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Retrozessionen
Besser als ihr Ruf

 

Die verpönten Vertriebsentschädigungen bedürfen einer sachlichen Diskussion und klarer Transparenzvorschriften.

Veröffentlicht am 05.02.2014

Unabhängig vom Bundesgerichtsentscheid «Offenlegungspflichten von Retrozessionen bei Vermögensverwaltungsmandaten» dürfte im Hinblick auf die weitergehende Regelung von Vertriebsentschädigungen im Finanzdienstleistungsgesetz (Fidleg) die diesbezügliche Diskussion zusätzlich an Dynamik gewinnen.

Vertriebsentschädigungen sind in die Verwaltungsgebühr eines Fonds «eingebaute» Provisionen. Sie erlauben es Fonds­anbietern, auf einen eigenen Vertrieb zu verzichten und stattdessen einen Platz «in der Vitrine» bei Banken und anderen Vertriebsträgern für ihre Produkte zu erhalten. Das in der Schweiz früher übliche Geschäftsmodell, wonach die Banken nur ihre hauseigenen Fonds anboten, konnte nur dank Einführung der Vertriebsentschädigungen durch die offene Fondsarchitektur abgelöst werden, die ein reichhaltiges Menü mit Produkten diverser Anbieter offeriert.

In jüngerer Vergangenheit stehen Retrozessionen beziehungsweise Vertriebsentschädigungen in den Schlagzeilen, würden sie doch Kundenberater dazu verleiten, nur diejenigen Produkte mit den höchsten Provisionen zu verkaufen. Dieser Interessenkonflikt – auch wenn in vielen Fällen durch diverse Massnahmen abgefedert – ist systeminhärent und besteht im Grundsatz bei hauseigenen sowie Drittprodukten.

Es gilt nachvollziehbare Transparenzvorschriften für die Erhebung von Vertriebs- und sonstigen Entschädigungen zu erlassen. Nur so kann gewährleistet werden, dass eine Beratungstätigkeit auf die Interessen der Anleger ausgerichtet ist und deren Vertrauen in die Finanzintermediäre gestärkt wird.

Transparenz ist bei den Vertriebsentschädigungen notwendig, weil der Kunde so am besten die Abhängigkeiten und Interessenkonflikte beurteilen kann. Sie ist auch in Sachen Kosten für den Kunden erforderlich: Diese Kosten sind im Fondsbereich dank der Kennzahl Total Expense Ratio (TER), die für jeden in der Schweiz zum öffentlichen Vertrieb zugelassenen Fonds vorgeschrieben ist, schon heute etabliert.

Die Anlegerinteressen sollen durch eine objektive Beratung und grösstmög­liche Transparenz geschützt werden. Die Swiss Funds & Asset Management Association (SFAMA) setzt sich dafür ein, dass jede Regulierung und Selbst­regulierung vier Grundprinzipien verfolgt, die für alle Finanzprodukte gelten sollen:

• Transparenz ist das erste Grundprinzip und die wichtigste Voraussetzung für alle Dienstleistungen und Produkte.

• Zweitens soll jede Beratungstätigkeit – unabhängig oder gebunden – auf die Anlegerinteressen ausgerichtet sein.

• Drittens soll Wahlfreiheit bei den Entschädigungsmodalitäten möglich sein, denn nur so können

• viertens Innovation und Produktqualität durch Wettbewerb bei den Beratungs- und Vergütungsmodellen sichergestellt werden.

Immer mehr retrofreie Produkte

Wettbewerb und Wahl- beziehungsweise Vertragsfreiheit bei den Entschä­digungsmodalitäten sind wichtig, denn Verbote führen zu einer unerwünschten Konzentration des Angebots und damit zu Monopolrenten, die nicht im Interesse der Anleger sind. Deshalb sollen Finanzintermediäre auch weiterhin die Möglichkeit haben, Vertriebsentschädigungen zu erheben und zu behalten, jedoch nur, wenn einige Bedingungen erfüllt sind. Dazu ­gehören eine klare und transparente Vereinbarung der Dienstleistungen für die Vergütung des Finanzintermediärs, die Offenlegung der Berechnungsmethode und der Höhe der Vertriebsentschädigungen sowie eine klare Beschreibung eventueller Interessenkonflikte.

Die Herstellung einer vollständigen Transparenz ist arbeits- und kostenintensiv. Sie führt zu hohem Erklärungsbedarf und kann trotzdem einen leichten Nachgeschmack auf Anbieter- beziehungs­weise Nachfrageseite nicht vollständig beseitigen. Zudem kann der Fokus auf die Kosten dazu führen, dass Kundenberater weitere wichtige Aspekte wie Anlageziele oder Risikofähigkeit nicht mehr genügend gewichten. Ein aktueller Trend ist deshalb, sogenannt retrofreie Anteilsklassen einzusetzen. Selbstverständlich geht dies nur, wenn die damit verbundenen Kosten für Auswahl, Prüfung und kontinuierliche Überwachung der Produkte mindestens teilweise durch eine Erhöhung der Depotbankgebühren oder anderweitig kompensiert werden können. Der zunehmende Einsatz von retrofreien Produkten ist ein gutes Beispiel dafür, dass Transparenz und Wettbewerb die besten Innovations­treiber sind.

Transparente Vertriebsentschädigungen machen ökonomisch Sinn. Sie bilden die finanzielle Grundlage für einen guten Service und ein breites Angebot. Oberstes Ziel einer Regulierung im Bereich Vertriebsentschädigungen soll die Gewährleistung einer fachlich guten, objektiven und auf die Anlegerinteressen ausgerichteten Beratung sein, die nicht durch die Höhe allfälliger Entschädigungen des Beraters beeinflusst wird.

Markus Fuchs, Geschäftsführer, Swiss Funds & Asset Management Association (SFAMA), Basel.

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