Die Führung der Privatbank Sarasin geht in die Offensive. Nachdem die neue Besitzerin, die brasilianische Safra-Gruppe, die Basler praktisch zu 100 Prozent kontrolliert, verkündet Sara­sin-Chef Joachim «Joe» Strähle die Marschroute. «Mit einer einzelnen starken Aktionärin im Rücken können wir ganz anders investieren», sagte Strähle Anfang Woche der «Basler Zeitung».

Wenige Tage zuvor hatte Private-Banking-Chef Eric Sarasin als letztes hochrangiges Familienmitglied im gleichen Blatt die neue Konstellation gelobt. «Sarasin und Safra verbindet Professionalität in dem, was wir tun.» Sarasin versprach eine erfolgreiche Zukunft zu zweit. «Beide verkörpern in hohem Masse die für erfolgreiches Private Banking so zentralen Werte wie Zuverlässigkeit, Diskretion und Stabilität.»

Strähle, Eric Sarasin und die übrigen Spitzenleute des traditionsreichen Finanz­instituts erhielten von der neuen Besitzerin Fünf-Jahres-Verträge. Sie sollen im Auftrag ihrer Risikokapitalgeber das fortsetzen, was sie bereits unter der früheren Besitzerin, der holländischen Genossenschaftsbank Rabo, in Angriff genommen hatten: Rasch wachsen und neue Vermögen an Land ziehen.

Strähle scheint dabei von den Safra-Chefs Carte blanche erhalten zu haben. Jedenfalls macht er weiter mit seiner Hire-and-Fire-Politik, wie er dies bereits in der Vergangenheit tat, nachdem er 2006 von der grossen Credit Suisse in die kleinere Bank am Rheinknie gewechselt hatte. Nach einer Einarbeitungszeit jagte er seiner früheren Arbeitgeberin das ganze Private-Banking-Team für die Region Basel und Umgebung ab. Vom Chef bis zur Assistentin wechselten ab 2008 22 Leute das Lager, die bei der CS ein entsprechend grosses Loch zurückliessen.

Frist für Zielerreichung abgelaufen

Die CS-Cracks wurden damals mit attraktiven Löhnen und Boni abgeworben, mussten aber im Gegenzug Strähles Businessplan akzeptieren. Der sah vor, dass innert drei Jahren eine im Voraus bestimmte Höhe an Kundengeldern von der CS zur Sarasin fliessen musste. Diese Frist ist inzwischen abgelaufen. Es sieht so aus, als ob nicht alle der angeheuerten CS-Berater das Ziel erreicht hätten. Jedenfalls beobachten Basler Banker derzeit gleich mehrere bekannte Sarasin-Kundenberater, die sich um eine neue Anstellung bemühen würden.

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Man registriere «keine ungewöhnliche Fluktuation» oder «zahlreiche Abgänge im Management», sagt hingegen eine Sarasin-Sprecherin. Im Juli an der Halbjahreskonferenz habe die Bank «darauf hingewiesen, dass das Kundenberaterteam im Hinblick auf die Akquisition von neuen Kundinnen und Kunden weiter ausgebaut» würde.

Das Modell, gemäss welchem ganze Teams zur Bank geholt, mit ambitiösen Wachstumszielen ausgestattet und bei ausbleibendem Erfolg wieder geschasst werden, wird von Sarasin offensichtlich weiter gepflegt. Soeben hat Strähle eine 16-köpfige Mannschaft in Genf für die ganze Region Westschweiz unter Vertrag genommen. Wieder handelt es sich um ein ganzes Private-Banking-Team, und wieder ist die CS vom Exodus betroffen.

Bündelung der Aktivitäten in Basel

«Strähle hat Erfolg mit seiner Personalpolitik», meint ein Basler Banker, «sonst würden ihm die Safra-Leute nicht den Rücken stärken.» Tatsächlich vermochte die Basler Privatbank unter ihrem aus der Grossbankenwelt stammenden Chef Strähle die verwalteten Vermögen von 2007 bis 2011 von gut 80 auf knapp 100 Milliarden Franken zu steigern. Das machte Sarasin zu einem der letzten gros­sen Player des Finanzplatzes, mit dem auf einen Schlag eine grosse Assetbasis gewonnen werden konnte. Das hätte der Zürcher Julius Bär, die sich ganz dem Wachstum verschrieben hat, gut ins Konzept gepasst. Doch das Rennen machte vor Jahresfrist die ausländische Safra.

Inzwischen haben sich die Brasilianer fest installiert. Mit dem minimalen Pflicht­angebot von 27 Franken pro ausstehender Sarasin-Aktie kauften sie in den letzten Wochen die verbliebenen Minderheitsaktionäre faktisch aus. 99 Prozent gehören heute Safra, der Rest dürfte der Familie bald zufallen. Ebenfalls bündeln die Safras ihre europäischen Aktivitäten neu. Kürzlich haben sie den Sitz ihrer J. Safra Holding von Zürich nach Basel verlegt. In diese Holding haben sie neben der erworbenen Bank ­Sarasin auch ihre schon länger aktive ­Privatbank Safra mit Domizil in Genf eingebracht.

Die Schweizer Safra Holding wird zum Entscheidungszentrum der neuen Finanzmacht aus dem aufstrebenden Lateinamerika-Staat. Sie ist fest in Safra-Familienhand. Joseph Safra als Patron hält das Präsidium inne, sein Sohn Jacob, der den Kauf von Sarasin eingefädelt hatte, amtet als Vizepräsident des Verwaltungsrats. Beide haben offiziell Wohnsitz in der Schweiz, Joseph im Basler Bottmingen, Jacob in Genf. Weitere Mitglieder des strategischen Obergremiums sind Vertrauensleute der Brasilianer. Einzig ein Vertreter der Ex-Sarasin-Besitzerin Rabobank und ein Basler Bauunternehmer geben dem Verwaltungsrat der Holding einen minimalen Anstrich von Unabhängigkeit. Darunter haben die Safras eine 7-köpfige Geschäftsleitung installiert, die grösstenteils aus eigenen Gefolgsleuten besteht. Ganze zwei Vertreter stammen von der Bank Sarasin.

Wie wollen Strähle & Co. im Streitfall ihren Einfluss geltend machen angesichts der eklatanten Übermacht der Safras in den beiden entscheidenden Gremien? «Die Bank Sarasin ist eine selbstständige operative Einheit», sagt die Sprecherin der Basler Bank. «Das Sarasin-Management um Joachim H. Strähle, der grosses Vertrauen bei der Holding und dem neuen Mehrheitsaktionär geniesst, leitet unsere Bank.» Zudem würde die Bank «wie seit je» durch den Verwaltungsrat geführt. «An der Corporate Governance hat sich nichts geändert», sagt die Sarasin-Frau.