Zertifikate und Retailderivate stehen in Deutschland aus verschiedenen Gründen stärker unter Druck als in der Schweiz: Einerseits ist der Anteil der Kleinanleger höher, genauso wie die Zahl der Anbieter, Produktekategorien und Derivatetypen. Andererseits erfolgte die Bereinigung aus der Lehman-Pleite, mit Ausnahme der Credit Suisse, vergleichsweise kulant und geräuscharm. Anders in Deutschland: Dort wurde gar in Talkshows über die «hochkomplexen Produkte» debattiert, wobei die Akteure viele Begriffe vermischten.

Auch wenn deshalb die Umsätze und das verwaltete Vermögen seit dem Spitzenjahr 2007 deutlich zurückgegangen sind - die Branche lebt. Anlässlich des Deutschen Derivatetags in Frankfurt von Anfang Oktober diskutierte sie wichtige Trends wie den Stellenwert von Retailderivaten für die Altersvorsorge, die Wichtigkeit der Transparenz für die Branche oder die Veröffentlichung wichtiger Risikokennwerte.

Branche setzt auf Einfachheit

Die gleichen Fragen betreffen auch den schweizerischen Markt und ihre Anleger. «Die Branche setzt auch in der Schweiz wieder vermehrt auf einfachere Produkte, ausserdem wird das Emittentenrisiko noch klarer kommuniziert», sagt Eric Wasescha, Geschäftsführer des Schweizerischen Verbandes für Strukturierte Produkte (SVSP), und ergänzt: «Der Anleger hat aber auch eine Eigenverantwortung, die er vermehrt wahrnehmen muss.» Immerhin habe sich die Qualität der Beratung, ein grosser Kritikpunkt nach der Lehman-Pleite, verbessert. «Wir haben festgestellt, dass sich die Emittenten ihrer Verantwortung bewusst geworden sind und mehr in die Schulung ihrer Berater investieren», so Wasescha.

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Der wieder stark gestiegene Umsatz mit strukturierten Produkten zeige, dass Retailkunden auch in der Schweiz wieder auf diese Produkte setzen und die Vorteile dieser Anlageklasse zu nutzen wissen. Denn mit strukturierten Produkten kann jede Marktmeinung und jede Risikopräferenz abgebildet werden. Zudem erhält der Anleger einen einfachen Zugang zu neuen Assetklassen. «Zu den drei Kernvorteilen ist während der Finanzkrise noch ein vierter hinzugekommen, nämlich die stets hohe Liquidität», erklärt der SVSP-Chef. «Wie wir erfreut bemerkt haben, konnten die Anleger ihre Produkte jederzeit, auch in sehr turbulenten Märkten, zu akzeptablen Konditionen handeln. Dies war in anderen Produktarten nicht immer der Fall», weiss Wasescha.

Transparenz aktiv gefördert

Auch hinsichtlich der Transparenz stellt Wasescha Fortschritte fest: «Die vom SVSP lancierte Swiss Derivative Map ist nicht mehr wegzudenken aus dem Markt und hat sich bei den Marktteilnehmern hervorragend etabliert.» Die kürzlich initiierte Risikokennzahl sowie das Bonitätsrating seien weitere Punkte, wie der SVSP Transparenz aktiv fördere.

«Der Anleger muss eine Meinung haben, wie sich ein Basiswert entwickelt, und er muss wissen, in welchen Szenarien das Produkt Gewinn oder Verlust abwirft», sagt Wasescha den Investoren. «Genau wie bei Obligationen sollte er auch bei strukturierten Produkten seine Anlagen auf verschiedene Emittenten aufteilen denn Diversifikation ist hier ein wichtiges Gebot und dadurch lässt sich das Emittentenrisiko gut streuen.»