Die Novartis-Aktie ist zu neuem Leben erwacht. Nach einem Kursverlust von 17% seit Jahresbeginn hat der Titel innert drei Tagen um satte 6% zugelegt.

Das ist ein erstaunlicher Sprung für die zweitschwerste Aktie im Swiss Market Index (SMI). Doch nicht genug, um auch die Marktbeobachter von einer Trendwende zu überzeugen. So sprechen die Chart-Analysten der Zürcher Kantonalbank von einem «Strohfeuer»: Die Gefahr sei gross, dass es sich bei der Erholung nur um eine kurze Gegenbewegung handle.

Lange Liste von Niederlagen

Tatsächlich ist die Liste der kursbelastenden Tatsachen bei Novartis zu lang, um in einer Woche abgehakt zu werden. Denn wie andere Pharma-Multis hat der Basler Konzern 2007 die neue Macht der Generikabranche zu spüren bekommen. So erhielt das Blutdruckmittel Lotrel überraschend Konkurrenz von einem günstigen Ersatzprodukt der israelischen Teva Pharmaceuticals (siehe Kasten); insgesamt kosten die Aktivitäten der Generikaunternehmen Novartis kurzfristig geschätzte 20% des Umsatzes. Hinzu kommen Verzögerungen bei der Zulassung des wichtigen Diabetesmedikaments Galvus am US-Markt sowie der unerwartete Rückzug des im Darm- und Blasenbereich angewendeten Mittels Zelnorm. Die direkten Folgen dieser Schwierigkeiten werden deshalb das Geschäft von Novartis noch in den nächsten zwölf Monaten belasten, schätzen daher die Analysten der Bank Vontobel. Weil die Investoren am Aktienmarkt derzeit sehr weit vorausschauen, könnte die Kurserholung aber schon früher kommen, nämlich Mitte 2008. Unterstützung ist dann auch von der gut gefüllten Produktepipeline zu erwarten. Am Start stehen bei Novartis acht neue Medikamente, neben dem verhinderten Galvus Produkte wie Texturna und Exforge. Hinzu kommt der Ausblick auf weitere Umsatztreiber. «Die Pipelineersatzquote gehört zu den höchsten in der ganzen Branche», heisst es bei Vontobel. Hinzu kommt, dass der Konzern mit Sandoz ja selber zu den weltgrössten Generikaproduzenten gehört – ein Umstand, der vom Markt gegenwärtig wohl zu wenig berücksichtigt wird. Realisieren dies die Investoren jedoch, dann dürfte der grosse Bewertungsabschlag an der Börse sicher schrumpfen. Derzeit wird die Aktie zu einem Discount von 20% zur Konkurrenz gehandelt und ist damit ein eigentliches Schnäppchen.

Hohe Resistenz gegen Kopien

Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 16 ist da der Roche-Genussschein schon teurer. Aber auch dieser ist von seinen Höchstwerten zurückgekommen: 2007 resultiert bis anhin ein Kursverlust von 3%. Denn Roche musste in diesem Jahr Rückschläge beichten – so blieben Studienergebnisse zum Krebsmittel Avastin hinter den Erwartungen zurück, das Medikament erhielt 2007 ausserdem zusätzliche Konkurrenz. Abgewehrt werden konnte jedoch ein Patentangriff (auch hier seitens des Generikaproduzenten Teva) auf das Mittel Boniva. Das ist den Beobachtern nicht entgangen: Sie gestehen Roche die höchste Generikaresistenz unter den Pharma-Riesen zu, nicht zuletzt, weil viele Mittel biotechnisch hergestellt und deshalb schwierig zu kopieren sind. Roche könnte in den nächsten Jahren deshalb deutlich über dem Branchenschnitt wachsen. Mit entsprechendem Potenzial für den Genussschein: Das Konsens-Kursziel liegt mit 248 Fr. deutlich über dem aktuellen Börsenwert.

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Die Generikahersteller lassen  ihre neuen Muskeln spielen

Sie könnten den Pharma- Multis in den nächsten Jahren einen Umsatzrückgang von 100 Mrd Dollar einbrocken – die grossen Generikahersteller wie die israelische Teva Pharmaceuticals oder die indische Ranbaxy.

Nämlich dann, wenn der Patentschutz der Markenmedikamente abläuft und die «Blockbuster» durch weit billigere Nachahmerprodukte abgelöst werden. Der Markt dafür ist riesig, spielen doch zu günstigen Preisen erhältliche Arzneien nicht nur in Schwellenländern, sondern auch in den unter Spardruck stehenden Gesundheitssystemen der USA und Europas eine wichtige Rolle. Gemäss IMS Health beträgt das Wachstumspotenzial in den nächsten Jahren 14%. Mit diesen Marktchancen in Sichtweite wird das Vorgehen der Generikahersteller immer aggressiver; mittlerweile wird gar nicht mehr zugewartet, bis der Patentschutz eines Markenproduktes abläuft. Dies zeigte jüngst das Vorgehen von Teva gegen die Schweizer Novartis: Die Israelis lancierten frühzeitig ein Ersatzprodukt zum Mittel Lotrel und nahmen damit eine Klage in Kauf. Diese ist jetzt beim US-Patentgericht hängig, eine einstweilige Verfügung gegen den Generikumvertrieb wurde jedoch nicht erlassen. Das ist ein wichtiger Etappensieg für die Nachahmerprodukte. An den Börsen wird die Generikabranche dafür gefeiert: Während die Pharma-Multis Kursverluste einfahren, legte die Teva-Aktie 2007 um 30% zu.