markus Hamella, Portfoliomanager des Bayern LB-Pharma-Global-Fonds. «Das ist ein Thema, an dem kein Global Player dieser Branche mehr vorbeikommt.»

Unterschiedliche Bedürfnisse

Allerdings sind die Bedürfnisse und Rahmenbedingungen in den Schwellenländern grundlegend anders als in Europa oder den USA. «Während in unseren Breiten in erster Linie mit innovativen, teuren Medikamenten etwa zur Krebsbehandlung Geld verdient wird, gibt es in Südostasien eine hohe Nachfrage nach einer grundlegenden Versorgung mit Antibiotika und Schmerzmitteln», erklärt Katja Kirch. «Auch der Umsatz mit Herz-Kreislauf-Medikamenten wie Blutfettsenkern wächst stark.»

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In Japan wiederum herrscht zwar westliche Hightechmedizin vor, aber die Regierung übt erheblichen Druck aus, um den Anteil von Generika - preiswerteren Nachahmerprodukten - zu erhöhen. «Der Generikaanteil liegt dort unter 5%, in Deutschland und den USA sind es rund 30%. Das bedeutet ein attraktives Wachstumspotenzial für Generikahersteller», sagt BayernInvest-Manager Hamella.

Expansion hat ihre Tücken

Das haben auch die grossen Pharmakonzerne erkannt. Zwar haben sich mittlerweile alle die Expansion in den neuen Märkten auf die Fahnen geschrieben, allerdings mit durchwachsenem Erfolg. Einerseits, weil sich Geschäftsstrategien eben nicht eins zu eins von den Industrieländern übertragen lassen. Andererseits, weil China, Indien und Co. ganz klar Hersteller aus der Region bevorzugen. Ohne Beteiligungen oder Übernahmen - siehe das Interesse an Piramal - wird es für Big Pharma schwierig, Fuss zu fassen.

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Für Anleger ist die Dominanz lokaler Unternehmen jedoch ein zweischneidiges Schwert. Informationsfluss und Transparenz sind nicht mit westlichen Firmen vergleichbar, ein Grund, warum manche Institutionelle ganz die Finger davon lassen. Jedoch profitieren diese Aktien natürlich viel mehr vom enormen Wachstum in Asien als beispielsweise Giganten wie Pfizer oder Novartis, bei denen jene Märkte nur einen Bruchteil des Gesamtumsatzes generieren. Viele asiatische Unternehmen produzieren heute auf internationalem Qualitätsniveau und verfügen über exzellente, zumeist an US-Universitäten ausgebildete Manager.

Wer Einzelwerte scheut, hat (noch) keine grosse Wahl: Erst ein einziger Fonds hat sich auf die neuen Gesundheitsmärkte spezialisiert. Bei anderen Pharmafonds lohnt sich ein Blick in die Jahresberichte: Oft verbergen sich asiatische Firmen in der zweiten Reihe hinter den Top-Holdings.

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