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Rohstoff
Beim Ölpreis fallen die letzten Tabus

Der Ölpreis schreibt beständig Negativrekorde. Ein Experte hält einen Preis von 10 US-Dollar pro Barrel für möglich. Damit nicht genug: Auch langfristig gibt es wenig Hoffnung auf Besserung.

Karen Merkel
Von Karen Merkel
am 17.08.2015

Es ist der mieseste Sommer aller Zeiten – zumindest, was den Ölpreis anbelangt. Dieser ist ein Fass ohne Boden, so scheint es, er pendelt niedriger und immer noch niedriger. Der Preis für die US-Sorte Western Texas Intermediate (WTI) verlor seit Anfang Juni mehr als in der Finanzkrise von 2008.

Als Ende 2014 der kanadische Ölmilliardär Murray Edwards prognostizierte, dass ein Barrel absehbar zwischen 30 und 40 US-Dollar kosten könnte, schockierte er. Jetzt ist dieses Niveau längst realistisch: In der vergangenen Woche fiel der Ölpreis auf das tiefste Niveau seit 2009, US-Rohöl kostete zeitweise weniger als 42 US-Dollar.

Langfristige Entwicklung ist entscheidend

Ein akut niedriges Niveau ist aber nicht das grösste Problem. Vielmehr stellte Unkenrufer Murrays bereits 2014 die Kernfrage: Entscheidend sei, so sagte er, auf welchem Niveau sich der Rohstoffpreis einpendle. Ein Niveau von rund 70 bis 75 US-Dollar sei «nicht schlecht».

Genau von diesem Ziel verabschieden sich die Analysten aber derzeit. Die Ökonomen der Credit Suisse etwa gingen bisher davon aus, dass sich der Preis 2016 auf um die 70 US-Dollar erholen würde. Nachdem nun zusätzlich zur Ölschwemme durch die anderen Opec-Länder auch der Iran wieder liefern wird, sehen sie die Chancen dafür schwinden und sagen voraus, dass der Preis auch im kommenden Jahr unter Druck geraten kann.

10 US-Dollar pro Barrel wird denkbar

Auch Susanne Toren, Rohstoffspezialistin der Zürcher Kantonalbank, geht von einem weiteren Nachgeben beim Ölpreis aus. Unkenrufer Gary Shilling nennt gar einen Preis von 10 oder 20 US-Dollar pro Barrel, so berichtet Bloomberg. Der Analyst weist darauf hin, dass die Nachfrage im Sommer am stärksten ist – der Ölpreis also zum Winter tendenziell weiter nachgeben müsste.

Auch wenn niedrige Energiekosten die Konjunktur beflügeln, hätte ein solcher weiterer Einbruch fatale Folgen. Etwa ab einem Preis von 35 US-Dollar pro Barrel rechnet die Bantleon-Bank mit sinkenden Preisen in der Euro-Zone und malt damit das Gespenst der Deflation an die Wand.

Abbau von Tausenden Stellen

Und die Branche selbst kämpft: Shell und Chevron kürzen Tausende Stellen, auch der Schweizer Riese Transocean ist arg ins Schleudern geraten, baut Plattform über Plattform ab. Der niedrige Ölpreis bremst auch Industrieriesen: So büsste Sulzer zum Beispiel die Hälfte seines Gewinnes ein.

Eine Zahl könnte Hoffnung geben: Im Juli stieg die US-Ölproduktion erstmals seit September 2014 an. Passen sich die Firmen also an das niedrige Preisniveau an, stabilisiert sich die Branche auf niedrigerem Niveau?

ZKB-Ökonomin Toren geht davon aus, dass der US-Ölmarkt auf leicht tiefer stagnieren «bis leicht zurückkommen wird». Doch für Jubel ist die Zeit zu früh, sie schränkt ein: «Letzteres aber nur minim im Relation zum enormen Überangebot der Opec.»

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