Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) wird in wenigen Tagen darüber entscheiden, ob sie den Leitzins anheben wird. Für den 27. Januar erwarten die meisten Marktteilnehmer noch keine Zinserhöhung. Die Ökonomen von J.P.Morgan gehen sogar davon aus, dass die Zinsen noch viel länger auf dem aktuell tiefen Niveau bleiben könnten, denn der US-Notenbank-Chef Ben Bernanke hat bereits mehrmals verlauten lassen, dass die Zinsen längerfristig locker bleiben könnten. Es sei sogar möglich, dass die Zinsen bis zu zwei Jahre lang auf tiefem Niveau verharren könnten, so J.P.Morgan.

Denn trotz der konjunkturellen Erholung ist der wirtschaftliche Aufschwung noch fragil, und die Arbeitslosigkeit in den USA ist mit rund 10% doppelt so hoch wie vor dem Ausbruch der Krise. Ein deutlicher Rückgang zeichnet sich nicht ab. Nur die Zunahme der Arbeitslosigkeit schwächte sich zuletzt leicht ab. Bis ins Jahr 2011 wird daher nur von einem leichten Rückgang der Arbeitslosenquote auf rund 8% ausgegangen. Das Fed befindet sich in der Folge nicht gerade in einer einfachen Situation, wenn es die Zinsen anheben möchte.

Märkte erwarten Zinsschritt

Bei ihrer letzten Sitzung hatte die Europäische Zentralbank (EZB) aus ähnlichen Gründen bekannt gegeben, die Zinsen nicht zu erhöhen. Die Experten von J.P. Morgan machen daher eine unterschiedliche Erwartungshaltung zwischen den politischen Entscheidungsträgern und den Aktienmärkten aus. Denn die Märkte haben Zinserhöhungen in den nächsten Monaten bereits eingepreist. Bei der Credit Suisse werden innerhalb der nächsten zwölf Monate Zinsschritte von bis zu 1% vonseiten des Fed und auch der EZB erwartet. Das UBS Wealth Management beurteilt die Situation ähnlich und erwartet den ersten Zinsschritt bereits in diesem Sommer. Doch: «Sollte die Wirtschaftserholung deutlich an Schwung verlieren, besteht selbstverständlich die Möglichkeit, dass das Fed den ersten Zinsschritt zeitlich nach hinten verschiebt», so UBS-Ökonom Dirk Effenberger. Zudem werde auch nach einem Zinsschritt im Sommer die Geldpolitik des Fed expansiv wirken.

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Schweiz in komfortabler Lage

Die Schweiz profitiert davon, dass sich die grossen Zentralbanken mit der Zinserhöhung schwertun. «Eine Tiefzinspolitik der grossen Wirtschaftsräume hilft der Schweiz, weil dies die Nachfrage nach Exporten ankurbelt und so die wirtschaftliche Situation auch im Inland stützt», so Alessandro Bee, Ökonom bei der Bank Sarasin. Das setze jedoch auch die Schweizer Nationalbank (SNB) unter Druck, auf eine frühzeitige Erhöhung der Zinsen zu verzichten. Denn ansonsten könnte der Aufwertungsdruck auf den Franken markant zunehmen, so Bee.

Sollte sich der konjunkturelle Aufwärtstrend fortsetzen, kommt die SNB nicht um die Erhöhung der Leitzinsen herum. Daher erwartet das Wealth Management der UBS einen ersten Zinsanstieg in der 2. Jahreshälfte. Sollte es jedoch zu einem erneuten Abschwung kommen, wäre auch die SNB dazu gezwungen, die Zinsen tief zu lassen.

Anleger bringen sich in Position

«Die Aktienmärkte profitieren vom aktuellen Tiefzinsumfeld», sagt Effenberger. Denn die reichlich vorhandene Liquidität strömt an die Märkte und die Refinanzierungsbedingungen für Unternehmen bleiben günstig. «Sollten die Zinsschritte jedoch aufgrund einer erneuten Wirtschaftsabkühlung ausbleiben, können auch Aktien nachgeben», so Effenberger. Für Aktienanlagen wäre daher eine verlängerte Tiefzinsphase bei einer anhaltenden Wirtschaftserholung der beste Fall.

Anleger, die in Anleihen investieren wollen, binden sich längerfristig. «Das kurze Ende der Zinskurve in den Industriestaaten ist sicherlich zu meiden», so Bee. Für das lange Ende sieht er mehr Potenzial, da die tiefe Inflation die langfristigen Anleihen unterstützen könnte. Am kurzen Ende böten sich eher Anleihen aus den Schwellenländern oder aus rohstoffexportierenden Staaten an, denn dort dürften die Leitzinsen schneller anziehen.

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