Die UBS rappelt sich auf. Steht sie schon wieder auf einem soliden Fundament?

Kaspar Müller: Die UBS befindet sich auf einem guten Weg. Nach der Rettung durch eine grosszügige Schweiz haben Mitarbeiter und das Management eine beeindruckende Arbeit geleistet. Doch solange eine Bank nur eine Eigenkapitalquote von 3 bis 4% aufweist, ist sie nicht über den Berg. Dies gilt übrigens nicht nur für die UBS, sondern für alle systemrelevanten Grossbanken.

UBS und CS rühmen sich, zu den weltweit am besten kapitalisierten Instituten zu gehören

Müller: Die Banken beziehen sich nicht auf die Eigenkapitalquote. Sie meinen vielmehr die Kernkapitalquote (Tier 1), die das Kernkapital ins Verhältnis zu den risikogewichteten Vermögenswerten setzt. Die Kernkapitalquote kann aber nicht zuverlässig über die wirkliche Solidität und Risikoexposition einer Bank Auskunft geben. Die Beurteilung der Solidität der Banken mit der Kernkapitalquote als Schlüsselindikator schafft eine virtuelle Welt, die den Stürmen der Realität nicht standhalten kann. Die Eigenkapitalquote und die Kernkapitalquote werden häufig verwechselt oder deren unterschiedliche Aussagekraft wird nicht verstanden.

Hatten Banken immer schon viel tiefere Eigenmittel als Industrieunternehmen?

Müller: Nein, in den 30er-Jahren hatten auch die Banken Eigenkapitalquoten von rund 20%. Dann sind die Eigenmittel über die Jahre immer stärker geschmolzen. Interessant ist, dass die Banken bei der Kreditvergabe von den Industrieunternehmen eine viel höhere Eigenkapitalquote verlangen, diese selber aber längst nicht erfüllen. In der Bankenbranche wurde das Eigenkapital, die Basis für jede solide Unternehmung, lange Zeit regelrecht verteufelt.

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Woran liegt das?

Müller: Mit dem Zeitgeist des neoliberalen Denkens wurden der Gewinn und die Eigenkapitalrendite zum obersten Gebot. Dabei sind der Gewinn ebenso wie das Eigenkapital Residualgrössen, also keine real greifbaren Grössen, die zudem relativ einfach und ganz legal schön gerechnet werden können. Die Banker trimmen die Institute auf hohe Eigenkapitalrenditen von über 20%. Das erstaunt nicht: Wenn Managerlöhne - wie etwa bei der CS - an die Eigenkapitalrendite gekoppelt sind, laufen die Anreize in die falsche Richtung. Das Gegenteil wäre richtig: Die Lohnanreize müssten in Richtung Stabilität zeigen und das Management für eine Stärkung der Bilanz belohnen. Modelle dafür gibt es. Renditestreben ohne solides Fundament, das ist eine hochexplosive Mischung.

Wie dick sollte die Eigenmitteldecke für die Grossbanken sein, damit Schlimmeres verhindert werden kann?

Müller: Systemrelevante Banken müssten aus meiner Sicht mindestens eine Eigenkapitalquote von 10% haben. Wenn die Grossbanken auch im Investment Banking tätig sind, sollten es eher 15% sein. Dies ist sehr viel im Vergleich zur heutigen Kapitalkraft. Aber die Banken müssen sich das zusätzliche Kapital ja auch nicht von heute auf morgen beschaffen. Sie müssen aber heute klar kommunizieren: Aufgrund dessen, was wir aus der Krise gelernt haben, ist unser Ziel eine solide Eigenmittelausstattung. Das ist leider nicht der Fall.

Wie könnten die Anreize neu gesetzt werden, damit es sich für die Manager lohnt, Eigenkapital zu bilden?

Müller: Boni und Dividenden sollten erst wieder, oder zumindest stark reduziert, ausgeschüttet werden, wenn die Bankinstitute die Schwelle von 10% Eigenmitteln erreicht haben. Es könnte zum Beispiel eine Bonussteuer eingeführt werden, die sinkt, je näher die Bank dem Eigenmittelziel kommt. Ebenso müsste die Höhe des Einlegerschutzes umso höher sein, je weiter entfernt eine Bank von der 10%-Schwelle ist. Die dritte Variante: Den systemrelevanten Banken die Höhe der Eigenmittel vorschreiben. Eine solide Eigenkapitalausstattung ist der Schlüssel zur Deregulierung. Mit einer soliden Kapitalbasis der Banken könnte künftig auf viele Regulierungsanstrengungen verzichtet werden.

Wie ist dies möglich?

Müller: Da mit einer Eigenkapitalquote von 10% automatisch auch die geltenden Mindestanforderungen an die Kernkapitalquote erfüllt sind, kann der mit der Berechnung des Kernkapitals und der risikogewichteten Aktiven verbundene Regulierungsaufwand deutlich gesenkt werden. Banken, die eine Eigenkapitalquote von 8% haben, erfüllen die geforderte Kernkapitalquote von 8% automatisch auch. Die ganze Diskussion und der gesamte Regulierungsaufwand sind also nur notwendig, damit einige Grossbanken mit sehr wenig Eigenmitteln eine sehr hohe Eigenkapitalrendite anstreben können. UBS und CS werden auf diese Weise gegenüber anderen Banken bevorzugt.

