1. Home
  2. Invest
  3. «Bald kann mit WIR getankt werden»

Invest

«Bald kann mit WIR getankt werden»

Imported Image

Laut dem Chef der WIR Bank befindet sich sein Unternehmen in einem Wandlungsprozess. Für die Komplementärwährung gibt es neue Einsatzmöglichkeiten. Zudem soll die Bank als Erstverbindung genutzt werde

Von Interview: Roberto Stefano
am 07.04.2010

Die Meinungen zum Komplementärwährungssystem der WIR Genossenschaft sind geteilt: Auf der einen Seite schätzen viele Gewerbetreibende die Zusatzaufträge und -gewinne, die aus dem Kreis der WIR-Teilnehmer hervorgehen. Anderseits ist das WIR-Geld eher unbeliebt, weil es keine Zinsen abwirft und nur bei den WIR-Teilnehmern ausgegeben werden kann. So entspricht 1 WIR zwar 1 Fr., für Löhne oder Steuern kann die Währung aber nicht eingesetzt werden. Ein wichtiger Bestandteil des WIR-Systems sind die WIR-Kredite, die zu attraktiven Konditionen angeboten und auch kombiniert mit Franken-Krediten gewährt werden.

Wozu braucht es die WIR Bank?

Germann Wiggli: Die WIR Bank braucht es mehr denn je, wie die Finanzkrise gezeigt hat. Denn insbesondere in Krisenzeiten macht ein Komplementärwährungssystem Sinn. Es überrascht daher auch nicht, dass die WIR Bank in einer wirtschaftlich schwierigen Situation vor etwas mehr als 75 Jahren entstanden ist.

Welche Firmen setzen WIR ein?

Wiggli: Unsere Kunden kommen aus allen Branchen, hauptsächlich aber aus dem sekundären Sektor. Bei den Gewerbetreibenden respektive KMU haben wir eine Marktdurchdringung von rund 25%. 2009 hat der WIR-Umsatz unserer im Bausektor tätigen Kunden um 5% zugenommen, ebenfalls erfreulich war der Grosshandel, während wir im Gastrobereich einen Rückgang feststellen mussten.

Welchen Vorteil bringt das WIR-System?

Wiggli: Das WIR-Verrechnungssystem fördert die KMU und dient den einzelnen Betrieben auch als Marketinginstrument. Es funktioniert als bargeldloser Zahlungsverkehr unter den angeschlossenen Teilnehmern. Auf den WIR-Konti bezahlen wir keine Zinsen, dafür werden auf der anderen Seite Kredite sehr günstig erteilt.

Das heisst?

Wiggli: Günstig bedeutet derzeit zu 1% für die ersten drei Jahre, danach 1,75% quasi ewig. Im aktuellen Zinsumfeld kann die Konkurrenz kurzfristig mithalten. Vergleicht man aber unseren besicherten Kredit von 1,75% auf eine längere Dauer, sind wir der günstigste Anbieter. In Hochzinsphasen fällt die Bedeutung der WIR Bank für KMU noch deutlicher aus. So kostete die WIR-Hypothek auch Anfang der 90er-Jahre lediglich 1,75% gegenüber den Krediten der Konkurrenzbanken von 8%.

Als Käufer ist der WIR-Teilnehmer aber eingeschränkt und kann nicht immer die günstigste Leistung beziehen.

Wiggli: Da sind wir anderer Meinung: Ein guter Einkäufer wird dort seine Käufe tätigen, wo er die besten Konditionen erhält und einen Anteil WIR einsetzen kann. Schwieriger wird es nur, wenn man die gesamte Leistung in WIR bezahlen will. Daher empfehlen wir, mit einem vernünftigen WIR-Anteil zu arbeiten.

Auffallend ist, dass der WIR-Umsatz seit Jahren rückläufig ist.

