Sie werden 56 Jahre alt. Machen Sie sich schon Gedanken zu Ihrer Pensionierung?

Marco Netzer: Nein, ich fühle mich noch ganz jung.

Vielleicht müssen Sie bis 70 arbeiten.

Netzer: Nein, das erwarte ich nicht. Ohnehin stellt das Pensionsalter für mich keine Grenze für meine berufliche Tätigkeit dar.

Bei den Jungen sind die Zweifel gross, ob es die AHV zukünftig überhaupt noch gibt.

Netzer: Die Zweifel sind nachvollziehbar. Die Jungen machen eine einfache Rechnung, ziehen die Alterspyramide bei und erkennen, dass immer weniger Arbeitstätige immer mehr Pensionäre finanzieren müssen. Auf der anderen Seite steht aber der politische Wille, die AHV als Sozialwerk aufrechtzuerhalten ...

... das längerfristig nicht finanzierbar ist.

Netzer: Es stimmt zwar, dass 1948 auf einen Rentner 6,5 Werktätige fielen und dass 2038 auf einen Bezüger nur noch zwei Beitragspflichtige treffen. Doch muss auch der Konjunkturmotor und die Kaufkraftparität berücksichtigt werden. Die Kaufkraft von heute ist nicht mit jener von 1948 vergleichbar. Im Übrigen: Ob die AHV finanzierbar ist, hängt davon ab, ob die Politik bereit ist, Leistungen und finanzielle Ressourcen im Gleichgewicht zu halten.

Das klingt nicht gerade beruhigend.

Netzer: Es ist eine Tatsache, dass heute weniger Arbeitstätige einen Rentner finanzieren. Zudem darf nicht vergessen werden, dass die Leute länger leben. Deshalb gehen wir davon aus, dass die AHV in wenigen Jahren ein negatives Umlageergebnis ausweisen wird.

Was dann?

Netzer: Das AHV-Vermögen wird danach schleichend erodieren. Ich bin aber überzeugt, dass in den nächsten Jahren eine neue AHV-Revision durchgebracht wird. Man wird eine Lösung finden.

Indem man unterschiedlich hohe Renten nach Branchen oder Einkommen bezahlt?

Netzer: Davon halte ich persönlich nicht viel. Wenn Bauarbeiter, die ihr ganzes Leben auf der Baustelle gearbeitet haben, im Alter von 60 Jahren pensioniert werden sollen, dann soll dies zwischen Arbeitgeber und -nehmer geregelt werden. Das ist viel besser als eine generelle Lösung.

Und eine Abstufung nach Einkommen?

Netzer: Es stimmt zwar, dass eine Anpassung der Rente bei einer wohlhabenden Person weit weniger ins Gewicht fällt, als bei ärmeren Leuten. Doch es ist ein entscheidender Punkt dieses Sozialvertrages, dass jemand sein Leben lang ohne obere Lohnbegrenzung einen einkommensabhängigen Anteil bezahlt, die maximale AHV-Rente aber nach oben plafoniert ist. Weiterzugehen wäre falsch, die AHV würde als indirekte Steuer missbraucht.

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Und eine Rentenkürzung?

Netzer: Zusammen mit der zweiten und dritten Säule sollte die Rente den tieferen Einkommensklassen einen anständigen Lebensabend ermöglichen. Ist dies nicht mehr gewährleistet, sind sie auf die Sozialhilfe angewiesen. Einerseits ist dies für die Betroffenen wenig würdevoll, andererseits wird die Sozialhilfe wiederum über Steuereinnahmen finanziert.

Es müssen also mehr Beiträge her.

Netzer: Diskutiert werden die Erhöhung des Rentenalters oder der Prämien. Die Lösung besteht wohl aus einer Mischung aus beiden Vorschlägen. Solche Entscheide liegen aber bei der Politik und nicht beim Ausgleichsfonds.

Für die Sanierung der Invalidenversicherung wurde die Mehrwertsteuer bis 2017 um 0,4 Prozent erhöht. Wäre dies nicht auch für die AHV eine Lösung?

Netzer: Als begründete Ausnahme, wie im Falle der IV, war dies richtig. Darüber hinaus sollte man die Probleme der Sozialwerke lösen und nicht einfach neue Finanzierungsquellen anzapfen.

Liessen sich mit dem AHF-Fonds die Finanzierungsprobleme der Sozialversicherung lösen?

Netzer: Der Fonds stellt die Liquidität der AHV sicher und wirkt als Puffer. Dabei kann auch eine Marktrendite erwartet werden. Auf die Gewinne des Fonds zu spekulieren, wäre aber unklug.

Weil der Fonds zu wenig Rendite abwirft?

Netzer: Über die Anlagen wurden seit der Gründung kumuliert 26 Milliarden Franken erwirtschaftet. Im Vergleich dazu stehen jährliche Rentenzahlungen von 35 Milliarden Franken.

Wie ist das Ergebnis 2010 ausgefallen?

Netzer: Der AHV-Fonds hat 2010 ein positives Anlageresultat erwirtschaftet. Genauere Angaben werden wir am 3. Februar 2011 bekannt geben.

Im heutigen Zinsumfeld dürfte die Zielrendite von 4 Prozent kaum erreicht werden, ohne übermässige Risiken einzugehen.

Netzer: Die Zielrendite ist nicht mehr aktuell. Gemäss Entscheid des Verwaltungsrates bewirtschaften wir die drei Ausgleichsfonds AHV, IV und EO ab dem 1. Januar 2011 mit Risikobudgets.

Das heisst?

Netzer: Mittels einer breiten Diversifikation des Portfolios und Investitionen in Schwellenland-Staaten, wo höhere Renditen möglich sind, versuchen wir eine bestmögliche Rendite zu erzielen. Angesichts der unsicheren Aussichten von AHV und IV haben wir das Risiko innerhalb der Vermögensaufteilung allerdings weiter reduziert.

Gerade schwache Schuldner bezahlen hohe Zinsen auf ihren Anleihen. Wie verhindern Sie, dass die AHV in diese Falle tappt?

Netzer: Über eine starke Diversifikation und eine entsprechende Risikogewichtung. Wir mussten 2010 einen Verlust von rund 5 Millionen Franken durch Umschichtungen von Obligationen der Staaten aus der Peripherie der Euro-Zone hinnehmen. Die Ausland-Zinsanlagen beliefen sich im Vergleich dazu auf 8 Milliarden Franken. Das Risiko ist überschaubar.

Seit Anfang Jahr verwalten Sie neu auch die IV- und EO-Fonds. Was bedeutet dies?

Netzer: Wir werden drei separate Abschlüsse für AHV, IV und EO erstellen. Eine Querfinanzierung ist verboten. Weil sich die Sozialwerke unterschiedlich entwickeln, müssen wir für jedes ein eigenes Profil und eine neue strategische Vermögensaufteilung festsetzen. Das Profil hängt von der Vermögensgrösse und von der Entwicklung des Umlageergebnisses ab.

Welches sind Ihre Erwartungen für 2011?

Netzer: 2011 wird voraussichtlich kein einfaches Jahr. Die Zinsen sind nach wie vor sehr tief. Und auch die Unsicherheiten bei den Währungen halten an, die zukünftige Entwicklung ist noch nicht absehbar. Bei den Aktien fehlt uns schliesslich ein klar identifizierbarer Trend, weshalb wir auch hier weiterhin pragmatisch vorgehen müssen.