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AWD: Drei teure Tage

Swiss-Life-Werbung: Der Lebensversicherer kaufte AWD 2007 zu einem viel zu hohen Preis.

Für den Erwerb des Finanzvertriebs muss Swiss Life wohl mehrere 100 Millionen Franken abschreiben – die Folge einer zu kurzen Risikoprüfung.

Von Urs Aeberli
am 29.08.2012

Die Anlage mit ihren Teichen ver­breitet eine meditative Ruhe. Nächstes Jahr wird hier am Zuger Sitz von AWD Schweiz laut gefeiert. 2013 ist es 20 Jahre her, dass AWD die ersten Finanzprodukte in der Schweiz verkaufte.

Doch die Vorfreude ist getrübt. Es ist ­offen, wie sich das Geburtstagskind AWD nächstes Jahr präsentiert. Bereits diesen November stellt nämlich Swiss Life einen neuen Geschäftsplan für den Tochterkonzern AWD vor. Dessen Sanierung dürfte mit einem Abschreiber in dreistelliger Millionenhöhe verbunden sein. Denn als Swiss Life 2007 AWD für 1,9 Milliarden Franken übernahm, um europaweit zu expandieren, wurden die Geschäftspotenziale über- und die Geschäftsrisiken unterschätzt. Zudem nahmen sich der damalige ­Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung lediglich drei Tage Zeit, um AWD einer sauberen Risikoprüfung, einer Due Diligence, zu unterziehen.

Probleme zuhauf

Das erstaunt, denn schon zum Zeitpunkt der Übernahme durch Swiss Life gab es erste Klagen aus Deutschland wegen Immobilien- und Medienfonds, die AWD zu überhöhten Provisionen und mit fragwürdigen Steuervorteilen verkaufte. Juristische Fälle lagen damals auch in ­Österreich vor, wo Immobilienaktien als vermeintlich mündelsichere Anlagen angepriesen wurden.

Für hängige Gerichtsfälle musste Swiss Life allein im ersten Semester 2012 gut 11 Mil­lionen Franken zurückstellen. Insgesamt belaufen sich die Rückstellungen für AWD auf 86 Millionen Franken. Was davon für Gerichtsfälle und was für Restrukturierungen reserviert ist, verschweigt Swiss Life aus prozesstaktischen Gründen. Die Klage­summe liegt aber klar höher. Allein von der österreichischen Konsu­men­tenschutz­organisation VKI liegt eine Zivilklage von 40 Millionen Euro vor. Weitere rund 150 Millionen Euro werden von diversen deutschen Anwaltskanzleien geltend gemacht.

Umbau von AWD mit Folgen

Nicht nur juristisch bereitet AWD Probleme. Auch operativ lahmt das Geschäft. Fürs erste Semester fuhr AWD nur 13,1 Millionen Euro Betriebsgewinnn ein, ­davon 7 Millionen in der Schweiz. Das für 2012 angepeilte Ziel von 80 bis 100 Millionen Euro sei nicht mehr erreichbar, gesteht Swiss-Life-Konzernchef Bruno Pfister ein. Für den neuen Geschäftsplan seien deutlich tiefere Vorgaben zu erwarten.

Analystenkreise erwarten zudem Umstrukturierungen und den Rückzug aus einzelnen Märkten, etwa aus Osteuropa. Selbst die imagemässig arg ramponierte Marke AWD könnte zur Disposition stehen. Ein ehemaliger AWD-Mann erinnert sich, dass schon vor Jahren in der Schweiz ein Namenswechsel thematisiert worden sei. Seither ist der Druck gewachsen. ­Unter den AWD-Beratern mehren sich die Stimmen für einen neuen, von der Vergangenheit unbelasteten Markenauftritt. Dass sich etwas ändern könnte, zeigt der Blick nach Deutschland. Seit zehn Jahren ist die AWD-Gruppe Namengeberin für die ­AWD-Fussballarena in Hannover. Ihren ursprünglich bis zum Sommer 2012 laufenden Vertrag erneuerte sie im Frühjahr vorzeitig, aber nur bis Sommer 2013.