Wiggli: Leider ging der WIR-Umsatz tatsächlich leicht zurück und macht heute noch gut 1,6 Mrd WIR aus. Viele KMU-Betriebe finden keine Nachfolger und werden an grössere Firmen verkauft, die grösstenteils Nicht-WIR-Teilnehmer sind. Es findet also ein Konzentrationsprozess statt, der sich negativ auf die WIR-Umsätze auswirkt. Aber auch auf die Betriebsstruktur in der ganzen Schweiz. Ein weiterer Grund ist die Verlagerung in Richtung tertiärer Sektor. Viele Jungunternehmen werden heute in diesem Bereich gegründet. Und im Dienstleistungssektor sind wir noch zu wenig bekannt oder die Firmen kennen unsere Vorteile noch nicht.

Dem WIR-System haftet aber auch ein verstaubtes Image an.

Wiggli: Unser Modell ist erklärungsbedürftig. Zudem ist es seit den 70er-Jahren in der Schweiz mit wenigen Ausnahmen nur aufwärtsgegangen. In der lange anhaltenden Rezession der 90er-Jahre hat das WIR-System vielen KMU das Überleben gesichert. Dennoch, heute befindet sich die WIR Bank auch in einem Wandlungsprozess.

Wohin führt dieser Prozess? Werden Sie eine komplette Produktpalette anbieten?

Wiggli: Bisher war es kein Nachteil, dass wir nicht sämtliche Bankdienstleistungen angeboten haben, denn die WIR Bank wird vor allem als Zweit- und Drittbank genutzt. Seit ich 2006 die Geschäftsleitung übernommen habe, überprüfen und verändern wir die Strategie in kleinen Schritten. Mit der neuen IT-Plattform, die nächsten Frühling operativ geschaltet werden soll, können wir weitere strategische Anpassungen umsetzen. Ab 2012 kommen weitere Schritte hinzu.

Steigen Sie auch ins Anlagegeschäft ein?

Wiggli: Es soll für unsere Kunden möglich sein, die WIR Bank als Erstverbindung zu nutzen. Wir werden also auch Lohnkonti anbieten. Im Anlagegeschäft werden wir das entsprechende Know-how noch aufbauen müssen. Im Bereich der Vorsorge werden sicher ergänzende Produkte hinzukommen wie beispielsweise Anlagefonds - aber auch hier Schritt um Schritt.

Was ist von der WIR Bank zukünftig noch zu erwarten?

Wiggli: Wir wollen unsere Marke stärken und somit den Bekanntheitsgrad der WIR Bank steigern. Geplant ist beispielsweise auch, dass man zukünftig mit WIR-Geld tanken kann. Ein Pilotsystem läuft schon. So bringen wir den WIR-Einsatz in den täglichen Bedarf unserer Kunden. Wir müssen den Leuten die Vorteile des WIR-Systems aber noch näher bringen.

Wie hat sich die Finanzkrise auf Ihr Geschäft ausgewirkt?

Wiggli: Im Januar und Februar 2009 haben auch wir die Krise gespürt, weil viele KMU als Auftragsnehmer weniger Aufträge bekommen haben. Sie waren in einem Schockzustand. Weil aber unsere Kun- den stark Binnenmarkt-orientiert sind, ist deren Umsatz weniger dramatisch eingebrochen als bei exportierenden Firmen.

Inwieweit hat die WIR Bank selber die Finanzkrise gespürt?

Wiggli: Wir waren nicht betroffen. Allerdings hatten wir sehr viele Anfragen, ob die Guthaben der Kunden bei uns noch sicher seien. Im Höhepunkt der Krise haben auch wir Abflüsse hin zu den Kantonalbanken mit Staatsgarantie hinnehmen müssen. Alles in allem waren diese aber nicht dramatisch, sodass wir im vergangenen Geschäftsjahr netto dennoch einen Zuwachs ausweisen konnten.

Die Hypothekarforderungen haben 2009 zugenommen.

