Der Versicherungssektor zählt zu den am schärfsten regulierten Branchen überhaupt. Grund ist der Produktionszyklus: Zuerst erhalten Versicherungen im Rahmen der Prämieneinnahmen Geld von ihren Kunden. Erst später entstehen (vielleicht) Kosten, wenn Schäden eintreten. Für die Berechnung der späteren Kosten arbeiten Versicherungen mit streng gehüteten Risikomodellen. Wer sich hier verhaut, riskiert die Pleite des ganzen Konzerns und dies wollen die Aufsichtsbehörden in Europa wie auch in der Schweiz nicht riskieren.

Mit dem Regelwerk Solvency II fordern die Aufseher eine ausreichende Kapitalunterlegung. Sehr ähnlich funktioniert der Swiss Solvency Test (SST), der bereits Anfang 2011 in Kraft tritt (siehe Kasten).

Swiss Re und ZFS sind gewappnet

Bei der Auswertung der Daten von 2009 hatte dabei mehr als die Hälfte der Schweizer Lebensversicherungsgesellschaften ihr Zielkapital zu weniger als 100 Prozent gedeckt. Unter den Nichtlebensversicherungsgesellschaften gab es dagegen nur ganz wenige mit einem Solvency-Quotienten von unter 100 Prozent. Die Zahlen von 2010 werden derzeit von der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht Finma ausgewertet, die offiziellen Ergebnisse pro Segment und damit die Stunde der Wahrheit erwartet der Schweizerische Versicherungsverband (SVV) Ende November. Explizit zum Stand der Dinge geäussert haben sich offiziell lediglich Zurich Financial Services und Swiss Re. Von beiden glauben die Analysten der Deutschen Bank, dass sie die Anforderungen - auch an das Reporting - spielend erfüllen. Gegenüber den Analysten der WestLB sagte (auch das Management der Bâloise, die Ergebnisse der Modellrechnungen lägen über 100 Prozent. Bei weiteren mittleren und kleineren Versicherungen regen sich aber die Zweifel der Analysten. «Das Managment von Helvetia hat uns zwar versichert, im grünen Bereich zu stehen, ohne uns aber ein aktuelles Zahlenverhältnis zu zeigen», sagt Richard Burden, Analyst bei der CS. «Entsprechend dem heutigen Kenntnisstand wurden die internen Modelle auf provisorischer Basis durch die Finma genehmigt», entgegnet Urban Henzirohs, Sprecher bei Helvetia. Das Unternehmen will den laufenden Prozess mit der Aufsicht und die daraus resultierenden Zwischenergebnisse nicht kommentieren.

Lieber Strafe als Standard erfüllen?

Unter den Experten von Revisionsgesellschaften gelten drei Lebensversicherungen als Problemkandidaten: Swiss Life, Pax und Generali. Wichtige Indizien sind aggressive Verkaufspraktiken in der Vergangenheit, die Begleichung laufender Ansprüche aus den Reserven und knapp bemessene interne und externe Ressourcen, um die sehr komplexen Modellberechnungen vornehmen zu können, zumal die endgültigen Risikomodelle. «Bei der Bekanntgabe der Halbjahreszahlen haben wir erklärt, beim Swiss Solvency Test im grünen Bereich zu liegen», sagt dazu Dajan Roman, Sprecher bei Swiss Life. Daran habe sich trotz sinkender Zinsen nichts geändert.Auch bei der Pax will man von Problemen nichts wissen. «Wir beschäftigen uns mit dem Swiss Solvency Test mit der gebotenen Sorgfalt und stehen bezüglich unseres verwendeten Modells mit der Finma in Kontakt», sagt Sprecher Andreas Kiry. Pax sei zuversichtlich, die Anforderungen der Finma zu erfüllen. Generali äusserte sich bis Redaktionsschluss nicht. Bereits bereitet die Branche eine Verteidigungslinie vor, falls die Kriterien nicht erreicht werden sollten. «Ist dies der Fall, müssen die Versicherungen mit Sanktionen rechnen», sagt Verbandssprecherin Schädler. Einzelne Unternehmen könnten laut Experten die hohen Kosten für den Swiss Solvency Test mit den vergleichsweise niedrigen Kosten einer Busse vergleichen - und eine Strafe vorziehen. «Sollte eine Gesellschaft 2011 nicht über die nötige Deckung verfügen, wird es allein mit der Zahlung einer Busse nicht getan sein», warnt Schädler aber.Die betroffene Gesellschaft müsste dann der Aufsichtsbehörde einen Massnahmenplan vorlegen, wie sie die volle Deckung des Zielkapitals erreichen will. Dies könne etwa über Rückversicherungen erfolgen. Zudem liesse sich die Dividende stoppen, oder der Versicherer nimmt sein Risiko aus der Bilanz.

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