Die Grossbanken leben also in der besten aller Welten?

Müller: Ja. Umso unverständlicher ist es, dass sie sich über die strengen Vorschriften und die hohe Regulierungsdichte beklagen. Wer mit 3 bis 5% Eigenmitteln arbeiten will und kann, sollte sich nicht beklagen, dass die Branche überreguliert ist. Solange keine Lawine herunterkommt, ist aus Sicht der Grossbanken alles in Ordnung.

Die nächste Lawine ist schon programmiert

Müller: Die Gefahr ist gross. Kommt die nächste Krise, kann das Kapital der Banken schnell wieder schrumpfen. Die Banken setzen ihre gesamten Vermögenswerte dem Marktwind aus, nicht nur die risikogewichteten. Wenn nur 3 bis 4% der Vermögenswerte ausfallen, wird das ganze Eigenkapital aufgezehrt. Und heute stehen in beiden Bankbilanzen immer noch hohe Positionen von schwer zu bewertenden Anlagen, man nennt diese Level-3-Assets.

Warum gibt es in der am stärksten regulierten Branche so häufig Krisen?

Müller: Die Regulierung hat bewusst die Grundpfeiler - wie eine solide Ausstattung mit Eigenmitteln - ausgeschaltet. Es wird immer über angemesse Eigenmittel gesprochen, was immer auch das bedeuten mag. Und für Banken gilt zum Beispiel im Gegensatz zur Industrie die Eigenkapitalschutzbestimmung von OR 725 nicht. Um trotzdem gegen eine Lawine gewappnet zu sein, musste ein ganzes Geflecht an detaillierten Regeln aufgebaut werden. Doch wer die Lawinenverbauung abreisst, wird keinen Lawinenschutz erhalten, auch nicht mit 1000 Einzelmassnahmen.

Ein Einwand der Grossbanken ist, dass ein höheres Eigenmittelpolster zu steigender Arbeitslosigkeit führt und das Wirtschaftswachstum bremst.

Müller: Das sehe ich anders. Längerfristig können mit solideren Banken, auf die man sich verlassen kann, mehr Arbeitsplätze geschaffen werden. Es entstehen auch neue Chancen. Und auch für die systemrelevanten Banken gilt: Sie können langfristig nicht über ihre Verhältnisse leben. Wenn ein Dorf zu seinem Schutz eine Lawinenverbauung baut, steht die Sicherheit für die Dorfgemeinschaft im Vordergrund und nicht etwa die Frage, wie viel das Dorf eine solche Investitionen kostet.

Werden die Grossbanken den Kredithahn zudrehen, wenn von ihnen die hohen Eigenmittelpuffer gefordert werden?

Müller: Es gibt aus meiner Sicht in der Schweiz genügend Banken, welche die Kreditvergabe nicht einschränken werden und in einem solchen Fall in die Bresche springen könnten. Man muss sich vor Augen halten, dass das Bankgeschäft grundsätzlich ein einfaches Geschäft ist. Es stellt sich immer die gleiche Frage: Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Geld, das angelegt oder ausgeliehen wird, wieder zurückkommt?

Warum scheint dann das ganze Drumherum so kompliziert?

Müller: Zahlreiche Finanzexperten haben sich in ein technokratisches, von mathematischen Formeln gesteuertes System verrannt. Heute wenden sie komplexe Modelle einfach an, sie werden also vom System gesteuert. Genau das passiert auch mit der Kernkapitalquote, man delegiert die Verantwortung an eine künstliche Kennziffer, ohne deren Eigenheiten und Wirkungen wirklich zu verstehen. Gespräche mit Führungskräften aus den Banken haben mir zudem gezeigt, dass viele mit der Kennzahl Kernkapitalquote nicht richtig vertraut sind, obwohl es die Schlüsselgrösse ist.

Am Ende profitieren nur sehr wenige von den hohen Gewinnen.

Müller: Das Bankensystem stand lange im Dienste von Wirtschaft und Gesellschaft. Doch mit der Zeit haben sich viele Banken von der gesellschaftlichen Verantwortung verabschiedet. Damit hat sich das Finanzsystem von der Realwirtschaft abgekoppelt und beginnt sich immer mehr zu verselbständigen. Im Vordergrund stehen für die Akteure verschiedene Massnahmen, um die Eigenkapitalrendite zu steigern. Mit dem nächsten Knall werden sich die grossen Gewinne aber rasch wieder auflösen. In der Zwischenzeit haben ein paar wenige für sich privat extrem profitiert.

Kann man hier noch von einem marktwirtschaftlichen System sprechen?

Müller: Im Sozialismus haben sich ein paar wenige Funktionäre mit dem Geld anderer Vorteile verschafft, ohne dass sie die Risiken dafür getragen haben. Insofern ist die Bankbranche der Planwirtschaft näher als der Marktwirtschaft. Das Land hat das Geld, um die Banken im Notfall zu retten. Doch damit wird ein System weiter gepflegt, das eigentlich bereits gescheitert ist. Bei der Forderung nach einer Eigenkapitalquote von 10% geht es also nicht nur um die Höhe der Eigenmittel, sondern auch um ein Bekenntnis zu marktwirtschaftlichen Prinzipien.