Die Krise hat die Finanzwelt erschüttert. Wie geht es der Private-Equity-Industrie?

Alexander Krebs: Ich bin seit fast 25 Jahren im Beteiligungsgeschäft tätig und habe mehrere schwierige Phasen erlebt, insbesondere in den Jahren 2001/02. Diese Krise ist für die meisten von uns die heftigste. Die Private-Equity-Branche wurde stark betroffen: Erstens durch die marktbedingten Ertragseinbrüche bei den Portfoliofirmen, zweitens hat sich die Finanzierungssituation drastisch verschlechtert.

Die Branche liegt am Boden?

Krebs: Alle wurden von der Heftigkeit und vom Tempo des Einbruchs überrascht. Deshalb sind die Private-Equity-Teams derzeit primär damit beschäftigt, ihre stark von der Krise betroffenen Firmen über Wasser zu halten oder für den Aufschwung vorzubereiten. Gleichzeitig sind die Banken heute enorm restriktiv in der Vergabe von Krediten bei Neuprojekten. Schliesslich sind auch die Investoren beim Zeichnen neuer Fonds zurückhaltend.

Wie wirkt sich dies konkret aus?

Krebs: Im wichtigsten Segment, den Buyouts, ist das globale Transaktionsvolumen mit 20 Mrd Dollar im 2. Quartal 2009 gegenüber dem Vorjahr um über 80% eingebrochen das Geschäft ist eigentlich zum Erliegen gekommen. Die Branche ist in einer ernsthaften Bewährungsprobe.

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Nun kommt es zur Bereinigung?

Krebs: Ja. Es gibt Einschätzungen, dass in den nächsten Jahren 20 bis 40% aller Private-Equity-Teams ausscheiden werden. Diese Teams haben einerseits grosse Probleme in den Portfoliofirmen, weil sie diese nur ungenügend entwickeln konnten, sie sich zu stark auf Finanzierungstechnik fokussierten ? oder weil sie einfach zu aggressiv waren. Zudem sind nur noch wenige Mittel für Neuengagements vorhanden. Sobald sie wieder ins Fundraising gehen, werden die Investoren wegen des ungenügenden Leistungsausweises nicht mehr mitmachen. In den nächsten drei bis fünf Jahren wird sich die Spreu vom Weizen trennen. Die guten, soliden Teams werden gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Weshalb dauert die Bereinigung so lange?

Krebs: Die Investoren sind typischerweise für zehn Jahre in den Fonds gebunden. Die Teams haben in den ersten fünf Jahren Zeit, die Gelder für Akquisitionen abzurufen, um dann die Firmen über vier bis sechs Jahre weiterzuentwickeln und sich stufenweise wieder zu trennen. Die Investoren können sich nicht einfach zurückziehen, ausser über den sogenannten Sekundärmarkt, wo sie ihre Anteile an andere Investoren veräussern können.

Finden derzeit Transaktionen statt?

Krebs: Heute verkauft niemand freiwillig ein Unternehmen zu einer wenig attraktiven Bewertung. Es gibt zwar ertragsstarke und stabile Firmen, doch diese haben ihren Preis. Weil ihre Anzahl klein ist, ist die Nachfrage der liquiden Private-Equity-Fonds entsprechend gross. Die Bankkredite für Zukäufe sind heute sehr limitiert.

Das geringere Fremdkapital mindert die Rendite der Private-Equity-Firmen.

Krebs: Ja. Als Beispiel: Wir arbeiten an einem Projekt, das wir über 20 Banken zur Mitfinanzierung vorgelegt haben. Nahezu 20 haben abgesagt, eine kleine Zahl sieht sich das Projekt überhaupt an. Dies führt dazu, dass die Investoren viel mehr Eigenkapital einsetzen müssen.

Wie hoch ist der Anteil?

Krebs: Die Quote liegt zum Teil bei 50 bis 70%. Es gibt sogar Fälle, in denen die gesamte Transaktion mit Eigenkapital finanziert wird. Zudem verlängert sich vermutlich die Haltedauer zur erfolgreichen Entwicklung der Unternehmen. In der Summe führt dies zu einer reduzierten Verzinsung des eingesetzten Eigenkapitals.

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Für Zukäufe in den Jahren 2006/2007 wurden zum Teil hohe Bewertungen bezahlt. Können solche Firmen jemals wieder zu einem guten Preis verkauft werden?

Krebs: Absolut. Solide finanzierte Firmen, die zu vernünftigen Preisen gekauft wurden und inzwischen relevante strategisch-operative Fortschritte erzielen konnten, bleiben attraktiv. Wenn aber zu überhöhten Bewertungen akquiriert wurde, die Firma viele Bankkredite in den Büchern hat und keine überzeugenden Entwicklungsschritte erzielt werden können, dann wird es schon ein Erfolg sein, wenn man die Ursprungsinvestition zurückführen kann. Im Extremfall kommt es gar zum Totalverlust.

Die Rückführung der Investitionen erfolgt dann zulasten der Portfoliofirmen?

Krebs: Nein, denn im Zentrum steht immer der Schutz der Firma. Es gibt aber sicherlich auch schlechte Beispiele in der Branche. Wir kämpfen für unsere Firmen.

