Das Pokergesicht von Brady Dougan ist legendär. Auch an der letzten Bilanzkonferenz, wo er einen massiv tieferen Gewinn vermelden musste, verzog der Chef von Credit Suisse keine Miene. Nur einmal huschte der Anflug ­eines Lächelns über seine Züge. Die Grossbank werde ihre risikoreichen Anlagen bis im Frühling um 58 Milliarden Franken ­reduziert haben, verkündete er. Und fügte maliziös hinzu: «Den meisten Instituten steht der Abbau noch bevor.»

Tatsächlich sind in den Büchern der Banken gewaltige Bewegungen im Gange. Die neue Bankgesetzgebung Basel III zwingt die Geldhäuser, die Risiken ihrer Anlagen neu zu bewerten und mit deutlich mehr Eigenkapital zu unterlegen. Weil Letzteres teuer aufgenommen werden muss, trennen sich die Banken lieber vom Risiko. Es geht um riesige Summen. Analysten von Morgan Stanley schätzen, dass allein die europäischen Banken ihre Bilanzen bis Mitte 2013 um 2500 Milliarden Euro verkürzen müssen. Das wiederum eröffnet Chancen für jene, die es sich leisten können, noch Risiken einzugehen – vorab Hedgefonds und grosse Vermögensverwalter. Aber auch Versicherer wie Swiss Re und Swiss Life zeigen sich interessiert an den Papieren. Die ersten Deals sind schon angebahnt. Der amerikanische Finanzinvestor Blackstone etwa kündigte an, für umgerechnet 860 Millionen Franken ein Immobilienkredit-Portefeuille der Royal Bank of Scotland zu übernehmen.

Doch der grosse Reibach mit dem Risiko weckt den Argwohn der Behörden. Sie befürchten, dass Gefahren aus den Bankbilanzen zu wenig regulierten «Schattenbanken» abfliessen.

Ein Abenteuer für Aladdin

In New York sieht derweil Matthew Moniot seine Stunde gekommen. Er, der fast 20 Jahre in der Finanzindustrie arbeitete und lange bei Lehman Brothers diente, sieht in den Bilanzkürzungen eine lukrative Nische. Mit einem kleinen Team von erfahrenen Wall-Street-Bankern gründete er vor zwei Jahren die Finanzfirma Elanus Capital. Sie geht nun auf die Banken zu und offeriert, deren Risiken zu übernehmen. «Es bieten sich grosse Chancen für Leute, welche die Portefeuilles ­genau kennen», berichtet Moniot. Oft geschieht der Handel über einen «synthetischen» Risikotransfer: Mit einem Swap wird das Risiko der Anlage zu Elanus übertragen. Die Bank zahlt ihr dafür jedes Quartal eine erkleckliche Gebühr. Die Anlage selber bleibt derweil beim Institut – das Risiko in der Bilanz fällt jedoch auf null. Der Trick erinnert an die Kreditversicherungen, die den US-Versicherer AIG im Jahr 2008 in den Abgrund stürzten. Vier Jahre später sind Risiko-Swaps wieder ein einträg­liches Geschäft. «Wir streben eine Performance zwischen 13 und 18 Prozent an», sagt Moniot.

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Dabei ist sich der Amerikaner bewusst, dass Elanus in diesem Teich nur ein kleiner Fisch ist. «Finanzinvestoren wie Apollo tun mit, aber auch grosse Vermögensverwalter wie Pimco oder Blackrock», ­berichtet Moniot. Vor allem Blackrock verfügt in diesem Geschäft über ideale Voraussetzungen, ja über eine Art Wunderwaffe. Sie heisst Aladdin und ist ein Traum aus Tausend-und-einer-Nacht für Vermögensverwalter. Ursprünglich als Software für das Risikomanagement von Kreditpapieren entwickelt, bietet Aladdin den Kunden von Blackrock eine integrierte Plattform, um Qualität, Wert, Bewegungen und Risiken ihres gesamten Portefeuilles täglich zu überwachen. Vor allem aber weiss Blackrock dank Aladdin wie kaum ein anderer Anbieter Bescheid über die Preise – 10000 Milliarden Dollar an Wertschriften laufen bereits über das System. Aladdin ist deshalb gut geeignet, um Bankbilanzen nach interessanten Investments zu durchleuchten. Blackrock betont, dass solche Papiere nur für Kunden und keinesfalls fürs eigene Buch gekauft würden.

