Mit dem gigantischen Euro-Rettungspaket gehen die EU-Länder aufs Ganze. «Die EU setzt alles im Pokerspiel gegen die Spekulanten», sagt Thorsten Hens, Professor für Finanzmarktökonomie an der Universität Zürich und Direktor des Instituts für Schweizerisches Bankwesen (ISB). Zunächst hat sich nicht nur der Euro erholt, sondern auch die Fieberkurven der hoch verschuldeten EU-Staaten sind massiv gesunken. Das Risiko, dass Portugal oder Spanien pleitegehen, schätzen Investoren nun als viel geringer ein als letzte Woche.

Dies zeigt sich daran, dass am Markt für Kreditderivate das Risiko eines Ausfalls der Staatsanleihen gesunken ist. Die sogenannten Credit Default Swaps (CDS) haben sich innert Stunden massiv zurückgebildet, nachdem die EU-Länder den Schutzschild aufgespannt hatten; die fünfjährigen CDS zum Schutz vor einem Ausfall griechischer Papiere sind an einem Tag um 358,5 Basispunkte auf 557 Basispunkte gefallen (siehe Grafik). Doch schon am nächsten Tag hat das Misstrauen wieder leicht zugenommen.

Wenn das Spiel wieder losgeht

Vergangene Woche waren die CDS von Griechenland, Portugal, Irland und Spanien plötzlich sehr stark angestiegen. Dabei sollte mit dem Hilfspaket für Griechenland gerade verhindert werden, dass es zu einem Flächenbrand kommt und die nächsten «Problemfälle» in der EU in die Mangel genommen werden.Mit dem 750-Milliarden-Euro-Auffangschirm fährt die EU nun gröberes Geschütz auf. «Das Paket sollte ausreichen, um die Märkte zu beruhigen», sagt Jan Amrit Poser, Chefökonom und Leiter Research der Bank Sarasin. Mit den Krediten, die im Notfall von der EU bereitgestellt werden, könne die Zahlungsfähigkeit von Spanien, Portugal und Irland für drei Jahre gesichert werden. Griechenland sollte deshalb ein Einzelfall bleiben. Das beschlossene Stützungspaket muss aber noch durch die Parlamente verabschiedet werden. «Zweifeln die Finanzmärkte an der Entschlossenheit der EU, eine solche Summe bereitzustellen, wären selbsterfüllende Erwartungen vorprogrammiert», so Poser.

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Dann würde das gleiche Spiel von vorne losgehen. Die Investoren würden sich fragen: Wer ist der nächste Wackelkandidat? Deshalb fühlen sich viele Marktteilnehmer bei der Griechenland-Krise an die Rettung der taumelnden Investmentbank Bear Stearns vor zwei Jahren erinnert. Sie befürchten, dass bald die Frage ins Zentrum rückt, welchem Staat das Schicksal von Lehman Brothers drohen könnte.

Anleihenmarkt übernehmen

Werden an den Märkten erneut die überschuldeten EU-Staaten ins Visier genommen, steht die Europäische Zentralbank (EZB) für weitere flankierende Massnahmen bereit. Sie könnte zum Beispiel stärker am Bondsmarkt intervenieren. «Im schlimmsten Fall könnte die EZB auch den gesamten europäischen Anleihenmarkt übernehmen», sagt Poser.Was kann sonst noch getan werden, wenn das Vertrauen nicht nachhaltig an die Märkte zurückkehrt? «Geld drucken können die Notenbanken immer», sagt Hens. Sorge bereitet ihm aber, dass angesichts der riesigen Staatsdefizite in Europa der Wille nicht da ist, die Liquidität rechtzeitig wieder abzuschöpfen und die Inflation wirkungsvoll zu bekämpfen.

Poser befürchtet dagegen keinen Teuerungsschub: «Die Inflation ist noch sehr weit weg. Die industriellen Kapazitäten sind unterausgelastet und die Sparprogramme werden das Wachstum dämpfen. Im Moment muss eher der Deflation entgegengewirkt werden.»