Der Einsatz geliehenen Geldes ist in der Investmentwelt ein zweischneidiges Schwert: In guten Zeiten steigert es den Profit, doch wenn die Märkte einbrechen, kann es «tödlich» sein. Angesichts des Bear-Stearns-Kollapses versichern einige der grössten Investmenthäuser an der Wall Street den Anlegern daher eilfertig, sie unternähmen derzeit alles, um ihren Verschuldungsgrad zu senken.

Dennoch ist bei Goldman Sachs, Morgan Stanley, Lehman Brothers und Merrill Lynch die Fremdkapitalquote weiterhin hoch, in manchen Fällen beträgt sie das 30-Fache des Eigenkapitals. Während des Kreditbooms, als es billiges Geld gab, ist sie rasant angestiegen und liegt bei den Brokerhäusern oft zwei- bis dreimal höher als bei den Geschäftsbanken.

Wenn die Investmenthäuser ihre Verschuldungsquote nun kräftig senken wollen, müssen sie entweder weiteres Geld aufnehmen oder Vermögenswerte verkaufen. Klar ist, dass in jedem Fall Gewinnwachstum und Ertrag gebremst würden. Dennoch sagt Morgan Stanleys Finanzchef Colm Kelleher: «Ich glaube, dass die Ratingagenturen und Regulierer nun auf eine reduzierte Leverage-Quote im System achten werden – und wir passen uns an.» Am eindeutigsten lässt sich die Hebelwirkung bestimmen, indem man die Summe der Vermögenswerte eines Unternehmens ins Verhältnis zum Eigenkapital setzt. Je grösser der Wert, desto mehr Geld musste die Bank aufnehmen, um die Aktivseite der Bilanz zu finanzieren, die normalerweise Investitionen in Aktien, Derivate und Ähnliches umfasst.

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Unbekümmerter Umgang

Wie unbekümmert Wall Street in den letzten Jahren mit geliehenem Geld umgegangen ist, zeigen die Zahlen. Merrill Lynchs Vermögenswerte lagen Mitte 2007 beim 27,8-Fachen des Eigenkapitals (2003: 17,9) und stiegen im 2. Halbjahr, als erste Abschreibungen notwendig wurden, noch kräftig weiter.

Bei Goldman Sachs lag Ende November 2007 die Quote beim 26,2-Fachen und stieg bis Ende des folgenden Quartals aufs 28,2-Fache. Ein Goldman-Sprecher sagt, man sei mit den Zahlen «zufrieden», denen man nicht zu viel Gewicht beimessen dürfe. «Wir glauben, man sollte viel mehr auf risikobereinigtes Kapital und die Qualität der Anlagen achten, die die Performance weit mehr beeinflussen. Wir führen unsere Geschäfte entsprechend den Chancen und Gefahren, die wir sehen, und achten mehr auf Liquidität als auf das Leverage.»

Goldman hatte allerdings auch nicht so hohe Abschreibungen, die bei Merrill Lynch, Morgan Stanley und Lehman das Eigenkapital angegriffen haben. Lehman hat sich vor kurzem 4 Mrd Dollar neues Eigenkapital besorgt und so den Verschuldungsgrad von 31,7 auf 27,3% reduziert. «Wir legen in diesem Quartal unseren Schwerpunkt auf die Verbesserung unserer Bilanz», so ein Firmensprecher.