Wie beurteilen Sie den jüngsten Bankenrettungsplan der US-Regierung?

Matthias Reinhart: Solche Massnahmen werden uns noch lange beschäftigen. Durch die hohe Liquidität, die in das System gepumpt wird, kann es, sobald die Wirtschaft wieder zulegt, schnell zu einer Inflation kommen. Da sich aber alle dieses ernsthaften Problems bewusst sind, gehe ich davon aus, dass eine Reaktion der Notenbanken genauso schnell und resolut erfolgen wird. Zuerst gilt es jedoch, die Finanzkrise in den Griff zu kriegen.

Wie wirkt sich die Finanzkrise auf die Geschäftstätigkeit der VZ Holding aus?

Reinhart: Sie hat 2008 Spuren im Ergebnis hinterlassen, schliesslich waren die Management Fees in der Vermögensverwaltung leicht rückläufig. Dank der Depotbank ist es uns gelungen, unseren Betriebsertrag zum Vorjahr zu steigern.

Die Depotbank hat 2008 aber auch zu einem Kostenzuwachs geführt.

Reinhart: Im Vergleich zum Vorjahr sind 2008 die Kosten für die Depotbank erstmals über zwölf Monate angefallen. Grösstenteils handelt es sich dabei um Fixkosten, die mit einer steigenden Kundenanzahl nicht mehr wesentlich zunehmen.

Werden Sie die VZ-Depotbank auch externen Vermögensverwaltern öffnen?

Reinhart: Dies wird eine Stossrichtung sein, die in den nächsten 12 bis 24 Monaten aktuell werden dürfte. Derzeit hat dieser Schritt keine Priorität.

Weshalb sind 2008 neben den Sachkosten auch jene für das Personal angestiegen?

Reinhart: Wir bauen unsere Kapazitäten seit längerem aus. Dies ist bei uns ein längerer Prozess, denn die Ausbildung eines Kundenberaters dauert gut zwei Jahre.

Der Kapazitätsausbau fällt damit in einen ungünstigen Zeitpunkt.

Reinhart: Nein, für uns ist die aktuelle Situation nicht so entscheidend. Der Kapazitätsausbau gehört zu unserer langfristigen Planung und richtet sich nach der potenziellen Kundennachfrage.

Derzeit könnten Sie die Mitarbeiter von anderen Finanzinstituten abrufen.

Reinhart: Wir erhalten Anfragen. Wir bleiben aber lieber unserer Politik treu und bilden unsere Mitarbeiter selber aus. Damit haben wir in der Vergangenheit die besten Erfahrungen gemacht.

Wie spürt die VZ Holding die Probleme der Branche und des Finanzplatzes?

Reinhart: Die Problematik um das Bankgeheimnis trifft uns kaum, da wir sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland nur «onshore» tätig sind. Dagegen erwarte ich für den Bankenplatz Schweiz grössere Veränderungen: Einerseits gehen den Banken durch den Einbruch bei den strukturieren Produkten und die Zunahme von standardisierten, kostengünstigen Dienstleistungen Erträge verloren. Zudem bringt das Zinsdifferenzgeschäft tiefere Margen. Gleichzeitig sind Vermögensabflüsse aus dem Offshore-Geschäft zu befürchten. Ich erwarte daher, dass der Konkurrenzdruck in der Schweiz stark zunehmen wird und das Bankgeschäft industrialisiert wird.

Mit welchen Auswirkungen?

Reinhart: Die Banken müssen ihre Dienstleistungen günstiger anbieten und produktiver arbeiten. Im Finanzplatz Schweiz, der over-banked ist, wird es zu einer Normalisierung kommen. Das klassische Beratungsgeschäft, wie es die VZ Holding anbietet, dürfte dadurch weniger leiden.

Die Preise für Bankleistungen fallen?

Reinhart: Ja, der Kunde dürfte mehr Leistung für sein Geld erhalten. Diese Entwicklung hat bereits begonnen, wenn man sieht, wie sich die Grossbanken neu wieder um die Inlandkunden bemühen.

Wie ist die VZ Holding ins 2009 gestartet?

Reinhart: Im Firmenkundenbereich konnten wir 2008 auf der Top Line ein Plus von 20% erzielen. Da auch bei den Firmen gespart werden muss, geht das Wachstum, wenn auch etwas langsamer, im laufenden Jahr weiter. Bei den Privatkunden spüren wir eine Zunahme der Neukunden. Ausschlaggebend dabei ist die grosse Verunsicherung der Anleger. Sie suchen bei uns Rat. Schwieriger wird es, wenn es um konkrete Abschlüsse geht. Dann agieren die Leute sehr zögerlich. Für uns führt dies aber nur zu einer zeitlichen Verzögerung. Sobald die Stimmung am Markt wieder dreht, sollten wir davon profitieren.

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Wird es 2009 bereits aufwärts gehen?

