Der 48-jährige Amerikaner Michael Mayo gehört zu den kritischsten Stimmen an der Wall Street. Nicht immer kam er damit gut an – bei der Credit Suisse etwa wurde er entlassen, nachdem er eine kritische Studie über die Bankbranche verfasst hatte. Seine Erfahrungen hat er nun in einem Buch niedergeschrieben. «Exile on Wall Street: One Analyst's Fight to Save the Big Banks from Themselves» schlägt in den USA hohe Wellen. Sein Wissen empfindet er als Verpflichtung, seine Meinung zu sagen: «Wenn ich mich am besten auskenne, sollte ich auch lautstark sein.»

Europa steckt tief im Schuldensumpf, das Griechenland-Problem ist noch immer ungelöst. Das setzt den Banken zu. Wie schlimm steht es wirklich?

Michael Mayo:
Die Krise ist noch lange nicht ausgestanden. Die Verhandlungen um Griechenland erinnern mich an ein Tennisturnier: Der chancenlose Spieler hangelt sich mit Glück von Spiel zu Spiel. Dass er es einige Runden weit schafft, heisst noch längst nicht, dass er auch nur ins Viertelfinale kommt.

Heisst das, dass Bankaktien derzeit kein gutes Investment sind?

Ich habe derzeit nur zwei Bankak­tien auf Kauf gesetzt: Die amerikanischen Institute Wells Fargo und PNC, die europäischen Anleihen und Märkten nicht ausgesetzt sind.

Und was halten Sie von den Aktien der Credit Suisse und der UBS?

Die CS und die UBS sind Teil der globalen Grossbanken, die mehreren Herausforderungen ausgesetzt sind: Sie müssen ihr Risiko senken, indem sie ihren Verschuldungsgrad herunterfahren, weniger Eigenhandel betreiben und ihre Kompensationsstruktur besser gestalten. Vor allem aber muss an der Spitze der Unternehmen ein besserer Ton gesetzt werden, der die vorsichtige Risikonahme befürwortet, aber dies immer in den Kontext von ethischen Praktiken stellt. Es bedeutet auch, dass man in einem schwierigeren Geschäftsumfeld sowohl in den USA wie in Europa seine richtige Grösse finden muss.

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Das bedeutet schmerzhafte Restrukturierungen. Vor allem aber müssen die beiden Schweizer Grossbanken ihre strategischen Engagements nach Prioritäten sortieren. Am Höhepunkt in ein Geschäftsfeld einzusteigen und es am Tiefpunkt wieder dichtzumachen, zerreisst ein Unternehmen und mit ihm sein Personal. Und es zerstört Aktionärswert.

Sie sind ebenso kritisch gegenüber dem Management der grossen Banken wie die Occupy-Wall-Street-Bewegung. Verstehen Sie deren Anliegen?

Auch ich bin empört. Deshalb kann ich auch die Empörung anderer verstehen. Ich bin genauso wütend wie die Leute im Zucotti Park, wenn ich mir die Gehälter des Führungspersonals der Banken ansehe, die Millionen kassieren, während ihr Aktienkurs fällt. Das ist nicht Kapitalismus, sondern Anspruchsdenken. Wir haben als Gesellschaft noch immer nicht die Lösungen durchgesetzt, die schon vor mehreren Krisen hätten da sein müssen.

Haben Sie denn eine?

Wir brauchen radikale Veränderungen. Das Kompensationssystem muss stär­ker an Leistung gebunden werden, die Aktionäre sollten direkter mitreden dürfen in Sachen Bezahlung. Dazu muss die Aufsicht über das Bankenwesen verschärft werden. Diese Punkte habe ich schon beschrieben, als die Demonstranten der ­Occupy-Wall-Street-Bewegung noch in den Windeln steckten.

Dass an der Wall Street nicht alles funktioniert, wie es sollte, merkten Sie gleich in ­ihrem ersten Job bei der UBS in New York.

1993 schrieb ich einen ausgewogenen Bericht über die Regionalbank Key Corp mit einigen kritischen Passagen. Daraufhin zogen die einen Teil ihres Investment-Banking-Geschäfts bei der UBS ab.

