Rezessionsängste, ein rekordhoher Erdölpreis, Dollarschwäche und neue negative Schlagzeilen zur Kreditmarktkrise: Die Börsen hätten 2008 kaum einen schlechteren Start erwischen können. In den ersten drei Handelstagen hat der Swiss Market Index (SMI) über 3,5% verloren. Erst am vierten Tag klarte die Stimmung auf. Experten befürchten aber nicht, dass das Börsenjahr weiter so verlaufen wird wie in der ersten Tagen (siehe «Januareffekt»).

«Rezessionsängste und Zinshoffnungen werden sich abwechseln bis in den Sommer hinein», erwartet Claude Zehnder, Tradinganalyst der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Dann sollte langsam klar sein, ob die US-Wirtschaft in einer Rezession ist oder nicht und welche Folgen dies für die Weltwirtschaft hat. Bis dahin dürften die Märkte ziemlich seitwärts tendieren und starken Schwankungen unterliegen.

Rezessionsgefahr gestiegen

Zuletzt haben die enttäuschenden Zahlen zum US-Arbeitsmarkt aufgeschreckt: Die Arbeitslosenrate hat sich überraschend auf 5% von bisher 4,7% erhöht. «Mit dem US-Arbeitsmarktbericht ist die Rezessionsgefahr gestiegen», erklärt Thomas Lips, Chief Investment Officer der AIG Private Bank. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Vereinigten Staaten in eine Rezession fallen, schätzt er nun auf rund 50%.

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Alfred Roelli, Leiter Finanzanalyse der Bank Pictet, ist dagegen optimistischer und sieht das Risiko dennoch unverändert bei 30%. «Der Konsum in den Vereinigten Staaten, aber auch im Rest der Welt, hält sich relativ gut», begründet er, «und falls sich die Situation verschlechtern sollte, wird die Zentralbank zweifellos ein weiteres Mal eingreifen.» Auch die Hoffnungen auf weitere Zinssenkungen liessen nach den Daten nicht lange auf sich warten. Marktteilnehmer rechnen überwiegend damit, dass die US-Notenbank Fed die Zinsen an der nächsten Sitzung Ende Januar um bis zu 50 Basispunkte senken wird. Die Gratwanderung scheint für die Notenbank nicht allzu kritisch, denn zumindest kurzfristig bereitet die Inflation den meisten Ökonomen derzeit kein Kopfzerbrechen mehr.

Auch in einem anderen Punkt herrscht weitgehend Einigkeit. Die Anleger werden in diesem Jahr nicht mehr so verwöhnt werden wie in den Ausnahmejahren 2005 und 2006. Das letzte Jahr hat bereits einen kleinen Vorgeschmack geliefert, «2008 wird sich die Lage an den Börsen noch akzentuieren», so Lips von der AIG Private Bank. Da viele wichtige Aktienbörsen trotz sinkender Gewinnprognosen aber nach wie vor günstig bewertet sind, dürfte es später im Jahr auch noch Grund für Optimismus geben. So sieht etwa die ZKB eine «gewisse Bewertungskorrektur» nach oben, sodass der SMI zum Jahresende bei 9200 Punkten landen sollte. Bessere Chancen als dem Schweizer Markt räumt die Bank aber den Emerging Markets ein.

Selektiver investieren

«Auch 2008 wird es immer wichtiger werden, dass man Länder und Sektoren genau aussucht», erklärt Sandro Rosa, Investmentstratege bei Clariden Leu. So könnten sich etwa die gebeutelten Bankaktien innert Jahresfrist erholen.

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Alfred Roelli von Pictet erwartet, dass die Banktitel in diesem Jahr mindestens durchschnittlich abschneiden. Als günstig erachtet er vor allem Versicherungs- und Pharmatitel, während der Rohstoff- und Energiesektor nach drei ausgezeichneten Jahren «ausgereizt» erscheint. Die ZKB ist im Telekom- und Grundstoffbereich übergewichtet. So profitieren etwa Syngenta und Holcim vom Agrar- bzw. Infrastrukturboom in den Schwellenländern.

Angesichts der grösseren Unsicherheit und der Konjunktursorgen liegen derzeit aber vor allem die defensiven Schwergewichte in der Gunst. «Seit ein paar Monaten laufen Small Caps eher schlechter als die grossen Titel. Die jahrelange Aufholjagd scheint beendet», so Lips von der AIG Private Bank. Auch die ZKB zieht defensive Unternehmen mit einem soliden Wachstum vor, etwa Nestlé oder Roche. «Doch sobald die Anleger risikofreudiger werden, legen die kleineren Werte wieder los», erwartet Rosa von Clariden Leu.

 

Januar-Effekt: Kann der  Anleger davon profitieren?

Wie der Januar, so das ganze Börsenjahr», besagt der Januareffekt. Die ersten Tage oder der erste Monat im neuen Jahr haben historisch betrachtet eine gewisse Prognosekraft für das Börsenjahr. Diverse Datenreihen haben zudem gezeigt, dass der Januar im Vergleich zu anderen Monaten des Jahres häufig gut abschneidet. Besonders Small und Mid Caps, die im vergangenen Jahr unter die Räder geraten sind, laufen erfahrungsgemäss gut.

Eine schlüssige Erklärung für dieses saisonale Muster gibt es nicht, aber verschiedene Ansatzpunkte. So wird häufig auf die Kapitalgewinnsteuer verwiesen. «Weil Kapitalverluste in den USA von der Steuer abgezogen werden können, verkauft der Anleger zum Jahresende die Verliereraktien», erklärt Christian Gattiker, Leiter Aktien und Strategie der Bank Julius Bär. Diese werden im Januar wieder gekauft, weshalb vor allem die schlechten Titel profitieren.

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Generell positiv auf die Börsen soll zudem wirken, dass sowohl Private als auch Institutionelle zum Jahresanfang häufig ihr Portfolio neu zusammenstellen. Auch der Bonus für das vergangene Jahr will angelegt sein. «Der Januareffekt schwächt sich aber zunehmend ab oder verlagert sich langsam in den Dezember», gibt Gattiker zu bedenken.

Derzeit herrsche ein Streit unter Experten, ob es sich angesichts der Transaktionskosten überhaupt noch lohne, den Januareffekt auszunützen. Der aktuelle Monat versprach bisher keine besonders guten Gewinnchancen.