Reinhart: Die Finanzmärkte dürften Ende 2009 positiver tendieren. Schon heute spürt man eine Erleichterung auf einem tiefen Niveau. Nach den Rückschlägen in den vergangenen Monaten sind die Aussichten auf die Quartalsergebnisse der Firmen sehr schlecht. Daher erwarte ich eher positive Überraschungen, die einen nachhaltigen Aufwärtstrend einläuten könnten. Vorausgesetzt, dass die Gewinne der Firmen nicht so schlecht ausfallen, wie derzeit angenommen, und dass am US-Immobilienmarkt der Boden gefunden wird.

Sind die Kunden mit Ihren Ratschlägen in der Finanzkrise zufrieden?

Reinhart: Natürlich sind die Vermögensverwaltungskunden nicht glücklich, wenn sich die Märkte negativ entwickeln. Doch sie sind aufgeklärt, da wir bei allen Portefeuilles Stresstests durchführen und ihnen den Worst Case aufzeigen. Dies ist für uns ein zentraler Punkt der Risikoaufklärung.

Kommen auch strukturierte Produkte zum Einsatz?

Reinhart: Nein, wir setzen praktisch keine strukturierten Produkte ein. Ich stehe diesen Anlagen sowieso kritisch gegenüber, denn sie verfügen über ein asymmetrisches Risiko. Anders als bei Versicherungen, welche die grössten Risiken absichern und die Bagatellfälle vernachlässigen, konzentrieren sich strukturierte Produkte vor allem auf die Bagatellfälle. Doch offenbar entsprechen sie einem Marktbedürfnis.

Das Hauptaugenmerk der VZ Holding liegt ohnehin auf der Pensions- und Nachlassplanung. Welchen Einfluss hat die Finanzkrise auf diesen Bereich?

Reinhart: Ein Grossteil unserer Kunden steht kurz vor der Pensionierung oder plant seinen Nachlass. Das Geschäft ist eher von der Demografie getrieben. Anders als in der Hochkonjunktur steht heute die Frühpensionierung aber nicht mehr im Vordergrund. Zudem sitzt der Beratungsfranken weniger locker. Wie die Anlageentscheide werden auch die Beratungen zum Teil nach hinten verschoben.

Viele Pensionskassen sind durch die Finanzkrise in Schwierigkeiten geraten. Was raten Sie Ihren Kunden bezüglich Kapitalbezug oder Rente?

Reinhart: Eine generelle Antwort kann man drauf nicht geben, denn sie hängt von der gesamten Vermögenssituation der Kunden ab. Heute zielt der Trend auf ein Splitting hin, das heisst einen Teilbezug sowie eine Rente. Die Leute befinden sich zudem in einem Dilemma zwischen der Angst, möglicherweise für die Sanierung einer Pensionskasse aufkommen zu müssen, und dem kompletten Kapitalbezug, bei dem sie dann für die Vermögensanlage alleine verantwortlich sind.

Welche Ziele verfolgt die VZ Holding 2009?

Reinhart: Wir wollen unsere Bestände weiter ausbauen. Auf der Top Line erwarten wir keine markante Zunahme, da die Kunden zurückhaltend sind. Dank unseres defensiven Geschäftes ist aber auch kein Einbruch zu erwarten. Angesichts der aktuellen Marktlage möchte ich für 2009 kein Punktziel ausgeben. Mittelfristig wollen wir auf der Top Line jährlich rund 20% wachsen. Dieses Ziel halten wir nach wie vor für realistisch, sofern sich die Märkte wieder normalisieren. Auf der Bottom Line könnte das Ergebnis aufgrund der Economies of Scale noch besser ausfallen.

Wie will die VZ Holding weiter wachsen?

Reinhart: Wir profitieren von einem positiven Trend. Denn unter normalen Bedingungen wächst unser Markt aufgrund der Demografie. Zudem nehmen die Vermögen laufend zu. Unter dieser Voraussetzung wollen wir dank einer geografischen Ausdehnung mehr Kunden ansprechen. Wegen der Finanzkrise werden wir 2009 zwar keine neuen Niederlassungen eröffnen. Sobald sich eine Normalisierung einstellt, sind zwei neue Standorte in der Region Zürichsee sowie Baden geplant. Dazu benötigen wir auch die entsprechenden Kapazitäten.

Stehen Veränderungen im Aktionariat an?

Reinhart: Es sind keine Veränderungen geplant. Einzig der Freefloat hat, aufgrund des Ablaufs einer ersten Lockup-Periode im Herbst, leicht zugenommen. Im März 2010 wird die zweite Periode ablaufen.

Wie beurteilen Sie den Kurs der VZ-Aktie?

Reinhart: Als Unternehmer bin ich für die Top- und Bottom Line verantwortlich und die nachhaltige Entwicklung der Firma. Der aktuellen Bewertung messe ich keine allzu grosse Bedeutung zu. Es handelt sich dabei um eine Momentaufnahme, die stark beeinflusst wird durch die Entwicklung aller Unternehmen aus dem Finanzsektor und der allgemeinen Stimmung an den Finanzmärkten. Die VZ Holding ist solide finanziert und dank des stabilen Aktionariats auch nicht Angriffen von aussen ausgesetzt.