Härtere ordnungspolitische Auflagen verpflichten riesige Investmentbanken in den USA und Europa, ihre Risikobereitschaft zu reduzieren und auf gesetztere Strategien zu setzen. Aktuell heiss an der Wall Street sind folgende Themen: Wertpapierhandel für Klienten, Abwickeln von Geschäften, Management von Assets sowie die Beratung von Kunden bei Geschäftsabschlüssen und der Finanzierung.

Schweiz sorgt für Aufsehen

Das jüngste Beispiel für den neuen Druck kommt aus der Schweiz. Die «Too big to fail»-Expertenkommission empfiehlt, dass die Grossbanken UBS und Credit Suisse dazu gezwungen werden sollten, ihre Kapitalpolster zur Abdeckung riskanter Anlagen höher anzusetzen als die Basel-III-Vorgaben. Analysten gehen davon aus, dass US-Behörden ähnliche Schritte unternehmen könnten.

«Die Businessmodelle machen dramatische Veränderungen durch», sagt Clayton Rose, Professor für Management Practice an der Harvard Business School. Grund seien die dramatischsten Veränderungen im «politischen, regulatorischen und wirtschaftlichen Umfeld seit den 1930er-Jahren in der Finanzindustrie».

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Sogar nach den «Nahtoderfahrungen» im Jahr 2008 haben die meisten Wall-Street-Firmen bis jetzt nie vollständig ihr Glück verloren. Nach massiven Rettungsmassnahmen seitens der Regierung haben viele Wertpapierhandelshäuser 2009 riesige Profite gemacht. Im 1. Quartal dieses Jahres verzeichnete die Goldman Sachs Group fast 10 Mrd Dollar Handelsumsatz - ohne einen einzigen Handelstag mit Verlusten.

Nun werden Investmentbanken unter Druck gesetzt. Die Profite aus dem Aktienhandel gingen im 3. Quartal zurück. Im Anleihemarkt etwa waren die Anleger «paralysiert, und in den Handelsräumen war es während des Quartals ruhig», schrieb das Analysehaus Sanford Bernstein in einer Mitteilung. Das Unternehmen korrigierte den geschätzten Gewinn pro Aktie von Goldman Sachs und Morgan Stanley nach unten.

Die durchschnittliche Eigenkapitalrendite für grosse Investmentbanken, eine Schlüsselkomponente der Profitabilität, könnte laut SNL Financial um 20% vor ein paar Jahren halbiert werden. Und die Kosten steigen und führen so zu erwarteten Wellen von Jobkürzungen innerhalb des Bankwesens.

Es braucht viel mehr Kapital

Der Druck von aussen ist massiv. Neue internationale Kapitalrichtlinien (Basel III) sollen nächsten Monat endgültig festgelegt werden. Sie werden viele Banken in den USA und Europa dazu zwingen, Handelsgeschäfte wie etwa die mit Hypothekenpapieren aufzugeben. Wenn Unternehmen weiterhin riskante Assets halten, müssen sie als Puffer gegen Verluste mehr Kapital zur Seite legen.

Die Verpflichtung, mehr Kapital zu halten, «Bedeutet, dass die Kapitalrendite sinken wird», sagt Huw van Steenis, Bankanalyst bei Morgan Stanley in London. Er prognostiziert, dass die Kapitalrendite von Investmentbanken in den USA und Europa um durchschnittlich 4% fallen könnte, möglicherweise sogar um bis zu 8%.

Das neue Finanzregulierungsgesetz in den USA wird unterdessen striktere Standards und mehr Transparenz in den Märkten für Derivate fordern. Derivate sind Finanzinstrumente, die ihren Wert aus der Bewegung von einem anderen Wert, etwa der Höhe von Zinsen oder dem Preis für Rohstoffe, ableiten. In den vergangenen zehn Jahren wurde der Markt für Derivate, bekannt als Credit-Default Swaps, immer grösser. Bei solchen Kreditausfall-Swaps wird auf die Fähigkeit eines Kreditnehmers gewettet, die Schuld zurückzuzahlen. Derivate spielten eine wichtige Rolle in der weltweiten Finanzkrise.

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Gemäss dem neuen Gesetz werden nun viele Derivate an Börsen gehandelt und nicht mehr in privaten Transaktionen zwischen Händlern. Das könnte sie für die Wall Street weit weniger profitabler machen als die individuellen, ausserbörslichen Abschlüsse, die in diesem Jahrzehnt immens zunahmen.

Einige Banken richten Services ein, um Kunden dabei zu helfen, mit den Veränderungen beim Handel mit Derivaten zurechtzukommen. Die Bank of America Merrill Lynch, die Investmentbanking-Abteilung der Bank of America Corp., hat mehr als 200 Händler, Anwälte und andere Offizielle dazu abgestellt, an einem neuen Derivate-Servicebusiness zu arbeiten. Goldman hat einen Geschäftsbereich eingerichtet, der Kunden bei der Abwicklung von Geschäften mit Derivaten, die an Zinsraten, Fremdwährungsmärkte und Rohstoffmärkte gekoppelt sind, zu helfen. Sanford Bernstein schätzt, dass jede Bank zwischen 150 und 200 Mio Dollar ausgeben muss, um die besten Computersysteme zu unterhalten, die Hedge-Fonds und andere Kunden verlangen.

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Das amerikanische Finanzregulierungsgesetz zwingt Investmentbanken dazu, den Eigenhandel, bei dem Unternehmen mit ihrem eigenen Kapital Geschäfte abschliessen, zu beenden. Schon jetzt verlieren Banken Händler und Geschäft an Nichtbanken wie etwa Private-Equity-Firmen und Hedge-Fonds.

Das sind die Schlupflöcher

Banken könnten versuchen, Auflagen für den Eigenhandel zu umgehen. Sie könnten ihre Handelsabteilungen in separate Unternehmen auslagern, die Räumlichkeiten und Computer von den Banken mieten, und könnten sich von diesen Mittel zum Handel leihen, sagt John Liechty, Professor an der Pennsylvania State University, der beim Entwurf der neuen Abteilung des Finanzministeriums zur Risikoüberwachung half.

Nach wie vor tauchen neue Wettbewerbsgebiete auf, da Banken versuchen, in Bereichen, in denen es um die Erledigung von Handelsabschlüssen für Klienten geht, zu konkurrieren. Die Credit Suisse dringt zum Beispiel in den Währungshandel vor. Goldman baut weiter sein Vermögensverwaltungsgeschäft für Kunden auf. Und Morgan Stanley vergrössert den Geschäftsbereich Brokerage und hat Pläne, eine lokale Brokerfirma in Mexiko zu gründen.

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