Ein Umbau von AWD bleibt nicht ohne Folgen für das Mutterhaus. In der Bilanz von Swiss Life steht AWD mit einem Goodwill von über 1 Milliarde Franken. Auf der Basis des neuen Geschäftsplans für AWD wird der ­Konzernrevisor PricewaterhouseCoopers (PWC) die Werthaltigkeit des Goodwills prüfen. «Wir können nicht ausschliessen, dass mit den neuen Plänen ein Abschreiber entsteht», erklärt Swiss-Life-Finanzchef Thomas Buess.

Über die Höhe lässt sich erst mutmas­sen. «Sinnvoll wäre, den Goodwill mindestens um die Hälfte abzuschreiben», meint Fabrizio Croce. Der Analyst von ­Kepler erachtet den Zeitpunkt für einen solchen Schritt als günstig. Swiss Life hat im ersten Semester durch den Verkauf von Finanzanlagen 1,2 Milliarden an Kapitalgewinnen realisiert. Trotzdem, ein 500- Millionen-Abschreiber könnte den ganzen für 2012 erwarteten Reingewinn ausra­dieren und das Geschäftsjahr mit einer schwarzen Null enden lassen.

Verkürzte Due-Diligence-Prüfung

Das ist die teure Quittung dafür, dass sich der Swiss-Life-Verwaltungsrat bei der AWD-Übernahme 2007 nur auf eine stark verkürzte Risikoprüfung (Due Diligence) stützte. Die finanzielle Prüfung soll PWC durchgeführt haben, behauptet ein ehemaliger AWD-Kadermann. Das will weder PWC noch Swiss Life kommentieren. Gemäss Experten ist es aber üblich, dass eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft nicht nur die Revision macht, sondern auch die finanzielle Due Diligence von Firmenkäufen.

Unüblich ist dagegen die zeitliche und inhaltliche Beschränkung der Due Diligence, die Carsten Maschmeyer beim ­Verkauf von AWD dem Swiss-Life-Verwaltungsrat aufs Auge drückte. Wie der Versicherer im Übernahmeangebot von 2007 schrieb, erhielt Swiss Life nur an drei Tagen Zugang zu einem Datenraum von AWD. Und bloss an zwei der drei Tage standen AWD-Manager für Frage-und-Antwort-Runden zur Verfügung.

«Die Länge des Zugangs zum Datenraum war für die damalige Verkaufssituation nicht aussergewöhnlich», lässt Swiss Life verlauten. Als börsenkotiertes Unternehmen habe AWD regelmässig und ­ausführlich mit transparenten Geschäftsinformationen aufwarten müssen. Tatsächlich könne bei der Übernahme ­kotierter Firmen die Prüfung tendenziell kürzer ausfallen, bestätigen M&A-Experten. Aber absolutes Minimum für eine ­finanzielle Due Diligence seien zwei bis drei Wochen. Kein Wunder, verabschiedete sich damals die deutsche Postbank aus dem Bieterverfahren für AWD.

Die Postbank hat das Gerücht offiziell nie dementiert, dass ihr Rückzug erfolgte, weil sie die von Maschmeyer zugestandene Due Diligence als zu eng erachtete. Der Swiss-Life-Verwaltungsrat dagegen stieg auf Maschmeyers Bedingungen ein – wohl auch im Glauben, dass weitere Bieter im Rennen seien. Der brennende Wunsch, mit AWD nach Europa zu expandieren, endete für Swiss Life im Desaster. Und in der bitteren Erkenntnis, dass ausgerechnet die Schweiz die rentabelste AWD-Ländergesellschaft ist.

Die Tochter entwickelt sich erfreulich und ist mittlerweile die zweitgrösste Ländergesellschaft hinter jener von Deutschland. Verkaufsrenner waren hierzulande jahrelang Lebensversicherungen mit Fonds­sparteil. Dabei handelt es sich um klar regulierte Finanzprodukte. Im Ausland dagegen tummelten sich AWD-Berater im kaum regulierten «grauen Kapitalmarkt», was Swiss Life nun teuer zu stehen kommt.

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