Wiggli: Die Hypotheken in Franken haben mit über 9% deutlich zugelegt, jene in WIR-Geld sind nur leicht gestiegen. Dies ist systembedingt. So amortisieren die KMU ihre WIR-Kredite wiederum mit WIR-Einnahmen aus der Geschäftstätigkeit. Denn die beiden Formen sind aneinander gekoppelt: Wenn wir Hypotheken in Franken ausgeben, so bilden die WIR-Ausleihungen jeweils die Grundlage. Insgesamt sind wir mit der Entwicklung zufrieden, wir wollen nicht über den Preiskampf Positionen von anderen Finanzinstituten abwerben, sondern gewähren die Franken-Ausleihungen parallel mit der WIR-Finanzierung bei unseren Kunden.

Die Grossbanken dagegen haben sich aggressiv im Markt zurückgemeldet.

Wiggli: Wir spüren die Aktivitäten der Grossbanken durchaus. Wir müssen aber unsere eigenen und die Risikokosten abdecken. In diesem Verdrängungswettbewerb sind unsere schlanken Strukturen ein Vorteil bezüglich der Kostenstruktur. Dennoch wechseln einzelne Kunden nun wieder zu anderen Finanzinstituten, da sie dort vielleicht kurzfristig etwas bessere Konditionen erhalten. Diese Kunden sollten aber auch bedenken, wer ihnen geholfen hat, als sie von den anderen Banken in den 90er-Jahren oder Anfang des neuen Jahrtausends fallen gelassen wurden.

Die Finanzanlagen der WIR Bank haben 2009 um rund 39% zugelegt.

Wiggli: Der grösste Teil unserer Finanzanlagen ist in Bonds investiert. Die Finanzanlagen sind unsere Liquiditätsvorsorge. Denn wir sind eine kleine Bank, die für sich selber sorgen muss, ähnlich wie ein KMU. Im Worst Case hilft uns niemand. Auch haben wir keine Staatsgarantie im Rücken. Dies ist derzeit für die übrigen Banken ein Wettbewerbsnachteil, der durch die Politik unbedingt verändert werden sollte. Das Motto sollte lauten: Gleich lange Spiesse für alle Marktteilnehmer.

Wie steht es um die Cost-Income-Ratio bei der WIR Bank?

Wiggli: Derzeit liegt unsere Cost-Income-Ratio bei 45. Mit der Migration unserer IT-Plattform auf Finnova werden die Kosten kurzfristig steigen. In zwei bis drei Jahren werden sich diese Investitionen aber bereits auszahlen. Langfristig soll die Cost-Income-Ratio gegen oder sogar unter 40 fallen, während wir gleichzeitig in der gesamten Schweiz wachsen und neue KMU für uns gewinnen wollen.

Seit Ende 2007 können die Anteilscheine der WIR Bank über die OTC-Plattform der Berner Kantonalbank gehandelt werden. Planen Sie mittelfristig einen Börsengang?

Wiggli: Nein, der Wechsel an die Berner Börse hat für uns keine Priorität. Der Handel über die WIR Bank und auf der OTC-Plattform reicht vollständig aus, wir erzielen mit unseren Papieren den grössten Umsatz und die grösste Kapitalisierung.

Weshalb sollen Anleger in die WIR Bank investieren? Die Dividende ist mager.

Wiggli: Die Ausschüttung auf den effektiven Reingewinn ist tatsächlich eher klein. Die Dividendenzahlung erfolgt allerdings kontinuierlich und dem Geschäftsverlauf angepasst. Der Stammanteil rentiert derzeit mit 2,1%. Zudem profitiert der Anleger von einem stabilen Kursverlauf und der Thesaurierung der einbehaltenen stillen und offenen Reservezuweisungen. Diese werden sich früher oder später in einer positiven Kursentwicklung widerspiegeln. Rückblickend auf die vergangenen zehn Jahre lag die Performance bei 16,7% pro Jahr je Stammanteil.

Anzeige