1999 aber gelang Ihnen der grosse Wurf, als Sie als Bankenanalyst bei der Credit Suisse First Boston in einer 1000-seitigen Studie 47 amerikanische Banken zum ­Verkauf empfahlen.

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Ich war bereit zur Schlacht und hatte in nächtelanger Arbeit mit meinem Team alle Argumente herausgearbeitet. Trotzdem zuckte ich zurück und verzö­gerte die Veröffentlichung um eine Woche. Ich hatte Angst. Schliesslich hatte ich 15 Jahre daran gearbeitet, mir diese Posi­tion an der Wall Street aufzubauen. Da fiel es mir schwer, das aufs Spiel zu setzen.

Was hat Sie dann letztendlich bewogen, die Studie eine Woche später dann doch noch herauszugeben?

Ich wollte mir selbst nichts vorzuwerfen haben. Damals hatte ich ja noch keine Kinder. Das war der wohl egoistischste Schritt in meinem ganzen Leben. Ich habe freien Willen gezeigt und nicht das gemacht, was von mir erwartet wurde.

Und was war die Konsequenz?

Ein Analyst machte sich im Fernsehen über mich lustig, indem er meinen Bericht als Mayonnaise bezeichnete. Anleger, die durch meinen Call Geld verloren hatten, hefteten mein Foto auf eine Dartscheibe und warfen mit Pfeilen darauf. Banken, vor allem aus dem Mittleren Westen und dem amerikanischen Süden, kündigten reihenweise ihre Investment-Banking-Beziehungen mit der Credit Suisse.

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Am Ende waren Sie ihren Job los.

Meine Einschätzung hat sich innerhalb von Monaten bewahrheitet. Meine Einschätzungen wurden bei Anlegern wegen ihrer Ehrlichkeit sehr geschätzt. Doch als die CS 2000 die kleinere Brokerfirma Donaldson, Lufkin & Jenrette übernahm, wurden ich und sieben meiner Mitarbeiter entlassen. Das Team von Donaldson durfte bleiben. Die Leiterin ist noch heute bei der CS angestellt.

Sie hatten recht im Unrecht. Dennoch ­lagen auch Sie nicht immer richtig. 2007 sprachen Sie beispielsweise eine Kauf­empfehlung für Lehman Brothers aus. Sie korrigierten sie erst, als die Aktie schon um 70 Prozent gefallen war.

Das war die grösste Fehleinschätzung in meiner Karriere. Sogar der Analysechef der Deutschen Bank hatte mich ­gewarnt, dass ich zu positiv sei. Mein Szenario für den schlimmsten Fall war einfach blauäugig.

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Meistens lagen Sie gut, mussten das am Ende aber teuer bezahlen. Hat es ­Ihnen wenigstens persönlich gutgetan, für Ihre Überzeugung einzustehen?

Mayo: Die Veröffentlichung der Studie hat mich glücklicher gemacht als der höchste Bonus, den ich jemals nach Hause getragen habe. Geld zu haben macht das Leben auf alle Fälle einfacher. Erfüllter macht es ein Leben nicht.

Warum trauen sich eigentlich nicht mehr Leute an der Wall Street, zu sagen, was sie wirklich denken?

Ich stamme aus einfachen Verhältnissen. Meine Grosseltern sind 1905 auf der Flucht vor den Progromen in Russland in die USA eingewandert. Sie waren bitterarm und haben sich hochgearbeitet. Ich habe in der High School und im College immer nebenher gearbeitet. Deshalb weiss ich, dass ich auch ohne das Geld von der Wall Street auskommen kann.

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Der Mensch

Name: Michael Mayo
Funktion: Bankenanalyst CLSA
Alter: 48
Wohnort: Manhattan
Familie: Verheiratet, drei Kinder
Ausbildung: MBA University of Maryland, George Washington University

Karriere:
1985 bis 1987: IBM
1988 bis 1992: Federal Reserve Bank
1993 bis 2009: Analyst bei UBS,Lehman Brothers, Credit Suisse,Prudential Securities, Deutsche Bank
Seit 2010: CLSA

Das Unternehmen
CLSA ist einer der grössten unabhängigen Broker in Asien. Er geniesst für seine Analysen einen hervorragenden Ruf. Die französische Crédit Agricole ist mit 65 Prozent die Mehrheitseigentümerin.