Wer mit der wirtschaftlichen Erholung im laufenden Jahr mit verstärktem Rückenwind für erneuerbare Energien und insbesondere für die Windenergie gerechnet hat, der sah sich eines Besseren belehrt zumindest was den Branchenprimus Vestas Wind Systems betrifft.

Der grösste Hersteller von Windenergieanlagen schockierte Mitte August die Anleger mit seinen Zahlen zum 2. Quartal 2010: Statt in die Gewinnzone zurückzufinden, musste der Konzern, wie in den ersten drei Monaten des Jahres, einen Verlust ausweisen. Das operative Minus belief sich auf 148 Mio Euro, bei einem Umsatz von nur noch gut 1 Mrd Euro. Während zuvor die Jahresprognose noch aufrechterhalten werden konnte, korrigierte Vestas diesmal die Ziele nach unten. Die Anleger quittierten das Resultat mit einem Ausverkauf der Titel, die Aktien stürzten um rund 26% ab.

Europa und die USA bremsen

«Mittel- bis langfristig handelt es sich bei der Windenergie dennoch um einen Wachstumsmarkt», ist Clariden-Leu-Analyst Markus Bächtold aufgrund des weltweit steigenden Energiebedarfs überzeugt. Angesichts der Grösse und der Investitionsvolumina für Windparkanlagen seien derzeit insbesondere die privaten Investoren in Europa und Amerika sehr zurückhaltend. «Sollte es erneut zu einem konjunkturellen Rückschlag kommen, dann will sich niemand vorwerfen lassen, zur Unzeit Investitionen getätigt zu haben. Also wird weiterhin zugewartet», so der Clariden-Leu-Analyst. Dieses Verhalten sei im Übrigen nicht nur in der Windindustrie zu bemerken, sondern gelte allgemein bei Grossinvestitionen.

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Erschwerend kommt der relativ tiefe Ölpreis hinzu. «Für die Windenergie gilt, dass sie erst ab einem Preis zwischen 60 und 80 Dollar konkurrenzfähig wird», erklärt Patrick Rafaisz, Analyst bei der Bank Vontobel. Aus diesem Grund hätten auch Konjunkturförderprogramme, die mit günstigen Krediten die Investitionstätigkeit ankurbeln sollten, nur beschränkt Wirkung gezeigt.

Schliesslich sieht Rafaisz einen weiteren Punkt, der das Wachstum der Windenergiebranche in Europa bremsen könnte: «Es fehlt schlicht der Platz an Land.» In Dänemark beispielsweise, einem führenden Windenergieerzeuger in der EU, werde bereits gut 20% der Energie über Windkraft erzeugt. «Hier stösst man an eine natürliche Grenze», so der Vontobel-Analyst.

Das schwache Resultat von Vestas hat auch an der Schweizer Börse seine Spuren hinterlassen. Die Aktien des Herstellers von Hochleistungsverbundwerkstoffen Gurit verloren mehr als 3%, innert Wochenfrist fiel das Minus mit rund 9% noch deutlicher aus. «Der Einbruch bei Gurit überrascht nicht, gehört doch Vestas zu den Kunden der Schweizer Firma», so Rafaisz. Dennoch ist er zuversichtlich, was deren Ergebnis für das 1. Halbjahr betrifft. Dieses wird am 21. September publiziert. «Gurit hat im 1. Quartal unter dem Lagerabbau bei Kunden gelitten. Dieser Faktor sollte im 2. Quartal nun nicht mehr belasten», ist er überzeugt. Hinzu kommt eine Stabilisierung in den weiteren Sparten von Gurit. «Das Transportgeschäft ist relativ stabil, während im Bereich Marine der Boden erreicht sein sollte», erwartet Rafaisz.

Schweiter trotzt der Flaute

Im Gegensatz zu Gurit haben die Turbulenzen am Markt dem Industriekonzern Schweiter nicht zugesetzt. Vielmehr konnte das Unternehmen, welches nach der Übernahme von Alcan Composites im vergangenen Jahr über die Division 3A Composites Verbundwerkstoffe für die Windenergiebranche herstellt, im 1. Halbjahr 2010 ein starkes Wachstum und einen Auftragseingang von über 416 Mio Fr. ausweisen. Zusammen mit der Textildivision SSM Textilmaschinen und der Halbleitersparte Ismeca erreichte Schweiter einen Umsatz von 481 Mio Fr. und einen operativen Gewinn von 33,7 Mio Fr., womit die Firma die Analystenschätzungen deutlich übertreffen konnte.

«Schweiter hat ein starkes Wachstum in Asien gezeigt», begründet Rafaisz das überraschend positive Resultat. Neben der regionalen Ausrichtung ist laut Bächtold auch die gute Positionierung des Unternehmens ausschlaggebend, dass Schweiter die Flaute in der Windenergie kaum zu spüren bekommen hat. «Schweiter ist in einer Nische tätig und als Anbieter innerhalb der Branche eher klein», so der Clariden-Leu-Analyst. Dadurch seien die Kapazitäten auch bei einer geringeren Investitionstätigkeit ausgelastet.

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