Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Henk Potts*: Die Volatilität der Finanzmärkte hat in den letzten Wochen deutlich zugenommen. Es gab verschiedene Faktoren, welche die Investoren verunsichert haben, darunter Handelskriege, steigende geopolitische Spannungen, die Auswirkungen der Normalisierung der Geldpolitik seitens der Fed in den USA und die Unsicherheit rund um den Brexit. Wir glauben aber nicht, dass diese Risiken – so konkret sie auch sind – ausreichen, die Weltwirtschaft oder die Finanzmärkte zu destabilisieren. Die globalen Wachstumsprognosen erweisen sich als recht stabil und wir gehen davon aus, dass die Weltwirtschaft im nächsten Jahr mit 3.7 Prozent ein relativ robustes Wachstum verzeichnen wird. Die Unternehmensgrundlagen bleiben attraktiv; die Bewertungen sind realistisch und die Erträge werden weiter zunehmen, wenn sie das auch vielleicht etwas langsamer tun als dieses Jahr. Wir sind der Meinung, dass die jüngste Marktschwäche Anlegern mit einem guten Mass an Gelassenheit und langem Anlagehorizont die Chance bietet, in Risikoanlagen zu investieren.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Kurzfristig werden Stimmungsschwankungen der Anleger die Renditen an den Aktienmärkten dominieren. Eine Vorhersage zu treffen, wie sich die Anleger über diesen Zeithorizont verhalten, ist allerdings ein schwieriges Unterfangen. Aber mit einer Weltwirtschaft, die voraussichtlich weiterwachsen wird, sehen wir auch in der Schweiz durchaus Aktien, die positive Renditen erzielen werden.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Die Prognose für den Schweizer Aktienmarkt für die nächsten 12 Monate ist eine Dividendenrendite von 3,6 Prozent. Wenn sich diese Konsens-Schätzungen als richtig erweisen und in den nächsten Jahren sogar im mittleren einstelligen Bereich zunehmen, können Anleger, die Schweizer Aktien halten, im gleichen Zeitraum mit mittleren bis hohen einstelligen Renditen rechnen.

HenkPottsBoerseninterviewBarclays

* Henk Potts ist Market Strategist – EMEA im Bereich Private Banking bei Barclays.

Quelle: Roger Donovan
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Die landesweiten Proteste gegen Steuererhöhungen in Frankreich sind zur politischen Krise geworden. Werden die Probleme Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft haben?
Frankreich wurde von vier Protestwochenenden erschüttert. Die Protestbewegung der «Gelben Westen» hat die Wirtschaft durcheinander gebracht, indem sie den Verkehr blockierte und so die Lieferketten unterbrach. Wie der französische Finanzminister verkündet hat, werden die Proteste das französische BIP-Wachstum im vierten Quartal voraussichtlich um 0,1 Prozent auf 0,3 Prozent im Quartalsvergleich verringern. Auch die aktuelle Umfrage zum Geschäftsklima der Banque de France bestätigt diese Schätzung und zeigt, dass sowohl das produzierende Gewerbe (Lebensmittel- und Automobilindustrie) als auch der Dienstleistungssektor (Verkehr und Gastronomie) von der aktuellen sozialen Bewegung betroffen sind. Das Mittel von Präsident Macron zum Ausgleich der konjunkturelle Schwächephase ist die Stärkung der kurzfristigen Kaufkraft. Zu den Massnahmen zählen eine Erhöhung des Mindestlohns, steuerfreie Überstunden, Steuersenkungen für Rentner und der Appell an Unternehmen, den Mitarbeitern einen steuerfreien Bonus zu gewähren. Unsere Prognose ist, dass die französische Wirtschaft im nächsten Jahr um 1,4% wachsen wird. Angesichts der grossen Wahrscheinlichkeit, dass weitere soziale Turbulenzen eintreten werden, erwarten wir jedoch ein erhöhtes Abwärtsrisiko.

Es ist schwer, im Handelsstreit zwischen den USA und China den Überblick zu behalten – mal sieht es nach einer Entspannung aus, dann spitzt sich die Lage wieder zu. Was ist Ihre Prognose zum Ausgang dieses Seilziehens zwischen den weltgrössten Volkswirtschaften?
Nach wie vor ist schwer zu sagen, welche Bedingungen ein Abkommen erleichtern und zu einem Waffenstillstand im Handelskrieg führen werden. Was wir jedoch abschätzen können, sind die negativen Auswirkungen von Handelskriegen auf die Weltwirtschaft. Handelskriege reduzieren das globale Handelsvolumen und halten Unternehmen davon ab, Investitionen zu tätigen. Zudem treiben sie auch die Konsumenten- und Produzentenpreise in die Höhe, was sich wiederum negativ auf den Konsum auswirkt und die Inflation anheizt. All diese Faktoren wirken sich negativ auf das globale Wachstum aus. Obwohl die gegenwärtige protektionistische Haltung der USA unmittelbare Auswirkungen auf das Wachstumsprofil Chinas hat, wird sie letztendlich zu höheren Preisen für US-Unternehmen und Konsumenten führen. Die wirtschaftliche Sensibilität lässt vermuten, dass dies die US-Politiker dazu ermutigen wird, die Beziehung zu China mit der Zeit pragmatischer zu gestalten.

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