Seit Jahresbeginn hat die Anzahl der Transaktionen nochmals zugenommen

Derzeit bedient der weltweit grösste Vermögensverwalter 130 institutionelle Grosskunden. Von ihrer Filiale in Zürich aus will Blackrock nun auch in der Schweiz das Geschäft mit institutionellen Investoren forcieren.

Es ist kein Geheimnis, dass Blackrock enge Beziehungen zum Schweizer Rückversicherer Swiss Re unterhält. So lagerte Swiss Re 2009 ein Kreditportefeuille in der Höhe von 23 Milliarden Dollar an den amerikanischen Vermögensverwalter aus. Für alle Versicherer stellt sich das Problem, dass auf den relativ sicheren Staatsanleihen kaum mehr etwas zu verdienen ist; Papiere mit höheren Renditen sind deshalb willkommen. Swiss Re schliesst deshalb den Kauf von Papieren aus Bankbilanzen nicht aus: «Als langfristig orientierter Investor ist Swiss Re grundsätzlich an Anlagemöglichkeiten interessiert, die attraktive risikoadjustierte Renditen sowie gute Diversifikationsmöglichkeiten bieten.» Swiss Life bekundet ebenfalls Interesse. Der Schweizer Lebensversicherer erwägt Investments in solche Papiere, wenn diese den regulatorischen Anforderungen genügen und ein durchschnittliches Rating von BBB- aufweisen.

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Weil sich bei den Geschäften mit den Papieren niemand gerne ins Blatt schauen lässt, bleiben die einzelnen Deals streng geheim. Beim weltweit tätigen Vermögensverwalter Partners Group, der ebenfalls als Käufer auftritt, sagt Partner René Biner: «Um sich den Zugang zum Marktsegment zu eröffnen, greifen institutionelle Investoren, darunter auch Versicherungen, typischerweise auf das Know-how von Spezialisten zurück.» Auch Daniel Riediker, Chef der auf verbriefte Kreditpapiere spezialisierten Investmentboutique Alegra Capital in Zürich, weiss von mehreren Transaktionen. Schweizer Versicherungen und grosse Pensionskassen zeigten sich an Tranchen der von Banken verkauften Anlagen interessiert, sagt er. Und: Seit Jahresbeginn habe die Zahl der Transaktio­nen zugenommen.

Schattenbanken ans Licht zerren

Noch viel mehr würde drinliegen, findet Guy Spier, Chef des Hedgefonds Aquamarine Capital in Zürich. «Zahlreiche Marktteilnehmer sind interessiert an den Papieren aus den Bankbilanzen – und Cash ist zuhauf vorhanden.» Doch die ­Frage stellt sich, ob die Gesetzgeber den Boom nicht vorzeitig stoppen. Sie befürchten, dass mit den Bilanzkürzungen risikoreiche Papiere zu weniger stark kontrollierten Marktteilnehmen abfliessen. Tatsächlich kaufen sogenannte Schattenbanken – darunter Geldmarktfonds, Hedgefonds und Finanzinvestoren – nicht nur die Anlagen regulierter Institute auf, sondern gebärden sich zunehmend wie solche. So ist es für einzelne Hedge-Manager heute nichts Besonderes, Kredite an Firmen zu vergeben. Die OECD warnte bereits in einer Studie von 2010 vor dem Problem der «regulatorischen Arbitrage», die sich bei Einführung von Basel III einstellen werde. Auch Niklaus Blattner, ehemaliges Mitglied des Nationalbank-Direktoriums, kritisiert: «Wenn sich ein grosser Investor stark verspekuliert, kann sich das auch auf die von regulierten Einheiten gehaltenen Anlagen auswirken und systemgefährdende Verluste nach sich ziehen.»

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Genau das wollen die Behörden nun verhindern. Mark Carney, der neue Chef des mächtigen Financial Stability Board, will die Schattenbanken «ans Tageslicht zerren». EU-Kommissär Michel Barnier versprach, bis im März neue Gesetze für den Bereich zu erarbeiten. Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht Finma stellt sich auf den Standpunkt, dass die Verkürzung der Bankbilanzen zu begrüssen sei und nur ein Teil der Papiere zu schwach regulierten Marktteilnehmern übergingen. Zudem überwache man die Schnittstellen zwischen Schattenbanking und dem regulierten Sektor. Doch Ex-Notenbanker Blattner hegt Zweifel. «Der Regulator befasst sich mit bekannten Problemen, die Dynamik hat er nicht im Griff.»