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Wie geht es Capvis?

Krebs: Insgesamt und im Vergleich zu anderen Häusern sind wir zufrieden. Unser Team ist schon lange zusammen, wir haben gute und schwierige Zeiten durchlebt. Dies hilft uns heute. Was die Mittel für Investitionen betrifft, so haben wir Anfangs 2008 den neuen Capvis-III-Fonds mit knapp 1 Mrd Fr. etabliert. Daher sind wir in der privilegierten Situation, dass uns noch gut 700 Mio Fr. für Erstinvestments zur Verfügung stehen aber auch für Folgefinanzierungen, um die Firmen weiterzuentwickeln und wenn nötig neue Mittel einzuschiessen.

Und Ihre beiden anderen Fonds?

Krebs: Capvis I ist bereits wieder voll desinvestiert. Wir sind dort plangemäss in der Abschluss-sprich Auflösungsphase. Capvis II hatte insgesamt zehn Engagements, von zweien haben wir uns zurückgezogen. In einzelnen Situationen mussten wir im Rahmen der Krisenbewältigung zusätzliches Risikokapital einschiessen. Heute sind wir in den zwei aktiven Fonds in insgesamt zehn Firmen investiert und branchenmässig gut diversifiziert, was uns nun zugute kommt.

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Inwiefern?

Krebs: Der Mehrheit unserer Firmen geht es heute trotz allem zufriedenstellend bis sehr gut. Einzelne Unternehmen, vor allem aus der Maschinen- und Investitionsgüterindustrie, hat die Krise aber stark getroffen. Bei ihnen mussten wir schnell umfassende Kosten- und Bilanzprogramme umsetzen, teilweise Veränderungen im Management vornehmen und mit den Banken die Kredite neu ordnen.

Sie haben noch 2008 in zwei neue Unternehmen investiert. Ein Fehler?

Krebs: Die akquirierten Firmen sind branchenbedingt unterschiedlich betroffen. Als wir die Investition tätigten, haben wir auch Rezessionsszenarien einbezogen. Dass die Krise aber so heftig ausfallen wird, konnten wir nicht ahnen. Die Firmen verfügen über starke Geschäftsmodelle und Marktpositionen. Mittelfristig sind wir nach wie vor positiv eingestellt.

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Stehen bei Capvis 2009 Zukäufe an?

Krebs: Der Dealflow ist nie stillgestanden. Er ist aber massiv eingebrochen, weil sich die Branche zuerst mit den neuen Rahmenbedingungen zurechtfinden musste und auch wir intern stark beansprucht waren. Wir haben Projekte in einem fortgeschrittenen Stadium. Die Gespräche mit den Banken sind anspruchsvoll, doch wenn man von einem Deal überzeugt ist, dann ist man auch bereit, mehr Eigenkapital zu investieren. Ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten zwölf Monaten wieder Investitionen tätigen. Die Visibilität ist besser als noch vor einem halben Jahr, die Märkte scheinen sich zu stabilisieren.

Planen Sie auf der anderen Seite Verkäufe?

Krebs: In unserem Portfolio sind keine Firmen länger als vier bis fünf Jahre dabei. Den einen oder anderen Verkauf bis Ende 2010 schliesse ich nicht aus.

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Fehlen heute die Exit-Möglichkeiten?

Krebs: Gute Firmen können weiterhin verkauft werden. Die Frage ist einfach, ob der Preis gut genug ist. Das Schlimmste ist hinter uns, und es wird sicherlich zu einer gewissen Wiederbelebung kommen. Auch das IPO-Fenster könnte sich im nächsten Jahr wieder öffnen. In Amerika hat es bereits eine gewisse Belebung gegeben.

Über einen Ausstieg von Capvis bei Stadler Rail wird häufig spekuliert.

Krebs: Stadler ist die einzige Firma, in der wir seit mehr als drei Jahren mit 20% als Minderheitsaktionär investiert sind. Stadler ist ein hervorragendes Unternehmen, ausgezeichnet geführt, mit interessanten Perspektiven. Wir haben keine Eile. Stadler Rail erfüllt die Voraussetzungen für ein IPO, die Firma hat einen exzellenten Leistungsausweis. Aber dieser Entscheid liegt am Ende bei Peter Spuhler.

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Hat sich die regionale Öffnung von Capvis bewährt?

Krebs: Heute sind wir im ganzen deutschsprachigen Europa tätig. Unser Heimmarkt bleibt die Schweiz. In Österreich sind wir eher opportunistisch tätig. Und in Deutschland sind wir inzwischen als erfolgreiches Beteiligungshaus etabliert, das aus der Schweiz heraus operiert. Im Moment betrachten wir es als Vorteil, dass wir etwas weiter weg sind. Denn die Swissness wird geschätzt, die Vertrauenswürdigkeit, die Solidität. Wir müssen in der Lage sein, eine Firma richtig zu beurteilen und bei einem Engagement die notwendigen Entwicklungsschritte zu initiieren und zu begleiten, unabhängig davon, ob wir in Deutschland ein lokales Team haben oder nicht.